Über sie sprach die ganze Welt
Was aus Box-Olympiasiegerin Imane Khelif wurde

Mann oder Frau? Es war der grosse Skandal bei den Spielen in Paris vor zwei Jahren, der niemanden kalt liess. Ein Skandal mit weitreichenden Folgen, denn seither ist viel passiert.
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Die Goldmedaille bei den Spielen in Paris 2024 von Imane Khelif löste eine hässliche Gender-Debatte aus.
Foto: AFP

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Imane Khelif wurde 2024 Box-Olympiasiegerin
  • Es folgte eine hässliche weltweite Gender-Debatte
  • Seit dem Gold-Fight boxte die Algerierin nie mehr
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Patrick MäderAutor Blick Sport

Es war eine solide Rechte ins Gesicht der italienischen Boxerin, 46 Sekunden des Kampfs waren erst um, da winkte Angela Carini ab, drehte sich zu ihrer Ecke und gab auf. Danach verweigerte sie der Siegerin Imane Khelif den Handschlag und rief: «Non è giusto. Fa malissimo» – «Das ist nicht fair. Es tut furchtbar weh.» Später legte sie nach: «Ich habe noch nie so einen Schlag gespürt.»

Der Olympia-Skandal war perfekt. Und er wurde noch grösser, als die Algerierin Khelif, die wegen ihrer offensichtlich männlichen Züge von Anfang an unter besonderer Beobachtung stand, am 9. August 2024, also am Sonntag vor genau zwei Jahren, Olympiagold im Weltergewicht gewann. Eine Medaille mit Folgen: für die Boxerin, für den Boxsport, für die Olympischen Spiele, für die Politik. Nichts wurde in Paris kontroverser diskutiert als diese Gender-Debatte. Für Zwischentöne, die für dieses heikle Thema unabdingbar sind, gab es keinen Platz.

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni tobte nach der Achtelfinal-Niederlage ihrer Landsfrau Carini und bekam dafür viel Applaus von rechts: «Das war kein Kampf auf Augenhöhe. Das war nicht fair.» Und Trump polterte nach Khelifs Olympiasieg natürlich auch. Er spürte sofort, dass diese Debatte ein aufgelegtes Thema ist, um Wahlkampf zu machen. «Ich möchte der jungen Frau gratulieren», höhnte er, «die sich von einem Mann zu einer Frau entwickelt hat. Er … Sie hat Gold gewonnen.»

Keinen Kampf mehr bestritten

Seither ist vieles passiert. Trump wurde wiedergewählt und hat per Dekret trans Menschen die Teilnahme an Mädchen- und Frauensport in den USA verboten. Zudem hat er Einrichtungen gedroht, die trans Mädchen in Sportteams aufnehmen wollen. Das alles mit Blick auf die nächsten Olympischen Spiele, die 2028 in Los Angeles stattfinden und noch in Trumps Präsidentschaftszeit fallen.

Seit dem Gold-Fight von Paris stand Khelif nie mehr offiziell in einem Boxring. Was nicht heisst, dass sie nicht kämpfen musste. Sie kämpfte gegen all die Trolle, die sie über die sozialen Medien anfeindeten, beleidigten, ihr mit dem Tod drohten. So teilten etwa auch Elon Musk und Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling schmerzhafte Tiefschläge aus, bis Khelif Klage wegen Cybermobbings einreichte. Und sie kämpfte gegen psychische Probleme, die sie zu einer monatelangen Therapie nötigten. Auch ihre Mutter wurde krank, mitgenommen vom Schicksal ihrer Tochter, die sie als Mädchen aufwachsen sah.

Offizielle Kämpfe wurden der Olympiasiegerin untersagt, weil der neue Weltverband World Boxing Richtlinien aufstellte. Jede Boxerin muss sich einem Gentest unterziehen, mit dem man das SRY-Gen aufspürt, das normalerweise auf dem Y-Chromosom ist. Die vereinfachte Annahme: Hat ein Mensch dieses SRY-Gen, dann hat er auch XY-Chromosomen, ist also ein Mann. Hat ein Mensch dieses SRY-Gen nicht, dann hat er XX-Chromosomen und ist eine Frau.

Gen-Tests für Olympia obligatorisch

Doch so einfach ist es nicht. Es gibt Abweichungen. Zum Beispiel kann sich das SRY-Gen auch auf einem X-Chromosom befinden, oder es gibt bestimmte Formen der Androgeninsensivität, bei der trotz SRY-Gen keine männliche Pubertätsentwicklung stattgefunden hat. Der Test ist darum wissenschaftlich umstritten und sagt wenig aus über einen möglichen Leistungsvorteil eines SRY-Gen-Trägers gegenüber einem Nichtträger. Trotzdem hat das IOC die Regelung übernommen, wie bereits zuvor die Weltverbände von Ski, Tennis und Leichtathletik, und sich den Applaus von Trump gesichert.

Das heisst: Jede Athletin, die in Los Angeles an den Olympischen Spielen in den Frauenkategorien mitmachen will, muss einmalig diesen Test über sich ergehen lassen. Wer das SRY-Gen hat, wird in den Frauenkategorien nicht zugelassen. Ausnahmefälle kann es geben, unterliegen aber einer detaillierten Abklärung und Prüfung.

Boxen bei Olympia

Lange war nicht klar, ob Boxen, das seit 1920 ununterbrochen zum olympischen Programm gehört hatte, auch in Los Angeles Teil der Spiele sein wird. Grund ist ein Streit des IOC mit dem aus Russland gesteuerten Amateurverbands IBA, der das Boxen bei Olympia von 1948 bis 2016 (Rio) organisiert hatt, damals noch unter dem Namen AIBA.

Der Streit dauerte Jahre, es ging um zahlreiche Verfehlungen und Korruption, schliesslich wurde die IBA vom IOC 2023 ausgeschlossen, was zur Folge hatte, dass die Boxturniere 2021 (Tokio) und 2024 (Paris) vom IOC selber organisiert werden musste.

Das IOC hat inzwischen den im April 2023 gegründeten Amateur-Weltverband World Boxing (WB) als internationalen Verband innerhalb der olympischen Bewegung anerkannt. Somit wird Boxen auch in Los Angeles 2028 Teil des Programms sein. Es dürfen allerdings nur Verbände mittun, die auch Mitglied von World Boxing sind. Die Schweiz gehört seit Februar 2025 dazu.

Showeinlage von Charlie Senior (l.) und Abdumalik Khalokov während den Spielen 2024 in Paris.
IMAGO/AAP

Lange war nicht klar, ob Boxen, das seit 1920 ununterbrochen zum olympischen Programm gehört hatte, auch in Los Angeles Teil der Spiele sein wird. Grund ist ein Streit des IOC mit dem aus Russland gesteuerten Amateurverbands IBA, der das Boxen bei Olympia von 1948 bis 2016 (Rio) organisiert hatt, damals noch unter dem Namen AIBA.

Der Streit dauerte Jahre, es ging um zahlreiche Verfehlungen und Korruption, schliesslich wurde die IBA vom IOC 2023 ausgeschlossen, was zur Folge hatte, dass die Boxturniere 2021 (Tokio) und 2024 (Paris) vom IOC selber organisiert werden musste.

Das IOC hat inzwischen den im April 2023 gegründeten Amateur-Weltverband World Boxing (WB) als internationalen Verband innerhalb der olympischen Bewegung anerkannt. Somit wird Boxen auch in Los Angeles 2028 Teil des Programms sein. Es dürfen allerdings nur Verbände mittun, die auch Mitglied von World Boxing sind. Die Schweiz gehört seit Februar 2025 dazu.

Es gibt keine öffentlich zugänglichen medizinischen Unterlagen zum Fall Khelif. Die Algerierin hatte im Januar der französischen «Équipe» ein Interview gegeben. Darin gab sie zu, das SRY-Gen zu haben, aber sie sei als Mädchen auf die Welt gekommen, sei als Mädchen im Pass registriert worden und als Mädchen aufgewachsen und habe ihre ganze Karriere als Mädchen und Frau Sport getrieben. «Alles, was ich bin, ist natürlich.»

Sie habe weibliche Hormone und diese im Vorfeld zu Olympia gar behandeln lassen, um ihren Testosteronwert auf null zu senken. Ob sie damit zu den Ausnahmefällen gehört, die sich theoretisch den Start trotz positivem Test bei Olympia erstreiten könnten, ist nicht bekannt. Khelif sagt, sie sei bereit, einen solchen Test zu machen, falls dies nötig wäre, und mache sich keine Sorgen.

Aufruf an US-Präsident Donald Trump

Die 27-Jährige hat einen Traum, den sie direkt an Donald Trump richtet: «Herr Präsident, ich bin nicht trans. Ich bin ein Mädchen, eine junge arabische und muslimische Frau, eine Boxerin. Und ich arbeite daran, dass Sie mir eine Medaille auf dem Podium von Los Angeles überreichen.» Absolut unvorstellbar, dass dies geschieht.

Die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry rechtfertigt den obligatorischen Test mit der Fairness und dem Schutz der Frauenkategorie. Einen solchen Aufruhr wie an den Spielen in Paris will das IOC tunlichst vermeiden. Und Trump vor so einem Grossanlass in den USA ein bisschen zu schmeicheln, kann ja auch nicht schaden.

Was passiert nun mit Khelif? Kürzlich wurde im Südosten Frankreichs in Meyzieu bei Lyon heftig über die Boxerin debattiert. In einem Lycée wollten die Schüler einen der Räume nach Imane Khelif benennen, die nicht nur in der Heimat Algerien Heldenstatus besitzt, sondern auch in Frankreich unter vielen arabischstämmigen Jugendlichen. Doch die Behörden blockten den Vorstoss resolut ab. Für ein solches Vorheben würden nur Namen akzeptiert, die als «einvernehmlich, würdevoll und einigend» gelten.

Profi-Debüt musste abgesagt werden

Imane Khelif lebt und trainiert inzwischen in der Region Paris mit dem Ziel, Profi-Weltmeisterin zu werden. Sie hat sich einem bekannten Promoter angeschlossen und dem ehemaligen Trainer des französischen Box-Nationalteams. Am 23. April hätte die 27-Jährige ihr Profidebüt geben sollen. Im Profiboxen gelten andere Regeln als im olympischen Boxen. Als Gegnerin fand sich die Deutsche Julia Igel, die einst in Landquart studiert hatte und jetzt als Boxerin durchstarten will. Der Kampf, der mit Spannung erwartet wurde, musste kurzfristig verschoben werden, da sich Khelif beim Sparring an der Schulter verletzte und nicht antreten konnte.

Rund um den geplanten Fight gab es bereits viel Polemik. Igels Trainerin Ikram Kerwat stichelte: «Für mich ist es ein Er. Für einen Mann ist im Frauenboxen kein Platz.» Vielleicht war das ja mit ein Grund, warum Khelif schliesslich nicht antrat. Vielleicht steigt sie ja gar nie mehr in den Ring. Oder sie lebt ihren Traum von der Titelverteidigung in Los Angeles weiter. Dafür müsste sie sich aber ein ganz dickes Fell überziehen.

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