Blick: Ruth Metzler-Arnold, bei Ihren ersten Olympischen Spielen im Amt holt die Schweiz 23 Medaillen – neuer Rekord. Der Metzler-Effekt?
Metzler-Arnold: (lacht.) Nein. Als Präsidentin von Swiss Olympic bin ich zwar ein Gesicht des Schweizer Sports und ich freue mich sehr über die Gratulationen, die auch mich erreichen – kürzlich sogar von einem Kondukteur im Zug. Aber diese Erfolge sind das Verdienst von unserem Chef de Mission Ralph Stöckli, seinem Team und den Verbänden und ihren Athleten und Athletinnen. Sie sollten wir feiern, nicht mich als Präsidentin.
Sie waren während der zwei Wochen Olympia in praktisch jeder Sportstätte. Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Die Leistungen unserer Athleten und Athletinnen haben mich alle sehr bewegt. Am meisten berührt haben mich die Skisprung-Bronzemedaille von Gregor Deschwanden, das Silber des Aerial-Teams und die Bronzemedaille über 50 km Langlauf von Nadja Kälin. Bei Kälin hatte ich Tränen in den Augen, als sie auf den letzten Kilometern in Richtung Ziel lief.
Es sind also vor allem die Überraschungen, die für Sie herausstechen …
Ob das jetzt Überraschungen sind, möchte ich nicht bewerten. Es waren aber sicher nicht Medaillen, die schon bereit lagen. Aber die Aerials-Medaille ist aus einem bestimmten Grund besonders für mich.
Erzählen Sie.
Am Tag davor habe ich miterlebt, wie Pirmin Werner nach einer tollen Ausgangslage im Final stürzte und danach weinend vor uns stand. Ich habe ihn in den Arm genommen, ihm gesagt, wie stolz wir alle auf ihn sind. Da freut es mich umso mehr, dass er im folgenden Wettkampf mit dem Team danach doch noch eine Medaille holen konnte.
Sie waren fast überall während Milano Cortina 2026. Wie haben Sie die Spiele wahrgenommen?
Im letzten Jahr wäre ich gerne mehr auf Sportplätzen gewesen. Aber mein erstes Jahr war nebst den üblichen Aufgaben geprägt von mehreren strategischen Projekten, zwei Kandidaturen für internationale Sport-Grossanlässe und politischen Herausforderungen – da kommt man dann nicht mehr so viel an sportliche Events. Darum war es mir wichtig, ganz viel aufsaugen zu können, Beziehungen zu pflegen und neue Kontakte zu knüpfen mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Nationen. Dabei habe ich durchs Band positive Rückmeldungen auf unsere Schweizer Bewerbung für 2038 bekommen.
Auch die Schweiz plant dezentrale Spiele. Das Konzept wurde in Milano erstmals angewandt. Erstes Fazit: Für die Stimmung und die olympische Atmosphäre ist dies nicht förderlich. Ihr Urteil?
Im Grundsatz hat das Konzept in Milano Cortina funktioniert. Gerade in Livigno, aber auch in Cortina und in Antholz war die Stimmung sehr gut. Das ist wichtig zu sagen. Aber ja, es braucht Anpassungen, und es gab Kritik an der Olympiastimmung. Das waren in meiner Wahrnehmung vor allem die Ski-Männer, die so geurteilt haben. Die waren in Bormio alleine, da verstehe ich, dass sie nicht viel vom besonderen olympischen Geist gespürt haben. Dafür waren sie vom Hotel innert fünf Minuten auf der Piste – das hätten sie nicht gehabt, wenn sie zum Beispiel in Livigno untergebracht gewesen wären.
Auch die Eröffnungsfeier wurde kritisch beurteilt. Und die fehlenden Medaillenzeremonien am Abend.
Zur Eröffnungsfeier und ähnlichen Themen: Man kann nicht beides haben. Entweder will man dezentrale Spiele. Oder man hat alles am selben Ort, mit allen Nachteilen, die das mit sich bringt. Nur für Olympische Spiele an einem Ort neue Anlagen aus dem Boden zu stampfen, die danach nicht mehr gebraucht werden, das ist keine Option mehr. Bei den Medaillenzeremonien muss etwas passieren, einverstanden.
Was denn?
Wir denken, dass eine Medal Plaza, wie sie von vergangenen Winterspielen bekannt ist, eine gute und stimmungsvolle Sache ist. So etwas kann man auch dezentral organisieren, es muss ja nicht nur eine einzige Medal Plaza geben. Für 2038 planen wir zudem, der Stadt Luzern eine Zentrumsfunktion zu geben, obwohl dort keine Wettkämpfe stattfinden. Damit es eben ein Epizentrum gibt.
Womit wir beim grossen Thema wären: Waren die Spiele in Italien gute Werbung für Olympia in der Schweiz?
Milano Cortina hat gezeigt, dass der dezentrale Ansatz grundsätzlich funktioniert. Unsere Kandidatur für 2038 war immer im Hinterkopf. Ein wesentlicher Pfeiler unserer Kandidatur war bereits sichtbar: Die dezentrale Struktur, die auf bestehenden Anlagen aufbaut. Für Spiele, die so nachhaltig sind wie möglich. Und gleichzeitig weiss ich, dass unsere ÖV-Infrastruktur im internationalen Vergleich ausgezeichnet ist. Da sind wir auf einem anderen Level. Auch beim Thema Nachhaltigkeit. Das sollen die Spiele ja künftig sein – so nachhaltig wie möglich, wobei nicht nur die ökologische, sondern auch die wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit gemeint ist.
Hand aufs Herz: Sie werben für nachhaltige Spiele 2038 in der Schweiz. Glauben Sie wirklich, dass man Ihnen das nach den olympischen Exzessen der letzten Jahrzehnte abkauft?
Ich denke nicht, dass uns das schon alle glauben. Bis jetzt wurde immer viel versprochen. Es wurde oft nicht eingehalten. Aber wir wollen es anders machen. Es geht darum, zu zeigen, was wir planen und wie wir das erreichen wollen. In der Schweiz haben wir eine hervorragende Ausgangslage, wir sind Innovationsleader, Technologie-Leader, top in Forschung und Entwicklung. Wer, wenn nicht wir, soll Wege zu nachhaltigen Spielen gehen können?
Viele verweisen auf die Protz-Spiele von Sotschi.
Ein solcher Vergleich ist absurd. Die Vergabe lief damals unter völlig anderen Voraussetzungen ab, an einen autoritären, autokratischen Staat. Wenn man vergleichen will, dann mit demokratischen Ländern – und insbesondere bei Winterspielen mit Ländern, die ähnliche Werte und Strukturen haben wie die Schweiz. Und Italien hat mit Milano Cortina nun ein Beispiel gegeben, auf dem wir aufbauen und von dem wir lernen können.
Ein häufiger Vorwurf lautet: Bei Olympiaprojekten wird viel versprochen und wenig eingehalten.
Das hat es in der Vergangenheit gegeben. Für mich – und für uns – gilt deshalb: Wir kommunizieren nur das, wovon wir überzeugt sind und was realistisch umsetzbar ist. Glaubwürdigkeit ist zentral.
Wie eng ist der Kontakt zum Internationalen Olympischen Komitee?
Sehr eng, und das auf verschiedenen Ebenen. Wir stehen seit über zwölf Monaten in engem Austausch mit dem IOC. Beim IOC ist man sich bewusst, dass sich bei der Ausrichtung von Olympischen Spielen etwas ändern muss. Spiele sollen sich nicht mehr nach fixen Vorgaben des IOC richten, sondern sich an das Gastland anpassen. Das ist ein Feedback, das ich jetzt auch in Italien immer wieder bekommen habe.
Oft heisst es, die Schweizer Bevölkerung wolle keine Olympischen Spiele.
So pauschal stimmt das nicht. Die Schweizer Bevölkerung hat sich auf nationaler Ebene noch nie in einer Abstimmung zu Olympischen Spielen geäussert. Es gab kantonale Abstimmungen, etwa in Sion oder Graubünden. Dass es damals bei ganz anderen Voraussetzungen und viel höheren finanziellen Belastungen für die Kantone gewisse Vorbehalte gab, verstehe ich.
Wie nehmen Sie die Stimmung in der Bevölkerung wahr?
Ich glaube, dass die Bevölkerung insgesamt positiver denkt, als man es teilweise liest. Seit der Lancierung des Projekts wurde ich sehr häufig darauf angesprochen – so stark wie selten zuvor –, und fast ausschliesslich positiv: «Wir holen die Spiele in die Schweiz, ich helfe mit!» – das höre ich oft.
Aber am Ende geht es doch wieder ums Geld.
Bei Sion 2026 wäre der Bund mit rund einer Milliarde Franken beteiligt gewesen. Heute sprechen wir von etwa 200 Millionen Franken Bundesbeitrag, ein grosser Teil davon für die Paralympics. Es ist Teil des Konzepts, dass sich auch Wirtschaft und Private engagieren und nicht primär der Staat. Über 80 Prozent des Organisationsbudgets soll von Privaten finanziert werden.
Reden wir noch über die SRG-Halbierungsinitiative. Der Sport engagiert sich stark dagegen – solch starke politische Positionierung ist ungewohnt.
Man muss verstehen, welchen Beitrag Sportübertragungen insgesamt leisten – nicht nur für einzelne Sportarten wie Ski alpin oder bei Grossanlässen wie Olympischen Spielen. Sportberichterstattung bedeutet mehr, als nur Wettkämpfe zu zeigen. Es geht um Einordnung, Wissensvermittlung und darum, Persönlichkeiten sichtbar zu machen und deren Geschichten zu erzählen.
Warum sollen private Anbieter diese Rolle nicht übernehmen können?
Champions-League-Rechte kann jemand anders kaufen. Die entscheidende Frage ist aber: Wer zeigt den Schweizer Sport in seiner ganzen Breite? In allen Landesteilen und in den vier Landessprachen? Wer gibt auch weniger quotenstarken Sportarten eine Plattform oder wer überträgt die Paralympics? Das hat einen sehr grossen Wert.
Was wären die konkreten Folgen einer Halbierung der SRG-Mittel?
Fakt ist: Wenn die Mittel halbiert werden, verliert der Sport mit hundertprozentiger Sicherheit sehr, sehr viel Sichtbarkeit. Dass sich der Sport in dieser Frage stark engagiert, zeigt, dass es um etwas Grundsätzliches geht.
Worum genau?
Es geht darum, den Sport auch abseits der grossen Bühne abzubilden. Die SRG zeigt den Sport in seiner ganzen Breite. Er zeigt grosse und kleine Sportarten, Frauensport und Para-Sport. Über die Sprachgrenzen hinweg jubeln wir über die Goldmedaillen von Franjo von Allmen und Mathilde Gremaud. Die SRG verbindet uns als Sportnation. Verschwindet diese Sichtbarkeit, verschwinden auch die Vorbilder für unsere Kinder und Jugendlichen.
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