Nach Töff-Horror im Rollstuhl
Schweizer Motocross-Legende (62) kämpft sich ins Leben zurück

Am Sonntag rasen die MXGP-Stars wie Jeremy Seewer über die WM-Piste in Frauenfeld. Unter den Zuschauern: Sigi Zachmann, in der Schweizer Motocross-Familie bestens bekannt. Auch weil er trotz seines Unfalls 2023 im Leben weiterhin Vollgas gibt.
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Seit 40 Jahren Seite an Seite: Schweizer Motocross-Legende Sigi Zachmann mit seiner Frau Susi in der Werkstatt ihres Töff- und Velogeschäfts in Diessenhofen.
Foto: BENJAMIN SOLAND

Es ist ein paar Tage vor dem Motocross-GP in Frauenfeld, an der Wand hängen zwei signierte Trikots vom Schweizer MXGP-Helden Jeremy Seewer (31). Davor, mitten in seinem Töff- und Velo-Geschäft in Diessenhofen TG, sitzt Sigi Zachmann (62), der Vater von Seewers Freundin Tyra Zachmann (24). 

Den Thurgauer kennt jede und jeder im familiären Schweizer Töff-Kosmos. Und zwar nicht wegen seiner privaten Verbindung zum fünffachen Vize-Weltmeister – Sigi Zachmann selber ist eine Schweizer Motocross-Legende. Einst Landesmeister, Profi-Rennfahrer, Kultfigur der wilden Supermoto-Jahre, früherer Motocross-Nationaltrainer, daneben auch Töff-Importeur, Tuning-Spezialist, Arbeitgeber, Teamchef. Und, seit zwei Jahren, ist Zachmann auch Paraplegiker. 

Ihm wurde ein Leben als Pflegefall prognostiziert – jetzt geht er zum Kitesurfen

Es passiert am verhängnisvollen 1. Dezember 2023. Ein Unfall in Portugal auf einer Enduro-Tour irgendwo im Hinterland von Porto. «Mir war sofort klar, dass ich gelähmt bin. Am Schienbein hatte ich einen offenen Bruch, doch ich habe nichts gespürt», schildert er pragmatisch. 

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«Ohne meine Familie und mein Umfeld mit vielen guten Freunden hätte ich es niemals bis hierhin geschafft.»
Sigi Zachmann über sein selbstständiges Leben als Paraplegiker
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Doch Zachmann kämpft sich mit enormer Willenskraft ins Leben zurück. Er zückt das Handy, zeigt Videos von sich. Die Bilder sind verblüffend. Zachmann beim Skifahren in einem Sit-Ski, Zachmann beim Mountainbiken mit einer Dreirad-Konstruktion, Zachmann beim Para-Bobfahren in St. Moritz und Zachmann sogar beim Kitesurfen. Auch schwimmen geht er wöchentlich. Sein verschmitztes Lächeln sitzt wie eh und je. Hat dieser Mann wirklich mit einem prognostizierten Leben als Pflegefall acht Monate im Spital verbracht? 

MXGP-Star Seewer hat Zachmanns Schicksal durch seine Freundin eng miterlebt. «Sigi und die ganze Familie hatten eine sehr harte Zeit», sagt er, «Sigi ist ein enormer Kämpfer und denkt immer positiv. Chapeau, wie fit er in seinem Alter wieder geworden ist. Er macht ja vieles, was mit seinem Lähmungsgrad als gar nicht möglich gilt. Extrem eindrücklich.» 

Zachmann selber sagt dazu klipp und klar: «Ohne meine Familie und mein Umfeld mit vielen guten Freunden hätte ich es niemals bis hierhin geschafft.» Fast wie aufs Stichwort erscheint Zachmanns Frau Susi im Töffgeschäft. Die beiden sind seit 40 Jahren ein Paar, haben privat und beruflich vieles durchgemacht und meistern nun auch den Schicksalsschlag mit der Querschnittlähmung gemeinsam.

MXGP-Action mit Seewer live auf SRF

Das wird ein harter Sonntag für die Schweizer Motocross-Fans. Für den Grand Prix in Frauenfeld TG sind empfindlich kalte Temperaturen angesagt. Zudem kam der Schweizer MXGP-Hoffnungsträger Jeremy Seewer in den ersten beiden Rennen 2026 nicht auf Touren, das Paket mit seiner Ducati passt hinten und vorne nicht. Der fünffache Vize-Weltmeister Seewer reist auf dem fast unwürdigen 20. WM-Rang zum Heimauftritt. «Ich werde aber auf jeden Fall mein Bestes geben», sagt er.

Ein Highlight wie letztes Jahr am Heimrennen, als Seewer umjubelter Dritter wurde und Ducati den ersten MXGP-Podestplatz der Firmengeschichte bescherte? Ist nicht zu erwarten. Im Quali-Rennen am Samstag landet der Zürcher auf Rang XX. SRF info zeigt die beiden Läufe der Königsklasse MXGP live (14.00 Uhr und 17.00 Uhr).

Wie gehen die Piloten mit der Kälte um? Die halten ihre Hände vor dem Start hinter den Auspuff, damit die warmen Abgase die Finger wärmen … (md)

Jeremy Seewer fährt das zweite Jahr für das Ducati-Werksteam: Der Saisonstart 2026 ist bisher aber sehr zäh.
Davide Messora Ducati Corse Offroad

Das wird ein harter Sonntag für die Schweizer Motocross-Fans. Für den Grand Prix in Frauenfeld TG sind empfindlich kalte Temperaturen angesagt. Zudem kam der Schweizer MXGP-Hoffnungsträger Jeremy Seewer in den ersten beiden Rennen 2026 nicht auf Touren, das Paket mit seiner Ducati passt hinten und vorne nicht. Der fünffache Vize-Weltmeister Seewer reist auf dem fast unwürdigen 20. WM-Rang zum Heimauftritt. «Ich werde aber auf jeden Fall mein Bestes geben», sagt er.

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Wie gehen die Piloten mit der Kälte um? Die halten ihre Hände vor dem Start hinter den Auspuff, damit die warmen Abgase die Finger wärmen … (md)

Die Töff-Legende sagt emotional: «Susi ist eine riesige Stütze, ohne sie könnte ich meinen Alltag nicht so gut bewältigen. Mein erster Gedanke nach dem Unfall war: Was nur tue ich meiner Frau an? Das erste Telefongespräch mit ihr war sehr traurig.» 

Während der Aktivkarriere hatte sich Zachmann nie richtig schwer verletzt. Nun passiert es kurz vor dem 60. Geburtstag auf einer Freizeit-Tour. «Wir waren eigentlich schon auf dem Weg ins Restaurant», schildert er, «da habe ich diesen grossen Stein übersehen.» Das Vorderrad bleibt hängen, der Thurgauer fliegt über den Lenker in ein felsiges Feld. Fünf Stunden muss Zachmann mit gebrochenem Rücken ausharren, derart kompliziert ist die Rettung im unwegsamen Gelände. Erst ein Armeefahrzeug schafft es, zur Stelle vorzudringen.

Das erfolgreiche Crowdfunding rührt Zachmann

Nach den ersten Operationen in Portugal wird Zachmann ins Paraplegikerzentrum nach Nottwil LU überführt. «Drei Monate konnte ich nur liegen. Da gibts schon Momente, in denen man denkt: Eigentlich wärs besser, wenns jetzt vorbei wäre.» 

Doch Zachmann beisst sich durch. Der Spitzensportler-Ehrgeiz ist auch mit 60 Jahren noch da. Und was ihm enorm hilft: die Welle der Solidarität. «Die Reaktionen kamen von überall her, auch international. Ich hatte eine ganze Wand voller Briefe und Nachrichten.» Seine Töchter Tyra und Joyce lancieren ein Crowdfunding für den behindertengerechten Umbau des Hauses.

Zachmann: «Ich wollte das gar nicht. Aber es ging tief ins Mark, mitzuerleben, wie viele Leute gespendet haben.» Besonders gerührt ist er auch heute noch, wenn er erzählt, dass selbst Kinder einen Fünfliber Sackgeld gespendet haben. «Da hat man wohl vor dem Unfall im Umgang mit den Mitmenschen nicht alles falsch gemacht», mutmasst Zachmann. Seine Frau nickt und sagt: «Wir als Familie haben uns nie alleine gefühlt. Das hat extrem geholfen.»

Und weil gerade der einheimische Motocrosspilot Roman Keller vor dessen MXGP-Gaststart im Töffgeschäft vorbeischaut, erzählt Zachmann exemplarisch eine Anekdote, wie sehr ihm sein Umfeld beiseitesteht. Keller nahm extra für seinen Teamchef an einem Ultra-Lauf teil, sammelte so für seine über 100 gelaufenen Kilometer Spenden – «dann hat er mich mit diesem Geld nach Florida ans Supercross-Rennen in Daytona eingeladen. Solche Gesten sind überwältigend».

Zachmann redet auch offen über die harten Momente

Selbst Überseeflüge liegen wieder drin. Ein erheblicher Faktor für Zachmanns heutige Lebensqualität ist, dass vier eigens nach Nottwil beorderte Handspezialisten seine völlig zerstörte linke Hand retten können. Zachmann zeigt im Rollstuhl vor, wie entscheidend zwei einsetzbare Hände sind. Da er von der Brust an abwärts gelähmt ist, benötigt er eine Hand, um den Körper in der Balance zu halten – die andere Hand für alles andere. 

Aber der Diessenhofer redet auch offen über die weniger schönen Momente. Die Schmerzen. Dass er die Kräfte über den Tag besser einteilen muss. Dass der Handywecker ihn an den WC-Besuch erinnern muss. Die Brandwunde am Bein vom Auspuff seines Quads, weil er die Hitze nicht spürte. Und natürlich: die Momente, in denen es extrem wehtut, nicht mehr selber auf den Motocross-Töff steigen zu können. 

Doch die lebenslange Töff-Leidenschaft bleibt. Seine Motocross-Schule führt er sitzend weiter. Auch Seewer hatte als talentiertes Kind einst Lektionen bei ihm besucht. Und dann ist da noch die Lektion, die Zachmann tagtäglich ausstrahlen möchte: als Inspiration, dass man sich selbst auch aus dem dunkelsten Loch wieder herauskämpfen kann. 

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