Tom Lüthi (39) musste noch nie an den Ort zurückkehren, wo er verwurzelt ist. Aus einem einfachen Grund: Er ist noch nie weggezogen – und hat es auch nicht vor. Der Töff-Weltmeister aus Linden BE hat gerade ein Wohnprojekt in seiner Gemeinde realisiert. Er lebt jetzt nach einer Komplettrenovation des Bauernhauses, in dem er aufgewachsen ist, sogar wieder im gleichen Haus. «Ich habe beim Umbau vieles selber gemacht. Da steckt viel Herzblut drin», sagt Lüthi.
Seit rund einem dreiviertel Jahr ist er nun in seiner neuen Wohnung daheim. «Es ist aber noch längst nicht alles fertig», sagt er fast entschuldigend. Ein ganz grosses Fest gab es aber bereits im neuen Zuhause. Im Dezember feierte der grösste Schweizer Töff-Rennfahrer der Neuzeit bei sich daheim ein grosses Jubiläum: 20 Jahre Weltmeister. «Ich habe das ganze Team von damals eingeladen, es kamen alle», schildert er begeistert. Selbst seinem legendären deutschen Chefmechaniker, 79 Jahre alt, war die Reise in die Abgeschiedenheit oberhalb Thuns nicht zu weit.
Steigt nun beim Berner Töff-Held bald die nächste grosse Party?
Lüthi wird am 6. September 40. Geplant ist noch nichts. Er sagt: «Ein paar meiner Kollegen haben die neue Wohnung noch gar nicht gesehen. Es wäre eine gute Gelegenheit, alle einzuladen.» 40 Jahre Thomas Lüthi. Oder eben Tom. Ausser dem legendären Töff-Rennsportfotografen Waldemar Da Rin nennt ihn sowieso niemand Thomas. Nicht mal seine Eltern. Und auch nicht seine Freundin Michelle Käch (32). Die Solothurnerin und der Berner sind frisch verliebt. «Wir kennen uns schon zehn Jahre, zwischendurch hatten wir nicht mehr viel Kontakt. Doch jetzt sind wir etwas mehr als ein halbes Jahr zusammen», sagt Lüthi zu seiner Beziehung mit Käch. Eine neue Liebe und eine neue Wohnung: Im 40. Lebensjahr scheint sehr viel frischer Wind durch das Leben von Lüthi zu wehen.
Lüthi hält sein Privatleben privat
Seit seiner Beziehung zu Fabienne Kropf, die heute mit Eishockey-Star Mark Streit verheiratet ist, hält Lüthi sein Privatleben möglichst aus der Öffentlichkeit. Kropf war damals auch seine Managerin, daher stand das Paar auch beruflich gemeinsam im Rampenlicht. Das ist jetzt anders. Michelle Käch stammt nicht aus dem Töff-Universum. «Ich habe Germanistik studiert, bin jetzt Co-Gründerin einer Kommunikationsfirma und doziere noch an der Berufsschule», sagt sie. «Dem sagt man Workaholic», foppt sie ihr Freund postwendend.
Doch auch Lüthi hat mehrere Hüte auf. Er ist seit seinem Rücktritt 2021 nach einer kurzen Pause nach wie vor im Fahrerlager tätig. Neben seinem Hauptjob, die beiden Rennfahrer Manuel Gonzalez, 24, und Senna Agius, 21, aus dem deutschen Rennstall Intact GP als Mentor zu begleiten, sitzt er auch als Experte am SRF-Mikrofon. Doch wie lange noch? Nicht nur wegen des anstehenden runden Geburtstags grübelt Lüthi über sein Globetrotter-Leben nach. «Das Reisen selber macht mir nichts aus. Aber das ständige Wegsein von daheim macht müde», sagt er nachdenklich.
Seit seinem Sprung auf die grosse Bühne als 15-Jähriger fliegt er um die Welt. Die Rennen sind jedes Jahr in den USA, Südamerika, Asien, Australien und an zig Orten in Europa.
Flughäfen, Klimazonen, Jetlags, Hotelbetten. Der Wanderzirkus Töff-WM ist die Formel 1 im Kleinformat, aber auch hier gehts um viel Geld. «Ich bin eigentlich gar nicht der Typ für diesen Rummel», sagt Lüthi, «hätte ich nicht daheim immer wieder zur Ruhe kommen können, hätte ich niemals eine solch lange Karriere gemacht. Ich brauchte den Gegenpol.»
20 Jahre lang GP-Fahrer, die viertmeisten WM-Rennen der Geschichte, Weltmeister. Seine Leidenschaft für den Sport ist ungebrochen. Auch wenn er sie jetzt nur noch an der Boxenmauer auslebt.
Lüthis Arbeit als Fahrer-Mentor ist erfolgreich, beide seiner Schützlinge gewinnen dieses Jahr Rennen, können vom WM-Titel und vom Aufstieg in die Königsklasse träumen.
In seiner neuen Wohnung steht zwar als Blickfang eine originale Rennmaschine von 2012. Aber sonst sind die Erinnerungsstücke an die grosse Karriere eher spärlich eingesetzt.
Die Eltern sind ins Dorf gezogen
Ein Foto vom Tag des WM-Titels steht sehr diskret auf einem kleinen Sockel. Wer das Bild nicht kennt, dem fällt es kaum auf. Woher diese Bodenständigkeit kommt? Man braucht nicht weit zu suchen. Tom Lüthis Eltern Silvia und Ueli sind auch zum Kaffee gekommen. Sie haben schon länger die Gebäude und das Grundstück an den berühmten Sohn verkauft, nun sind sie weggezogen – weg vom abgeschiedenen Hof, runter ins Dorf. «Wir wohnen jetzt in Linden City», sagt Silvia schmunzelnd. Dort ist alles Wichtige zu Fuss erreichbar. Eine vorausschauende Entscheidung. «Vielleicht kann man eines Tages nicht mehr Auto fahren, wir wollten rechtzeitig vorsorgen.» Dass Tom nun unter demselben Dach wohnt, wo er und seine beiden älteren Schwestern aufgewachsen sind, macht die Eltern überglücklich. «Das ist eine tolle Lösung», sagt Mama Silvia.
Papa Ueli, der Tom Lüthi das Benzin im Blut weitervererbt hat, taut im ebenfalls neuen Nebengebäude auf. Über der Garage thront ein Töff-Paradies mit Werkstatt. Lüthi schraubt gerade an seinem Trial-Töff herum und fachsimpelt mit seinem Vater über eine streifende Bremsscheibe. Zurück an den Esstisch. Der berühmteste Pokal der Schweizer Sports-Awards-Geschichte hat hier einen schönen Platz an der Wand bekommen. 2005 bewegte Lüthi mit seiner beispiellosen Geschichte vom Bauernbuben, der in die Welt auszog und Weltmeister wurde, die Menschen mehr als Tennis-König Roger Federer. Er wurde Sportler des Jahres – eine Leistung, die bis heute beeindruckt.
Und bis heute lebt er immer noch in seinem Linden, wo alles begann.