Wer trifft öfter ins Schwarze?
Diese beiden Schützinnen trennen 82 Jahre

Ein sagenhafter Altersunterschied von 82 Jahren liegt beim Eidgenössischen Schützenfest in Chur zwischen der ältesten und der jüngsten Teilnehmerin. Beim ersten Treffen verstehen sich die Seniorveteranin und die U10-Juniorin auf Anhieb.
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Zwei Generationen treffen aufeinander: Käthi Hauenstein (rechts) und Anja Heuberger posieren in der Schiessanlage mit ihren Sportgeräten.
Foto: Joseph Khakshouri
Thomas Wälti (Text), Joseph Khakshouri (Fotos), GlücksPost
Glückspost

Anja Heuberger (8) tippelt von einem Bein aufs andere. Sie kann es kaum erwarten, dass sich die Tür des Reiheneinfamilienhauses in Niederlenz AG öffnet. Anja ist mit ihren Eltern und ihrem Bruder extra aus Waldkirch SG angereist, um Käthi Hauenstein (90) zu treffen. Bei der Begrüssung sagt die Gastgeberin zur Zweitklässlerin: «Komm herein, dein Besuch freut mich sehr!»

Während sich Anja in der Stube umschaut, setzt sich die rüstige Gastgeberin für das Gespräch mit dem GlücksPost-Redaktor an den Stubentisch.

«Frau Hauenstein, was wird es, wenn Sie Ihr Strickstück fertighaben?», fragt Anja keck. «Ein Kinderpullover für die Aktion Weihnachtspäckli der Christlichen Ostmission», antwortet die Witwe. «Stricken ist neben dem Schiessen und Puzzlen mein schönstes Hobby.»

Treppensteigen hält fit

Käthi Hauenstein bittet ihre Gäste in den dritten Stock des Hauses. Schwungvoll steigt die gebürtige Deutsche aus Koblenz im Bundesland Rheinland-Pfalz die Treppen hoch. «Die Stufen halten mich fit», meint sie. Oben im Dachzimmer liegt ein angefangenes Puzzle auf dem Tisch. Wenn die 1000 Teilchen zusammengesetzt sind, zeigen sie das elegante Flussschiff MS Antonio Bellucci.

An einer Wand prangt ein Kranzkasten, hinter dessen Glasschieber Kränze und Ehrenabzeichen von Schiesswettbewerben hängen. Käthi Hauenstein rückt ihre Brille zurecht. «Viele dieser Auszeichnungen hat mein verstorbener Mann gewonnen. Ich kann nicht sagen, welches Kranzabzeichen mir am meisten bedeutet. Jede Auszeichnung hat ihre eigene Geschichte.»

Zum Schiesssport sei sie durch ihren Mann gekommen. Sie habe ihn überall an die Wettkämpfe begleitet. «Er hat mir dann ein neues Sturmgewehr 90 geschenkt.»

Käthi Hauenstein wuchs in Kriegszeiten auf. Eine reguläre Ausbildung konnte sie nicht machen – es wurden praktisch keine Lehrstellen angeboten. Weil die Leitung in ihrer Koblenzer Wohnung kaputt war, erlitt sie eine Gasvergiftung. Als Folge davon hatte sie ständig Kopfweh.

Später reiste sie mit ihrem Grossvater in die Schweiz, wo ihre Tante lebte. «Ich arbeitete erst in einem Restaurant in Vilters bei Sargans SG, half beim Heuen aus, dann gab ich in einer Schule Turnunterricht. In dieser Zeit lernte ich meinen Mann kennen», erzählt Käthi Hauenstein. Die Ehe blieb kinderlos.

Klares Ziel vor Augen

Später wechseln Käthi Hauenstein und Anja Heuberger in die Regionalschiessanlage Lenzhard in Lenzburg AG. Die älteste und die jüngste Teilnehmerin des 59. Eidgenössischen Schützenfestes in Chur/Graubünden beginnen zu fachsimpeln. «Wir wollen ins Schwarze treffen und den Kranz gewinnen», sagen sie einstimmig. Käthi Hauenstein, Seniorveteranin und Mitglied des SV Chestenberg Niederlenz, schiesst mit einem Sturmgewehr 90 auf der 300-Meter-Distanz; die U10-Juniorin des SV Niederbüren SG mit einem Luftgewehr 10 über zehn Meter.

Am ESF werden 2,5 Millionen Schüsse abgegeben

Das 59. Eidgenössische Schützenfest (ESF 2026) findet vom 5. Juni bis 5. Juli in Chur und in den Regionen des Kantons Graubünden statt. Der Hauptschiessplatz ist das Festzentrum Rossboden in der Kantonshauptstadt Chur. Das ESF wird nur alle fünf Jahre ausgetragen. Am grössten Schützenfest der Schweiz werden 36’000 Teilnehmende und 100’000 Gäste erwartet. 2,2 Millionen Schüsse werden allein auf der 300-Meter-Distanz abgegeben, 220’000 Schüsse auf 50 und 10 Meter. Das Budget beläuft sich auf 14 Millionen Franken. 5000 Freiwillige stehen im Einsatz. OK-Präsident ist der Bündner Nationalrat Martin Candinas (45).

Das 59. Eidgenössische Schützenfest (ESF 2026) findet vom 5. Juni bis 5. Juli in Chur und in den Regionen des Kantons Graubünden statt. Der Hauptschiessplatz ist das Festzentrum Rossboden in der Kantonshauptstadt Chur. Das ESF wird nur alle fünf Jahre ausgetragen. Am grössten Schützenfest der Schweiz werden 36’000 Teilnehmende und 100’000 Gäste erwartet. 2,2 Millionen Schüsse werden allein auf der 300-Meter-Distanz abgegeben, 220’000 Schüsse auf 50 und 10 Meter. Das Budget beläuft sich auf 14 Millionen Franken. 5000 Freiwillige stehen im Einsatz. OK-Präsident ist der Bündner Nationalrat Martin Candinas (45).

Was gefällt den beiden Schützinnen am Schiesssport? «Die Gemeinschaft. Wir pflegen einen wunderschönen Zusammenhalt», sagt Käthi Hauenstein. Um anzufügen: «Schiessen hält mich jung!» Und Anja antwortet: «Wenn ich ein ‹Zäni› schiesse, habe ich ganz fest Freude.» Sie konzentriere sich auch sehr gerne. Das sei in diesem Sport wichtig, ergänzt Mutter Daniela (36). Anjas Bruder Livio (6) ist noch zu klein, um am ESF mitzumachen.

Marienkäfer als Glücksbringer

Gewänne Anja am ESF eine Barauszahlung, würde sie sich einen Marienkäfer als Glücksbringer kaufen. Die St. Gallerin ist durch ihren Vater Christoph (39) zum Schiesssport gekommen. Sie hat viele Hobbys: Klarinettespielen, Singen im Chor, Jugendriege, Trampolinspringen, Velofahren und eben Schiessen. «Ich höre auch gerne Musik von Trauffer. ‹Gondeli› ist mein Lieblingsstück», verrät sie. Ebenso, dass sie später Lehrerin oder aber Floristin werden wolle.

Anja schenkt Käthi Hauenstein ein strahlendes Lächeln: «Ich hoffe, dass Frau Hauenstein noch all das erreichen kann, was sie will, und dass sie noch lange gesund bleibt.» Käthi Hauenstein ist gerührt. Sie sagt: «Ich nehme das Leben, wie es kommt, und freue mich jeden Tag, gesund aufstehen zu dürfen. Ich wünsche Anja für die Zukunft, dass all ihre Wünsche in Erfüllung gehen.»

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