Im Garten von Heidi Diethelm Gerber in Märstetten TG wachsen drei besondere Erinnerungen. «Darf ich vorstellen?», sagt die 57-Jährige und zeigt auf zwei mächtige Zedern und einen Ahornstrauch. «Das ist Londi, das Rio – und dort hinten Tokio.» Die Schützin hat nach jeder ihrer Olympiateilnahmen etwas gepflanzt. Nach London 2012 die erste Zeder, nach Rio 2016 die zweite und nach Tokio 2021 den Ahorn. «Als wir Londi gepflanzt haben, stand da eine riesige Tanne – die wir dann gefällt haben, weil sie uns zu gross war. Heute überragt Londi die alte Tanne längst!»
Vor zehn Jahren schrieb die Thurgauerin in Rio de Janeiro Schweizer Sportgeschichte. Mit 47 Jahren gewann sie Olympia-Bronze mit der Sportpistole und wurde zur ersten Schweizer Frau überhaupt, die im Schiesssport olympisches Edelmetall gewann. «Ich bin mir bewusst, dass ich Geschichte geschrieben habe. Und darauf bin ich auch mächtig stolz.» Dabei startete ihre Karriere vergleichsweise spät. Mit 33 begann sie zu schiessen, mit 39 schaffte sie den Sprung ins Nationalkader, mit 40 bestritt sie ihre ersten internationalen Wettkämpfe. «Ich habe mit meinem Alter einige Statistiken über den Haufen geworfen!»
Mit ihrem Mann um die Welt
Dass sie überhaupt zum Schiesssport fand, hat viel mit ihrem Mann Ernst (74) zu tun. Kennengelernt haben sie sich bei der Arbeit bei Tilsiter. Sie arbeitete damals im Marketing, er in der Qualitätssicherung. «Er ist schuld, dass ich überhaupt mit dem Schiessen angefangen habe», sagt Heidi und blickt zu ihrem Mann hinüber. Ernst lacht sofort: «Und wohl auch schuld, dass du ins Kader gekommen bist!»
Ernst Gerber schoss schon, seit er ein kleiner Junge war. Aus einem gemeinsamen Hobby wurde plötzlich ein gemeinsames Olympia-Projekt. Ernst trainierte seine Frau jahrelang, plante Trainings, Wettkämpfe und internationale Reisen. Dass sich der Aufwand gelohnt hat, zeigt die etwas verstaubte Glasvitrine im Wohnzimmer. Hinter einer Glastür liegt ihre Olympiamedaille: «Die wurde schon lange nicht mehr beansprucht!»
An den Spitzensport denkt Diethelm Gerber bis heute oft zurück. «Man wird halt auch immer wieder darauf angesprochen.» Trotzdem sei nach Rio vieles erstaunlich normal geblieben. «Es war vor allem eine Bestätigung für mich und mein Team, dass sich all die Jahre gelohnt haben. Und ich konnte auch ein Vorbild für andere sein.»
2021 erklärte sie nach einem enttäuschenden 28. Platz in der Disziplin 10 Meter Luftpistole und einem 22. Platz über 25 Meter an den Olympischen Spielen in Tokio ihren Rücktritt als Spitzensportlerin. «Alle haben damals zu ihr gesagt: So kannst du doch nicht aufhören, du bist immer noch so gut – sogar die Konkurrenz!», erzählt Ernst. «Es hat mir schon wehgetan. Ich hätte gern weitergemacht mit Heidi.» Tatsächlich gehörte Diethelm Gerber damals noch immer zu den besten Schützinnen der Welt.
Heute sagt sie offen: «Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, ob es der richtige Zeitpunkt war.» Vor Tokio aber hatte sie mehrere Operationen an Schulter und Ellbogen hinter sich. Gleichzeitig wartete der Verband darauf, sie als Trainerin zu übernehmen. «Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir einfach nicht vorstellen, nochmals drei Jahre weiterzumachen bis Paris.» Drei Jahre arbeitete sie anschliessend als Nationaltrainerin. Doch glücklich wurde sie dabei nicht. «Ich war fast 300 Tage im Jahr unterwegs», sagt sie. «Aber nicht mehr zusammen mit Ernst.» Diese Wochenendbeziehung hat mir zu schaffen gemacht. Wir waren zu lange gemeinsam unterwegs, das wäre auf Dauer nicht mehr gut gegangen.»
Immer noch am Schiessen
Heute arbeitet Diethelm Gerber wieder zu 60 Prozent in der Arbeitsvorbereitung einer Metalltechnikfirma. Ruhiger geworden ist ihr Leben deswegen nicht. «Mehrheitlich verbringe ich meine Zeit immer noch mit Schiessen.»
Auch jetzt, kurz vor dem Eidgenössischen Schützenfest in Chur, steht der Sport wieder im Mittelpunkt. Noch behindert sie zwar ihre rechte Schulter; nach einem Skiunfall im Dezember war eine Operation nötig. Zwischenzeitlich schoss sie mit links. «In meinem Verein kann ich also ziemlich gut mit links mithalten!», meint sie spitzbübisch. Grosse Ambitionen fürs Schützenfest haben sie und ihr Verein, die Schützengesellschaft Weinfelden, nicht. «Wir freuen uns einfach auf den Anlass und das gesellige Beisammensein.»
Auf kantonaler Ebene engagiert sie sich heute als Pistolenchefin, organisiert Wettkämpfe und Vereinsanlässe. «Und ehrgeizig bin ich immer noch! Wenn meine Schulter wieder besser ist, würde ich gern wieder an den Schweizer Meisterschaften teilnehmen. Da möchte ich auf jeden Fall noch mithalten können.» Vielleicht wächst in ihrem Garten deshalb nicht nur die Erinnerung an drei Olympische Spiele weiter, sondern auch die Lust auf neue sportliche Kapitel.