Das lange Leben lockt
Gartenarbeit schlägt Fitnessstudio!

Ein Quervergleich mit meinem bald 94-jährigen Vater. Die Kolumne von Felix Bingesser.
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Papi Bingesser, 94-jährig, topfit, im Garten der Ferienwohnung.
Foto: RMS

Das lange Leben lockt. Vielleicht ja bald das ewige Leben. Ein biblisches Alter bei blendender Gesundheit zu erreichen, ist jedenfalls das Gebot der Stunde. Wenn möglich federnden Schrittes und ohne Beschwerden.

Longevity ist der Fachbegriff. Die wissenschaftliche Formulierung ist viele Jahrzehnte alt und stammt aus der Altersmedizin. Aus der Gerontologie, wie viele sagen. Um dem Begriff Altersmedizin den Schrecken zu nehmen. Longevity basiert auch auf der Erkenntnis, dass die Genetik nur zu 20 Prozent über den Alterungsprozess entscheidet. Der Rest ist hausgemacht.

Der einstige Fachbegriff ist zur missionarischen Lifestyleformulierung geworden. Im Silicon Valley, wo denn sonst.

Die Theorie besagt, dass man mit 44 Jahren und dann mit 60 Jahren den grössten Alterungsschub erlebt. Um dagegen anzukämpfen, helfen nur Krafttraining, Ausdauertraining, Gleichgewichtsübungen, Eisbäder, richtige Ernährung, viel Schlaf, Vitamin D, Omega-3, Kreatin. Das ist kein Zuckerschlecken. Longevity ist ein Fulltimejob.

Und so geht man halt auch ins Fitnessstudio. Macht dies und jenes, lässt sich inspirieren von den verlockenden Aussichten aus Kalifornien. In meinem Fall mit einem ernüchternden Ergebnis.

Denn im Vergleich mit meinem bald 94-jährigen Vater kommt es in diesen Tagen zu einem Vergleich, der für mich zum bedenklichen Waterloo wird. Wir fahren in die Bündner Berge, um den Garten unserer Ferienwohnung in Ordnung zu bringen. Rasen mähen, jäten, Bäume schneiden.

Während sich bei mir schon nach einer Viertelstunde sämtliche Bandscheiben, der Meniskus und die «Frozen Shoulder» zum gemeinsamen Protest formieren und nach einer Viertelstunde eine erste Pause erstreiken, lässt sich mein mehr als 30 Jahre älterer Vater gar nichts anmerken.

Nachdem er zu Beginn kurz in seine geliebten Berge geschaut hat, rutscht er auf den Knien herum, jätet, schneidet Bäume, scheint die Hitze des Altweibersommers nicht zu spüren. «Hast du keinen Durst? Willst du etwas essen und einmal Pause machen?», frage ich nach drei Stunden. «Ich habe ausgiebig gefrühstückt», lautet die Antwort.

Auf der Heimfahrt lasse ich mir nochmals sein Erfolgsrezept erklären. Früh aufstehen. Dann Brot, Käse, Konfibrot, Milchkaffee. Dann mit dem Hund eine Stunde Rad fahren oder zwei Stunden spazieren. Dann ab in den Garten. Im Winter, wenn es Schnee hat, auch mal barfuss einige Minuten rund ums Haus laufen. Und dazu gehörte früher auch die Mitgliedschaft im Turnverein. Am Abend ein Glas Wein zum Essen und vor dem Ins-Bett-Gehen noch zwei Schoggistängeli. «Manchmal auch drei», sagt er. Und: «Nicht rauchen!».

Diese Sünden sind für jemanden, der in den 1980ern Journalist geworden ist, nicht mehr rückgängig zu machen. Alkohol gehörte damals in diesen Kreisen zu den Grundnahrungsmitteln. Und das Rauchen zum guten Journalistenton.

Trotzdem habe ich einiges gelernt. Krafttraining, Eisbäder, Nahrungsergänzungsmittel? Kann man vergessen. Meine innerfamiliäre Feldstudie zeigt: Die Gartenarbeit ist das Erfolgsrezept für Longevity.

Oder anders gesagt: Man sollte mehr auf seinen Vater hören.

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