Darum gehts
Wo wohnst du? Eine harmlose und alltägliche Frage. Nur: Maximilian Mäder (19) weiss darauf keine Antwort. Er lacht, zuckt mit den Schultern und schaut ein wenig hilflos zu seinen Eltern. Vater Valentin (62) und Mutter Teng Hwee Keng (53) fangen an zu lachen. «Das können wir auch nicht beantworten!» Der Kitesurf‑Überflieger mit Schweizer Vater und Mutter aus Singapur lebt seit seinem zwölften Lebensjahr auf der ganzen Welt. Allein in den letzten vier Wochen war er in Singapur, Brasilien, Australien, Frankreich und in der Schweiz – selten bleibt er länger als ein paar Wochen an einem Ort. Selbst in Singapur hat er keine feste Bleibe: Ist er dort, wohnt er im Hotel The Fullerton, wo seine Sponsoren ihn unterbringen.
Die Familie verteilt sich über mehrere Kontinente. Die Eltern haben Häuser im sankt-gallischen Flawil, die Grosseltern in Singapur, weitere Residenzen gibts in Frankreich und Indonesien. Max treibts dahin, wo Wind und Wasser optimal zum Trainieren sind. Das ist der Alltag eines Ausnahmeathleten, der in seiner Sportart schon alles gewonnen hat.
Vierfacher Asien-Meister, Doppelweltmeister, Olympia-Bronzegewinner in Paris 2024. Und das mit gerade Mal 19 Jahren. «Ich will aber mehr», sagt er und zwinkert. «Ja, ich habe viele Medaillen gewonnen. Aber ich finde, du hast erst etwas erreicht, wenn du in deinem Sport über mehrere Jahre dominierst und die Nummer eins bist. In der Saison 24 ist mir das fast gelungen, leider hat es mir Olympia vermasselt.»
Schweiz oder Singapur?
Die Olympischen Spiele in Paris sind ein wunder Punkt bei Max. Nach seiner Verteidigung des Weltmeistertitels 2024 ging er als absoluter Favorit und als einer der jüngsten Teilnehmer überhaupt nach Paris. Seine Disziplin, das sogenannte Kitefoilen, wurde zum ersten Mal olympisch ausgetragen. Max kam mit der Bronzemedaille nach Hause. «Im ersten Moment war ich enttäuscht. Aber als ich die strahlenden Gesichter der Fans und meiner Eltern sah, freute ich mich.»
Mittlerweile ist er auch stolz auf seinen dritten Platz. Für seinen bronzenen Auftritt bekam er vom Staat Singapur 250'000 Singapur-Dollar – gut 150'000 Franken, einfach so als Wertschätzung. Mäder war erst der Sechste, der für Singapur eine olympische Medaille holen konnte. In jungen Jahren musste er sich entscheiden, für welches Land er antreten möchte. «Wahrscheinlich habe ich mir damals nicht mehr Gedanken darüber gemacht, als zu überlegen, ob ich lieber Käsefondue oder Reis mit Hühnchen habe. Darum wurde es halt Singapur.» Sein jüngerer Bruder Karl (17), ebenfalls professioneller Kitesurfer und auf dem Weg zur Weltspitze, hat sich im Gegensatz zu seinem Bruder für die Schweiz entschieden. «Ich fühle mich einfach mehr als Schweizer. Deshalb war das für mich klar.»
Familienangelegenheit
Dass Max und Karl im gleichen Sport aktiv sind, empfinden beide als Geschenk. «Es ist schön, dieses Abenteuer mit meinem Bruder zu teilen. An den Wettkämpfen freue ich mich, wenn ich ihn – natürlich im besten Fall hinter mir – sehe.» Die Brüder lachen. Und dass die beiden nicht für dasselbe Land antreten, auch darin sehen sie nur Positives. «Das singapurische und das Schweizer Team trainieren oft miteinander», erklärt Max. Und Karl fügt hinzu: «Und dadurch haben wir auch grössere Chancen, beide für Olympia 2028 in Los Angeles selektioniert zu werden.»
Zum Kitesurfen kam Max durch seinen Vater Valentin, der den Sport als Hobby betrieb. Der junge Mann erzählt: «Ich habs sofort geliebt. Manchmal fühlt es sich an, als würde man fliegen.» Auch Nesthäkchen Valentin junior (10) steht auf dem Board, möchte später aber lieber Künstler als Profi-Athlet werden. Alle drei Brüder wurden im Homeschooling unterrichtet und sprechen fliessend Deutsch, Englisch, Französisch und Mandarin.
«Max ist sehr selbstständig», erzählen die Eltern. «Das war uns aber auch wichtig. Schliesslich muss er auf dem Wasser jeden Tag bei gefährlichen Bedingungen ganz allein wichtige Entscheidungen treffen.» Nun bleibt das grosse Ziel Olympia 2028. Und hin und wieder gibts auch etwas zu geniessen. Im Gym lernte Max vor zwei Jahren seine Freundin R’yen Ong (19) kennen. Mit der Singapurerin ist er seither zusammen. «Ich bin aber mehr unterwegs, als dass wir uns sehen. Aber wir kriegen das ganz gut hin.» Kurz für zwei Tage rüberfliegen, um sie zu überraschen – das gönnt er sich gern mal von seinen Preisgeldern. Als einer der wenigen, die vom Kitefoilen leben können, bleibt ihm diese Freiheit. Und zu Hause ist Maximilian Mäder sowieso dort, wo Wind auf Wasser trifft – und wo er immer weiter an sich arbeitet.