«Bringt dir finanziell nichts»
Marx-Geschwister können von ihrem Mega-Erfolg im Kajak kaum leben

Alena und Dimitri Marx sind Geschwister, Kanuten und fast 300 Tage im Jahr ein Team. Sie gehören zur Weltspitze und träumen von Olympiagold. Doch ihre Randsportart lässt sie kaum davon leben.
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Yara Vettiger (Text) und Kurt Reichenbach (Fotos)
Schweizer Illustrierte

Vor dem alten Bernerhaus der Familie Marx liegen Paddel und Boote auf dem Rasen, weitere verschwinden im offenen Schuppen. «Ich wollte eigentlich immer einen Blumengarten», sagt Mutter Eva (58) und lacht. «Aber dann kamen die Kajaks. Irgendwann brachten auch die Freunde von Alena und Dimitri ihre vorbei. Es ist halt unsere Villa Kunterbunt.»

Immer im gemeinsamen Takt: «Ich sehe Alena mehr als meine Verlobte!», scherzt Dimitri im Wohnzimmer in Bern.
Foto: Kurt Reichenbach

Die Geschwister Alena (25) und Dimitri Marx (27) verbringen mehr Zeit miteinander als die meisten Ehepaare: Rund 300 Tage im Jahr trainieren sie zusammen, reisen an Wettkämpfe und verfolgen denselben Traum. Vor wenigen Wochen schrieben die beiden Schweizer Sportgeschichte. An der Kanu-Slalom-WM in Oklahoma City gewann Alena Gold im Kajak-Cross. Es war bereits ihr zweiter Weltmeistertitel. Kurz darauf paddelte Dimitri zu Silber. Schmunzelnd erzählt er: «Kurz vor Start erfuhr ich von Alenas Triumph. Das hat mich gepusht. Ich dachte mir: Wir haben ja die gleiche DNA. Also müsste es bei mir auch klappen!»

Dem Bruder nacheifern

Dabei war es ursprünglich Dimitri, der den Weg vorgab. Als Neunjähriger trat er dem Kanu Klub Bern bei. «Ich wollte als Kind unbedingt Profisportler werden. Eigentlich Snowboarder, aber dann entschied ich mich fürs Kajak.» Alena war zunächst einfach die kleine Schwester, die oft mitkam. «Ich hatte lange keine Ambitionen», sagt sie. «Und ich war auch nicht gut.» Erst vor vier Jahren platzte der Knoten – plötzlich gehörte sie zur Weltspitze.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

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Dass ausgerechnet sie heute die erfolgreichste Schweizer Kanutin aller Zeiten ist, hätte niemand erwartet. «In den ersten Jahren stand Alena völlig in meinem Schatten», erzählt Dimitri. «Jetzt ist sie die Beste im Team – und sogar die Beste, die wir je hatten.» Fühlt er sich jetzt manchmal im Schatten seiner Schwester? «Ja, aber es ist gut so. Und für mich natürlich einfacher, weil sie nicht meine direkte Konkurrentin ist.» Er grinst.

Einmal pro Woche besuchen Alena und Dimitri ihre Eltern André und Eva in Bern. Sonst leben die Geschwister in Basel mit ihren Partnern.
Foto: Kurt Reichenbach

Ganz ohne Reibung geht das enge Zusammenleben allerdings nicht. «Wir streiten schon», sagt Dimitri. «Wenn man so oft aufeinander hockt, ist das normal. Und bei der Familie lässt man den Emotionen schneller freien Lauf.» Alena nickt. «Aber genau deshalb verstehen wir uns auch so gut. Wir teilen alle schönen Momente – und tragen die schwierigen gemeinsam.»

Auch privat bleibt der Sport in der Familie: Alenas Freund Gelindo Chiarello (28) ist ebenfalls Kanute – und Dimitris Konkurrent. «Bei den Selektionen ist das schwierig. Ich will ja für beide das Beste», sagt Alena. Dimitri ist mit Amelie Jasper (26) verlobt. Nach Olympia 2028 wollen sie heiraten.

Der Preis für den Erfolg ist hoch. Beide leben praktisch das ganze Jahr aus dem Koffer, übernachten in den billigsten Hostels, buchen die günstigsten Flüge. «Wir kommen gerade so über die Runden», sagt Dimitri. Unterstützt werden die beiden durch die Schweizer Sporthilfe, kantonale Fördergelder, das Militär und ein paar private Donatoren. Dimitri hatte Glück und fand in der Berner Kantonalbank seinen einzigen Sponsor. Alena hingegen hat trotz ihrer Weltmeistertitel und zwei EM-Titeln keinen einzigen Sponsor. «Das ist schon frustrierend», seufzt sie. «Du bist eine der Besten der Welt, aber weil wir eine Randsportart sind, bringt dir das finanziell nichts.»

Geschichte geschrieben: Alena gewann Gold, Dimitri Silber im Kajak-Cross an der Kanu-WM in Oklahoma.

«Wir wollen Gold»

Besonders absurd ist die Geschichte, wie Dimitri überhaupt zu seinem Sponsor kam. Nach einem Junioren-WM-Titel erhielt er ein E-Mail der Berner Kantonalbank. «Ich dachte nur: Die Bank schreibt mir? Das ist doch sicher Betrug.» Also löschte er die Nachricht. «Zum Glück habe ich sie ein paar Tage später nochmals angeschaut – sie wollten mich tatsächlich sponsern!»

Erfolgreiches Duo: Alena ist Weltmeisterin und zweifache Europameisterin, Dimitri ist Vize-Europa- und Vize-Weltmeister.
Foto: Kurt Reichenbach

Die Eltern, beide Lehrer, konnten ihre Kinder vor allem emotional unterstützen. «Wir wussten, dass wir ihre Karriere nicht finanzieren können», sagt Vater André (61). «Aber wenn irgendwo Resilienz entsteht, dann im Spitzensport.» «Dass beide Spitzensportler werden, hätten wir aber nie gedacht» ergänzt Eva und lacht. «Wir sind eigentlich keine Wettkampftypen! Aber es ist hart: Man leidet immer mit dem mit, der weniger Erfolg hat.»

Wie sehr die Familie mitfiebert, zeigte sich bei den Olympischen Spielen 2024. Dimitri verletzte sich kurz vor der Selektion an der Schulter und verpasste Paris knapp. Alena durfte starten – doch die Freude war getrübt. «Es hat mir das Herz gebrochen», sagt sie. «Wir kämpfen jeden Tag für denselben Traum. Und plötzlich durfte nur ich ihn leben.» Sie holt mit einem 6. und einem 8. Platz zwei olympische Diplome. Nach Tokio 2020 waren dies schon ihre zweiten Olympischen Spiele.

Die Geburtsanzeige von Dimitri prophezeite es schon – und wie! «Bald paddle ich auch mit!», steht da. André und Eva teilten die Leidenschaft ihrer Kinder.
Foto: Kurt Reichenbach

Jetzt ist Los Angeles das grosse Ziel. «Früher war der Traum, überhaupt einmal bei Olympia teilzunehmen», sagt Alena. «Jetzt ist der Traum Gold.» Dimitri ergänzt trocken: «Wenn ich mitmache, will ich vorne dabei sein.» Blumen gibt es im Garten der Villa Kunterbunt nach wie vor also keine. Dafür wachsen hier zwei grosse olympische Träume.

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