Von Auto erfasst – querschnittgelähmt
Ausdauersportlerin Guggenheim (23) kämpft sich ins Leben zurück

Als Delia Guggenheim nach einem Unfall auf der Strasse liegt und ihre Beine nicht mehr spürt, denkt die Sportlerin nur an eines: überleben. Ein Jahr später kämpft sie sich zurück – mit neuen Träumen.
Kommentieren
Foto: Joseph Khakshouri
Delia Guggenheims Kampf: Vom Unfall zur Paralympics-Hoffnung

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
yara-Vettiger.jpg
Yara VettigerRedaktorin Sport

80 km/h. Ein Blick aufs Handy. Sekunden der Unachtsamkeit einer Autofahrerin. Dann liegt Delia Guggenheim auf dem Asphalt – und spürt ihre Beine nicht mehr. «Ich wusste sofort, dass ich querschnittgelähmt bin», sagt die 23-Jährige heute. 

«Das hat mir viel Hoffnung und Liebe gegeben»
1:31
Delia Guggenheim nach Unfall:«Das hat mir viel Hoffnung und Liebe gegeben»

«Und mich überkam eine unendliche Müdigkeit. Wenn ich dieser nachgegeben hätte, wäre ich gestorben.» Ein Jahr später kämpft sich die frühere Ausdauersportlerin zurück ins Leben. Im Wohnzimmer ihres Elternhauses in Zumikon ZH sitzt Delia im Rollstuhl. Die beiden Hunde Kyra und Lou liegen neben ihr. Es ist ruhig. Nur das leise Surren der Räder, wenn sie sich bewegt.

Wings for Life Run in Zug mit Odermatt und von Allmen

Die Veranstaltung nennt sich unbescheiden «die grössten Laufveranstaltung der Welt». Das ist möglich, weil der Wings for Life World Run weltweit und überall zur gleichen Uhrzeit stattfindet (10. Mai, 13.00 Uhr MESZ). Eine fixe Ziellinie gibt es nicht. Die Teilnehmenden laufen, bis sie vom «Catcher Car», das ist eine Art rollende Ziellinie auf Rädern, eingeholt werden. Wings for Life ist eine Stiftung für Rückenmarkforschung. Das Ziel: Eines Tages Querschnittslähmung heilen. Für diesen guten Zweck laufen beim ausverkauften Schweizer Flagship-Run in Zug ZG auch viele Promis wie Marco Odermatt, Simon Ehammer und Daniela Ryf mit. Eine Teilnahme ist aber auch überall auf der Welt via App möglich. In der Schweiz und Liechtenstein finden neben dem Hauptevent in Zug auch zehn App Runs statt. An diesen Orten: Ascona TI, Dietikon ZH, Frauenfeld TG, Neuenburg, Schaffhausen, Solothurn, Triesen (Liechtenstein), Vallorbe VD, Wattwil SG und Zürich.

Stammgäste am Wings for Life Run: Daniela Ryf, Marco Odermatt, Franjo von Allmen und die Vergé-Dépré-Schwestern.
Red Bull

Die Veranstaltung nennt sich unbescheiden «die grössten Laufveranstaltung der Welt». Das ist möglich, weil der Wings for Life World Run weltweit und überall zur gleichen Uhrzeit stattfindet (10. Mai, 13.00 Uhr MESZ). Eine fixe Ziellinie gibt es nicht. Die Teilnehmenden laufen, bis sie vom «Catcher Car», das ist eine Art rollende Ziellinie auf Rädern, eingeholt werden. Wings for Life ist eine Stiftung für Rückenmarkforschung. Das Ziel: Eines Tages Querschnittslähmung heilen. Für diesen guten Zweck laufen beim ausverkauften Schweizer Flagship-Run in Zug ZG auch viele Promis wie Marco Odermatt, Simon Ehammer und Daniela Ryf mit. Eine Teilnahme ist aber auch überall auf der Welt via App möglich. In der Schweiz und Liechtenstein finden neben dem Hauptevent in Zug auch zehn App Runs statt. An diesen Orten: Ascona TI, Dietikon ZH, Frauenfeld TG, Neuenburg, Schaffhausen, Solothurn, Triesen (Liechtenstein), Vallorbe VD, Wattwil SG und Zürich.

Delia sagt, es gehe ihr «grundsätzlich gut oder immer besser». Aber es gebe viele schwierige Momente. Viele erste Male. Den ersten Winter im Rollstuhl. Den ersten Zürich-Marathon, den sie nicht mehr selbst rennen kann. «Ich bin froh, dass ich überhaupt noch dabei sein durfte. Aber eben nur als Zuschauerin. Das tut im Herz weh.» Dann ist da immer dieser Vergleich im Kopf, wie es vorher war.

Mutter Claudia ist stolz auf Delia Guggenheim. «Schon am Unfallort sagte Delia zu mir: Ich gehe auch an die Paralympics, aber ich will leben. Das hat mir Mut gemacht.»
Foto: Joseph Khakshouri

Früher war ihr Leben Bewegung. 253 Kilometer rannte sie durch die Sahara. Halb-Ironman. Platz vier an der Swimrun-WM. Dinge, die sie fast nebenbei erzählt, als wären sie einfach Teil ihres Alltags gewesen. Und das waren sie auch. «Sport war mein Leben. Das Rennen war mein Leben. Und meine Beine mein wichtigstes Werkzeug.»

Bis zum 30. März 2025.

Eine gerade Strasse bei Zumikon. Sie ist mit dem Rennvelo unterwegs, auf dem Heimweg. Fünf Minuten noch. Ein Auto erfasst sie von hinten mit 80 km/h. Die Fahrerin ist abgelenkt und unter starkem Drogeneinfluss. Delia erinnert sich nicht an den Moment des Unfalls. Nur an danach. Den Boden. Die Stille. Und den Körper, der nicht mehr reagiert. Mama Claudia (54) taucht 15 Minuten später am Unfallort auf. Delia sagt am Boden und später im Krankenwagen mehrmals zu ihr: «Ich gehe auch an die Paralympics. Aber ich will einfach leben.» Für Claudia hallt dieser Satz lange nach und gibt ihr Kraft. «Es hat mich in diesem unfassbaren Moment ein wenig beruhigt. Ich hörte, dass ihr Lebenswille da ist. Und das war das Wichtigste.» 

Catherine Debrunner als Motivation

Sogar in dieser lebensbedrohlichen Situation denkt Delia Guggenheim an den Sport. Ein Jahr später weiss sie: «Ich wollte meiner Familie auch ein gutes Gefühl geben. Sie wussten, dass der Sport mein Leben war. Aber es war mein Ausdruck, ihnen zu zeigen, dass ich nicht kaputt bin. Ich will und werde weitermachen.»

Neues Hobby: Mit dem Handbike düst die einstige Sportlerin gern umher.
Foto: Joseph Khakshouri

Im Spital folgen Tage zwischen Operationen, Beatmung und Orientierungslosigkeit. An den Wänden hängen zuerst Bilder von Delia, als sie noch laufen konnte. «Diese haben mich irgendwann traurig gemacht. Also habe ich sie ersetzt durch Rollstuhlsportler.» Catherine Debrunner, Manuela Schär, Marcel Hug begleiten sie symbolisch durch diese Zeit. Menschen, die zeigen, dass Leistung nicht verschwunden ist – sondern anders aussieht.

Heute trainiert Delia wieder. Zwei- bis dreimal pro Woche fährt sie nach Nottwil LU, sitzt im Rennrollstuhl. «Du bist auf der Bahn, kommst kaum vorwärts – und dann fährt Marcel Hug einfach an dir vorbei. Siebenmal», sagt sie und lacht. «Es fühlt sich an, als würdest du neben Usain Bolt joggen. Aber es macht mir grosse Freude.» Aber sie sagt auch: «Der Sport ist nicht mehr so zugänglich wie früher. Aber ich bin froh, dass er wieder Teil meines Lebens ist.» Aber jeder Weg muss geplant werden. Jede Strecke geprüft. «Früher bin ich einfach losgelaufen. Das Gefühl vermisse ich am meisten: die Freiheit beim Rennen.»

«Das schenkt mir wieder Freiheit und so komme ich an Orte, wo ich mit dem Rollstuhl sonst nicht hinkann», erzählt Guggenheim.
Foto: Joseph Khakshouri

Paralympics als Ziel

Ein grosses Ziel bleiben die Paralympics 2032. «Ich weiss noch nicht, wie realistisch das ist», sagt Delia. Ihre fehlende Rumpfstabilität sei ein Nachteil. Deshalb setzt sie auf kleinere Ziele. Im Oktober will sie zurück in die Wüste. 70 Kilometer, Offroad-Rollstuhl, vier Leute zur Unterstützung. «Das sind die Projekte, die mich motivieren, weiterzumachen.»

Dann kam da dieser Tag. Der 30. März 2026. Zum ersten Mal jährte sich der Unfall. In der Nacht zum Jahrestag liegt ihre Mutter Claudia wach. Um vier Uhr morgens kommt die Wut. Auf die Autofahrerin. «So stark wie noch nie in meinem Leben», erzählt sie. Danach geht sie laufen. 20 Kilometer. Einfach weiter. Delia kann das nicht mehr. Sie beschreibt diesen Tag ruhiger. Nicht als Ausbruch, sondern als Nachhall. «Es hat zum Nachdenken angeregt. Über alles, was passiert ist.»

Mildes Urteil

Im Januar war der Prozess gegen die Autofahrerin. Das Urteil: 11 Monate bedingt. Delia sagt, es sei für sie zu milde gewesen. «Ich bin keine Juristin, aber ich finde es nicht genug abschreckend für andere Autofahrer.» Wut empfindet sie keine. Oder fast keine. «Das würde mir nur Energie nehmen. Und es bringt meine Lauffähigkeit auch nicht zurück.»

Am 10. Mai startet der Wings for Life Run. Auf der ganzen Welt starten die Läufer zur selben Zeit – alle Gelder gehen in die Rückenmarkforschung.
Foto: Redbull Switzerland

Das versucht zumindest die Organisation Wings for Life von Red Bull. Ihr Credo: Die gemeinnützige Stiftung hat sich der Rückenmarkforschung verschrieben – mit dem Ziel, eine Heilung für Querschnittlähmung zu finden. Fünf Wochen nach Delias Unfall gründete Mama Claudia ihren eigenen Lauf: Wings for Delia. Über 260 Menschen versammelten sich im Foyer der Universitätsklinik Balgrist, wo Delia damals war, und rannten für sie, um ihr symbolisch Flügel zu verleihen.

Letztes Jahr: Sportler wie die Skistars Marco Odermatt (2.v.l.) und Franjo von Allmen (r.), die Volleyballerinnen Anouk (hinten Mitte) und Zoé Vergé Dépré (l.) und Triathletin Daniela Ryf (vorne) sind jeweils auch dabei.
Foto: Redbull Switzerland

Und Delia war im Rollstuhl mittendrin. Was damals als private Initiative begann, hat nun eine neue Dimension bekommen. «Der Balgrist hat das aufgenommen», sagt Delia. «Und dieses Jahr darf ich gemeinsam mit ihnen einen offiziellen App Run organisieren.» Ein Lauf für alle: für Läuferinnen, Spaziergänger – und selbstverständlich auch für Rollstuhlfahrer. Dort wird sie am 10. Mai starten. Mit dem Ziel, «vielleicht eines Tages wieder aufzustehen».

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen