Sechs Fahrräder stehen im Eingangsbereich. Daneben ein Standup-Paddle, Sportschuhe, Trinkflaschen und Sportkleider. Auf der Wiese liegt ein Boccia-Set. Im grossen Garten ist es sattgrün, durch die offenen Fenster strömt die warme Luft der Toskana. Am Frühstückstisch von Anita Weyermanns Familie wird es schnell lebendig. Müesli, Haferflocken, Früchte und Gemüse stehen auf dem Tisch. Die vier Kinder sitzen zusammen, reden durcheinander. Lara (14), die Älteste, und die zwölfjährigen Drillinge Simona, Anja und Roman. Lange bleibt die Familie aber nicht sitzen.
Anita Weyermann (48) hat schliesslich nie besonders viel davon gehalten, lange stillzusitzen. 1997 gewann sie als erste Schweizerin überhaupt eine Medaille an einer Leichtathletik-Weltmeisterschaft: Bronze über 1500 Meter. Dann Bronze an der EM 1998 und EM-Gold an der Crosslauf-EM 1999. Im gleichen Jahr wurde sie zur Sportlerin des Jahres gewählt. Heute ist sie Mutter von vier Kindern, Redaktorin bei Radio BEO und Trainerin.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Ende Oktober steht sie wieder selbst im Rampenlicht: Bei der SRF-Serie «Champion der Champions» treten ehemalige Schweizer Spitzensportlerinnen und Spitzensportler in verschiedenen Challenges gegeneinander an. Als die Anfrage von SRF kam, war sie unschlüssig. «Ich musste lange überlegen», sagt sie. «Aber ich hatte noch recht viel Überzeit. Mein Arbeitgeber sagte: ‹Komm, geh doch. Da kannst du deinen Horizont erweitern.›» Dann schiebt sie den Stuhl zurück. Zeit für Bewegung.
Ewiger Ehrgeiz
Die Familie schwingt sich aufs Velo und fährt Richtung Meer. Dass sie beim gemeinsamen Sport auch mit ihren Kindern mithalten will, gibt sie ohne Umschweife zu. «Ich war halt immer ehrgeizig! Ich verliere überhaupt nicht gerne, egal, was wir machen.» Und fügt an: «Wenn meine Kinder schneller sind, lasse ich mich nicht abhängen!» Die Kinder lachen und sausen davon.
Anitas Mann Roland Salzmann (43) hält ebenfalls mit. Die beiden kennen sich seit ihrer Jugend. Sie trainierten im gleichen Leichtathletikklub. Anita war damals einige Jahre älter und längst auf einem anderen Weg. Sie trafen sich später wieder. Weyermann war inzwischen 30. Salzmann betrieb damals Duathlon und Berglauf. «Das passte gut, wir gingen oft zusammen ‹seckle›!», erzählt Weyermann. Irgendwann wurde aus dem gemeinsamen Training mehr.Am Strand werden die Velos abgestellt. Die Schuhe fliegen in den Sand. Jetzt wird Boccia gespielt. Sport ist in dieser Familie allgegenwärtig. Alle vier Kinder machen Leichtathletik. Lara hat dieses Jahr die Schweizer Meisterschaft in ihrer Alterskategorie im Speerwurf gewonnen. Die Drillinge hingegen kommen ganz nach der Mama. «Die drei secklen alle gerne – wie ich», sagt Weyermann.
Ganz nach der Mama
Ursprünglich wollten Weyermann und Salzmann ihre älteste Tochter Lara in den Turnverein in Kehrsatz BE schicken. Die Drillinge waren damals noch zu klein. Im Verein war man froh um zusätzliche Leiterinnen und Leiter und fragte Anita, ob sie eine Gruppe übernehmen könne. «Ich habe gesagt: ‹Aber ich habe zu Hause noch drei kleine Kinder.›» Die Antwort: «Dann nimmst du sie halt mit.» Gesagt, getan. Heute trainieren sie rund 15 Kinder zweimal pro Woche. Die eigenen sind natürlich auch dabei. «Dass alle Leichtathletik machen, ist schon sehr schön», sagt Weyermann. Aber es müsse nicht ausgerechnet Leichtathletik sein. Hauptsache, die Kinder bewegen sich. «Ich möchte einfach nicht, dass sie zu Hause herumhocken und am Handy oder vor dem Fernseher hängen.»
Lara hat im Speerwurf ihre Disziplin gefunden. Ihr nächstes grosses Ziel ist die U18-EM in Tallinn. Später könnte sie sich vorstellen, Physiotherapeutin zu werden. Leistungssportlerin? «Mal schauen.» Die Drillinge hingegen schauen sich verschmitzt an und antworten: «Cool wäre es schon.» Jetzt geht es ins Wasser. Es ist immer noch 25 Grad, die Sonne scheint. Anita Weyermann zieht das Stand-up-Paddle ins Meer.
Und irgendwann ist wieder von Leichtathletik die Rede. Einmal im Jahr, am Abend von Weltklasse Zürich, wird es bei den Weyermanns zu Hause besonders lebhaft: Dann kommen die Kinder aus ihrer Trainingsgruppe vorbei. Gemeinsam schauen sie die Wettkämpfe im Fernsehen. Für die Kinder ist das ein besonderer Abend. Roman hat einen klaren Favoriten: den norwegischen Langstreckenläufer Jakob Ingebrigtsen. Bei Weltklasse Zürich startete Roman selbst beim Mille-Gruyère Verfolgungsrennen im Letzigrund. Später lief der brasilianische Hürdenstar Alison dos Santos – eben noch Weltrekord gelaufen – vorbei. Weyermann sagt zu ihrem Sohn: «Komm, geh runter, der kann doch auf deinen Nagelschuhe unterschreiben!» Roman wollte nicht. «Der darf nicht! Ich will Jakob.» Seine Mutter lacht. «Ja, Roman ist wählerisch. Aber Jakob kam und nahm sich mega Zeit – und unterschrieb.»
Der ikonische Spruch
Weyermann selbst weiss, wie wichtig solche Momente sein können. Sie war einst selbst das Vorbild einer Generation. Ihr Satz «Gring abe u seckle» wurde zum ikonischen Spruch. «Ich stehe heute noch hinter dem Text.» «Manchmal nervt es dich aber auch, gell, Mami», interveniert Roman. Weyermann lacht. «Nur, wenn ich mit euch unterwegs bin und zu mir gesagt wird: ‹Gell, du bist Gring abe u seckle?› und sie meinen Namen nicht wissen!» Sie nimmt es mit Humor. Überhaupt scheint sie weit entfernt von jener Zeit, in der sich alles um Wettkämpfe und die nächste Hundertstelsekunde drehte. Was sie vom Spitzensport vermisst? Eigentlich nichts. «Ich bin mega zufrieden mit meinem Leben. Ich habe eine super Familie.» Ihre Karriere sei weit weg. In den ersten Jahren nach ihrem Rücktritt habe sie beim Zuschauen an Wettkämpfen noch ein Kribbeln im Bauch gehabt. «Das war schwierig. Aber jetzt sehe ich mich nicht mehr da.» Wenn eines ihrer Kinder startet, ist das anders. Dann ist Anita Weyermann wieder angespannt. Nur eben nicht mehr für sich selbst.