Darum gehts
- Lionel Messi glänzt mit 39 Jahren bei WM in Nordamerika
- Acht Tore und vier Vorlagen in sieben Spielen erzielt
- Messi könnte Argentinien zum vierten WM-Titel führen, Entscheidung Sonntag
Diesen Titel braucht er gar nicht mehr. Achtfacher Ballon-d’Or-Gewinner, achtfacher Fifa-Weltfussballer, vier Champions-League-Trophäen und ein Weltmeister-Titel. Es gibt wenig Argumente dagegen, Lionel Andrés Messi (39) als den grössten Spieler in der Geschichte des Fussballs zu bezeichnen.
Doch es sind nicht die Auszeichnungen und Pokale, über die sich das Phänomen um den Mann aus Rosario definieren lässt. Viel eher reicht dafür ein Blick auf das laufende WM-Turnier, das am Sonntag in New Jersey zu Ende geht. «La Pulga», der Floh, nennen sie ihn seit seiner Kindheit. Aufgrund seiner kleinen Körpergrösse, gepaart mit einer beeindruckenden Schnelligkeit und einer einzigartigen Flinkheit.
Wobei Messis Auftritt an dieser WM viel eher an ein lauerndes Krokodil als einen herumspringenden Floh erinnert. Kein anderer Feldspieler im Team der Albiceleste hat im Schnitt weniger Kilometer abgespult. Ungefähr die Hälfte davon hat Messi im Schritttempo zurückgelegt. Auch seine Anzahl an Sprints hat sich im Vergleich zur WM vor vier Jahren halbiert. Zweikämpfe führen, Fouls ziehen, Löcher stopfen – dafür hat Argentinien zehn andere Spieler auf dem Platz, die einem den Eindruck vermitteln, als gäbe es nichts Erfüllenderes, als sich in den Dienst ihres Idols und Teamkollegen zu stellen.
Denn in den entscheidenden Momenten ist Messi immer da. Acht Tore und vier Vorlagen in sieben WM-Spielen machen ihn zum Topskorer dieses Turniers. Messi macht nur das, was er muss. Aber das macht er besser als jeder andere Spieler auf dieser Welt. Und er macht es mit 39 Jahren vielleicht noch besser als jemals zuvor. Wer geglaubt hat, Messi verabschiede sich in Nordamerika durch die Hintertür von der Weltbühne, sah sich schon im ersten Gruppenspiel getäuscht, als der neue WM-Rekordtorschütze gegen Algerien dreimal zuschlug. Auch wenn er für sein Einsteigen gegen Gegenspieler Aïssa Mandi eigentlich hätte vom Platz fliegen müssen, bewies er damit, dass er trotz drei Saisons im Fussballpensionären-Paradies Miami noch immer der beste Spieler des Planeten sein kann.
Weiterer Weltfussballer-Titel winkt
Kritische Stimmen, die es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben hat, sind verstummt. Im Januar 2024 war der Aufschrei noch riesig gewesen, als der bereits in der US-amerikanischen MLS engagierte Messi zum achten Mal von der Fifa als Weltfussballer ausgezeichnet wurde. Die Mehrheit der Medienschaffenden und Nationaltrainer hatte ihre Stimme für Champions-League-Gewinner und Premier-League-Torschützenkönig Erling Haaland abgegeben. Die Captains der Nationalteams sowie die Fans wählten aber Messi – viele davon vermutlich im Unklaren darüber, dass der WM-Titel im Dezember 2022 nicht mehr in den Bewertungszeitrahmen fiel.
Wenn die Fifa in ein paar Monaten wieder die Konkurrenz-Trophäe zum deutlich prestigeträchtigeren Ballon d’Or vergibt, wird sich dieses Mal niemand über eine Messi-Auszeichnung den Mund zerreissen. Zumindest nicht, wenn er Argentinien als Captain zum vierten Weltmeistertitel geführt hat.
Bei einem spanischen Triumph dürfte sich ausgerechnet Messis «Nachfolger» bei Barcelona die grössten Chancen auf den Weltfussballer-Titel ausrechnen. Noch immer ist es das Trikot mit der Nummer 10, das von den Strassenhändlern auf der Rambla am häufigsten angeboten wird. Doch statt jenem von Messi ziert nun der Name Lamine Yamal die Rückseite des rotblau-gestreiften Leibchens. Mit knapp 19 Jahren hat dieser bereits 151 Spiele und 101 Tore für Barça angesammelt. Seit Messis Abschied nach Paris im Sommer vor fünf Jahren ist Yamal der erste Spieler, der in Katalonien auch nur annähernd wieder solche Begeisterungsstürme auslöst wie der Rekordspieler des Klubs (778 Partien, 672 Tore, 303 Vorlagen).
Legendäres Babyfoto geht immer wieder viral
Doch Rückennummer und Popularität sind nicht die einzigen Verbindungen zwischen den beiden. Die Geschichte ist in den vergangenen Jahren unzählige Male aufgegriffen worden. Sie handelt von einem Bild, entstanden 2007 im Rahmen eines Fotoshootings für einen Benefiz-Kalender der Unicef und der FC Barcelona Foundation. Um auf soziale Probleme von Familien aufmerksam zu machen, werden mehrere Barcelona-Spieler mit Kindern aus der Region abgelichtet, darunter Klub-Legenden wie Ronaldinho, Carles Puyol, Xavi, Samuel Eto’o. Und natürlich auch ein junger Messi, der auf seinem Kalenderbild ein kleines Baby badet, dem er fast zwei Jahrzehnte später im WM-Final gegenüberstehen wird. Am Freitag äusserte sich Messi im Rahmen eines Fifa-Events in New York erstmals zum Foto: «Das Leben schreibt manchmal unglaubliche Geschichten», so der Superstar. Diese machte Yamals Vater Mounir Nasraoui vor zwei Jahren öffentlich, als er den inzwischen weltberühmten Schnappschuss auf Instagram teilte. Dazu schrieb er: «Der Beginn zweier Legenden.»
So weit ist einer von beiden noch nicht. Und trotzdem gibt es erstaunlich viele Parallelen zwischen Messi und Yamal. Beide haben die legendäre Nachwuchsakademie La Masia durchlaufen. Beide sind linksfüssig und fühlen sich vor allem auf dem rechten Flügel zu Hause. Natürlich gibt es auch Unterschiede, wenn es um Körperbau, Athletik oder Spielintelligenz geht. Trotzdem beantwortete sogar Messi selbst vor zwei Jahren die Frage, welcher junge Spieler ihn am meisten an ihn erinnere, mit «Lamine Yamal». Nun adelte er seinen Nachfolger erneut: «Mit gerade einmal 19 Jahren gehört er bereits zu den besten Spielern der Welt!»
Wird Yamal der jüngste Welt- und Europameister?
Diesem winkt am Sonntag die Gelegenheit, sich mit 19 Jahren und sechs Tagen zum jüngsten Spieler der Geschichte zu machen, der sich Welt- und Europameister nennen darf. Nicht als Perspektivspieler in einer von Stars gespickten spanischen Mannschaft, sondern als einer der klaren Leistungsträger. Anders als beim EM-Titel vor zwei Jahren, als er rund um seinen 17. Geburtstag mit einem Tor und vier Vorlagen brillierte und als bester Nachwuchsspieler des Turniers ausgezeichnet wurde, ist die WM aber noch nicht zur grossen Yamal-Show verkommen. Während andere Superstars dem Turnier ihren Stempel aufgedrückt haben, hat das Juwel der Furia Roja bislang nur vereinzelt für Glanzmomente gesorgt.
Dennoch gibt es keinen Zweifel daran, dass sich Yamal in den kommenden Jahren mit den Haalands, Mbappés und Bellinghams dieser Welt um die grossen Titel und individuellen Auszeichnungen duellieren wird. Wenn es allerdings darum geht, welchen Spieler man sich in einem WM-Final in den eigenen Reihen wünscht, dürfte die Wahl der meisten Fussball-Fans auf dieser Welt noch immer auf einen 1,70-Meter grossen 39-Jährigen fallen.




