Wars das für ihn?
Gegner formieren sich – jetzt wirds ganz eng für Infantino

Noch vor wenigen Wochen war es undenkbar, dass der Fifa-Präsident ab März 2027 nicht mehr Gianni Infantino heisst. Nun setzt die Uefa zu einem Powerplay an. Der Ausgang des Machtkampfs: offen.
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Sind die Tage des Gianni Infantino als Fifa-Präsident gezählt?
Foto: AFP
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Christian FinkbeinerStv. Fussballchef

Nur gut 24 Stunden, nachdem die Uefa beschlossen hatte, alle WM-Turniere bis auf Weiteres geschlossen zu boykottieren, zog Gianni Infantino (56) am späten Freitagabend die Notbremse. Sein Wunsch, die Kommerzialisierung und Organisation der Weltmeisterschaften dank einer neu gegründeten Tochterfirma namens Fifa Forward Enterprise (FFE) teilweise an private Investoren auszulagern, ist krachend gescheitert. Die Pläne sind ad acta gelegt – zumindest, so lange Infantino an der Macht ist.

Die Uefa hat ihre Muskeln spielen lassen und gezeigt, dass sie – wenn es hart auf hart kommt – trotz Minderheit in der Fifa-Vollversammlung noch immer die grösste Macht ist im internationalen Fussball, sofern sie geeint und mit einer Stimme spricht. Und da auch die Verbände aus Nord- und Zentralamerika (Concacaf) und Asien (AFC) sich gegen das Projekt aussprachen, war klar, dass dieses Unterfangen aussichtslos war.

Infantinos Wiederwahl im nächsten März, die bis vor wenigen Wochen als sicher galt, steht nun mehr denn je in der Schwebe. Denn nach dem Rückzieher des Fifa-Präsidenten lässt die Reaktion der Uefa nicht lange auf sich warten. Diese setzt ihr Powerplay fort. In einer Mitteilung vom Samstagmittag begrüsst sie zwar den Entscheid der Fifa, die Pläne zu verwerfen, sagt aber deutlich, dass man nicht einfach so weitermachen könne wie bisher. «Die derzeitige Fifa-Führung hat nicht nur das Vertrauen der Uefa, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fussballfamilie verloren.» Die Uefa wirft Infantino vor, zwei seiner 2016 getätigten Wahlversprechen nicht gehalten zu haben. «Natürlich müssen wir transparent sein», sagte Infantino damals. Und: «Das Geld der Fifa ist euer Geld.» Inzwischen hat die Fifa Rückstellungen von fünf Milliarden Dollar angehäuft.

Anbiederung an Trump

Nachdem weder Infantinos erster Versuch 2018, Teile der WM zu verkaufen, noch seine Winkelzüge, um Saudi-Arabien die WM 2034 zuzuschanzen, dem Walliser nachhaltigen Schaden zugefügt haben, ist nun der Bogen überspannt. Infantinos Gegner haben sich formiert. Zu viel ist in den letzten Wochen und Monaten passiert. Die Anbiederung an US-Präsident Donald Trump war vielen Europäern schon lange ein Dorn im Auge. Die Verleihung eines kurzfristig aus dem Boden gestampften Friedenspreises an den Mann, der nur knapp drei Monate später den Befehl gab, mit Hilfe Israels den Iran zu bombardieren – ein Hohn. Und ein Verstoss gegen die Statuten, die klar vorschreiben, dass die Fifa politisch neutral zu sein hat.

Auch vor und während der WM machten Infantino und die Fifa gegenüber Trump den Bückling. Weder das Einreiseverbot gegen den somalischen Schiedsrichter Omar Artan, noch die Behandlung des Irans, der zwar seine Partien in den USA austragen durfte, von den amerikanischen Behörden aber gegängelt wurde, wurde vonseiten des Weltverbandes kritisiert. Den negativen Höhepunkt erreichte die Bromance zwischen Trump und Infantino beim Fall Falorin Balogun, als die Fifa die Rot-Sperre gegen den US-Stürmer für den Achtelfinal gegen Belgien aufhob, nachdem Trump Infantino telefoniert und gebeten hatte, die Strafe noch einmal zu überdenken. Ein absolutes No-Go. Das höchste Gut des Sports, dass für alle dieselben Regeln gelten, wurde mit Füssen getreten.

Die Ereignisse der letzten Tage brachten nun das Fass zum überlaufen. Schon früh versuchte Infantino, die Wogen zu glätten. Bereits in seiner Videobotschaft am Mittwochabend sprach er davon, dass die Gründung der FFE nur «ein Vorschlag, eine Möglichkeit» sei und er und die Fifa nur im Sinne und zum Wohl des Fussballs und seiner weltweiten Entwicklung handeln würden. Von Transparenz und dem demokratischen Prozess, von dem Infantino immer wieder sprach, fehlte allerdings auch da jegliche Spur.

Die Namen der möglichen Investoren wurden nie genannt. Die britische «Times» deckte in ihrem Bericht am Dienstag auf, dass es sich dabei um die Firma «Thrive Capital» handeln soll. Diese liegt zu mehr als 95 Prozent in den Händen des Gründers Joshua Kushner (41), des Bruders von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner (45). Anstatt Transparenz zu schaffen, kritisierte Infantino einmal mehr die Medien. Der geplante Konsultationsprozess sei durch falsche Medienberichte gestört worden, so der Fifa-Präsident.

Die Ablehnung von den Konföderationen ist das eine. Was Infantino aber mehr Sorgen bereiten müsste, ist der Fakt, dass seine Hausmacht zu bröckeln beginnt. Der langjährige Chefberater Carlos Cordeiro (70) erklärte seinen Rücktritt, Fifa-COO Kevin Lamour (45) stellte sich öffentlich gegen seinen Chef – auf die Gefahr hin, seinen Job zu verlieren. «Aber wenigstens kann ich heute in Ruhe schlafen.» Der Franzose sprach von mangelnder Transparenz und erklärte, «getäuscht» worden zu sein.

Fehlende Selbstreflexion

Mit seinem Rückzug versucht Infantino zu retten, was womöglich nicht mehr zu retten ist. Die Mitteilung ist knapp gehalten und endet mit den Worten: «Für die Zukunft ist es meine Absicht, alle interessierten Parteien in den kommenden Tagen und Wochen im Geiste des gemeinsamen Interesses an unserem Sport wieder zusammenzubringen, mit dem Ziel, den Fussball überall weiter voranzubringen, insbesondere in jenen Ländern, die unsere Unterstützung am dringendsten benötigen.» Das Eingestehen eines Fehlers? Fehlanzeige. Eine Entschuldigung? Warum auch. Er, der Unfehlbare, der nach der WM lieber seine Kritiker in einem 15-seitigen Instagram-Post abkanzelte, als sich den kritischen Fragen, die das Turnier aufgeworfen hatte, zu stellen.

Auf Kritik an seiner Person hatte Infantino schon immer dünnhäutig reagiert. Im Frühjahr 2023, auf der Höhe seiner Macht, setzte er nach seiner glänzenden Wiederwahl als Präsident am Kongress in Kigali zu einem Rundumschlag gegen Gegner und Medien an und fragte. «Warum seid ihr immer so gemein?» Mit gut 7,6 Milliarden Dollar Gewinn hatte die Fifa ein Rekordergebnis geschrieben. «Wenn diese Zahlen ein CEO einer Firma vorlegen würde, würde man diesen für immer behalten wollen», lobte sich der Wiedergewählte selber.

Nun, knapp vier Jahre später, wird die Luft für Giovanni «Gianni» Vincenzo Infantino plötzlich dünn. «Kein Vogel fliegt zu hoch, wenn er mit seinen eigenen Flügeln fliegt», schrieb einst der englische Dichter William Blake. Die Nähe zu Trump, der Mangel an Selbstreflexion sowie die eigene Abgehobenheit und Selbstüberschätzung könnten dem Walliser nun zum Verhängnis werden. «The Athletic» schrieb von Infantinos Ikarus-Moment. Die Figur aus der griechischen Mythologie stürzte ab, weil sie nach steilem Aufstieg der Sonne zu nahe kam.

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