Erkenntnisse nach zwei Wochen Infantino, Fifa und neuen Regeln
Der Fussball ist auch von der XXL-WM nicht kaputt zu kriegen

Auch Fifa-Kritiker müssen zugeben: Manch eine Neuerung bei dieser WM ist ein Gewinn. Und trotzdem dürfen wir der Fifa nach zwei Wochen XXL-WM nicht nur Komplimente machen, meint Blick-Sportchef Emanuel Gisi.
Kommentieren
1/10
Herrscher über den Weltfussball: Gianni Infantino.
Foto: VCG via Getty Images
RMS_Portrait_AUTOR_503.JPG
Emanuel GisiSportchef

Peter Knäbel (59) muss ein guter Pokerspieler sein. Der Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes sitzt beim WM-Auftaktspiel der Nati gegen Katar neben Fifa-Präsident Gianni Infantino (56). Keine einfache Ausgangslage. Wirkt der SFV-Boss zu fröhlich, kommt schnell einmal der Verdacht der Kumpanei auf. Brüskiert der Solothurner den mächtigsten Mann des Weltfussballs, ist das auch kein sonderlich cleverer Schachzug. Schliesslich sitzt man dann doch nicht jeden Tag neben dem Chef des Weltfussballverbandes und hat die Gelegenheit, mit ihm die eine oder andere Sache informell zu bereden. 

Ob Knäbel und Infantino über all die Neuerungen gesprochen haben, die sich die Fifa für die Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA hat einfallen lassen, ist nicht überliefert. Eine Erkenntnis der WM-Vorrunde: Die Regelanpassungen, die bei Auswechslungen, Unterbrechungen und Verletzungen Zeitspiel verhindern sollen, funktionieren. 

Auch die Aufstockung des Turniers auf 48 Nationen hat etwas: Zwar bringen 48 Teams mehr schwache Spiele in der Vorrunde. Deutschlands Weltmeister Philipp Lahm verglich die Gruppenspiele mit der ersten Runde im DFB-Pokal: Viele Spiele klein gegen gross, immer klare Rollenverteilung, aber halt am Ende wenig Überraschungen und das Gefühl, dass es gar noch nicht so richtig losgegangen ist. 

Charmante Schotten, offene US-Amerikaner

Und doch: Die Schotten singen sich durch Boston und trinken die Stadt leer. Die Kongolesen trotzen Ronaldo. Die Japaner räumen wieder mal die Stadien auf. Die Algerier werden in der 100’000-Einwohner-Stadt Lawrence, Kansas, im Mittleren Westen mit offenen Armen und mit einer Begeisterung empfangen, die zeigt, dass auch sechs Jahre MAGA-Präsidentschaft die US-amerikanische Gastfreundlichkeit nicht zu ruinieren imstande sind. Die Goalies von Curaçao und Kap Verde schreiben auf ihre alten Tage Fussballmärchen und Kanada hält sich schon fast für eine Fussballnation. 

Das sind alles schöne Geschichten. Geschichten, die zeigen: Die Fifa wird den Fussball nicht kaputt kriegen. Auch wenn sich manchmal der Verdacht einschleicht, dass sie es aktiv versucht. Das unsägliche Hydration Break ist da noch das geringste Übel. Die Vielfliegerei von Fifa-Präsident Infantino, der allein in der ersten Turnierwoche 200 Tonnen CO2 (ca. das 16-fache des Schweizer Jahresdurchschnitts) in die Atmosphäre geblasen haben soll, führt sämtliche Nachhaltigkeitsbemühungen seines Verbandes (Halbierung der Treibhausgasemissionen bis 2030, Klimaneutralität bis 2040) ad absurdum.

Die irrsinnigen Ticketpreise sind auch nach zwei Wochen WM nicht nachzuvollziehen. US-Präsident Donald Trump mag sich für den Moment von der WM fernhalten. Doch Infantinos Nähe zu Trump, mit dem er beim WM-Final gemeinsam den Pokal übergeben will, bleibt so schwer erträglich wie seine marktschreierischen Social-Media-Auftritte. Es gab eine Zeit, da versuchten Staatsoberhäupter und Verbandsbosse staatsmännisch aufzutreten. Infantino scheint alles daran zu setzen, das Gegenteil davon darzustellen. Ob er das bei seinem Freund im Weissen Haus abgeschaut hat?

Es wird noch mehr Schall und Rauch geben bei den Hymnen

Zur Trumpisierung der Fifa passt auch das neue Hymnen-Setting vor den Spielen. Irgendjemand muss gefragt haben: Wie viel Krempel bekommen wir vor Anpfiff eines WM-Matches auf einen Fussballplatz gequetscht? Die Antwort: viel. So werden neben den beiden Startformationen der Teams zwei überdimensionierte Landesflaggen, eine mittelkreisgrosse Fifa-Fahne, ein Spalier, ein stilisierter Tunnel und die Ersatzspieler auf den Platz gescheucht, bevor die Nationalhymnen zelebriert werden. Die Sache wird sich übrigens noch zuspitzen. Die Zeremonie soll im Verlauf des Turniers «um zusätzliche Elemente wie farbigen Rauch oder Pyrotechnik erweitert» werden, drohte die Fifa vor dem Eröffnungsspiel. 

Peter Knäbel löst beim Nati-Startspiel die Aufgabe übrigens gut, bleibt professionell und gleichzeitig distanziert, tappt nicht in die Kumpel-Bild-Falle. Aber der Schweizer wird auch mitbekommen haben, wie die Welt ausserhalb Europas Infantino und seine Fifa sieht. Denn es sind beim WM-Startspiel der Nati nicht nur die 1994er-WM-Helden Georges Bregy und Yvan Quentin da und der Präsident des FC Lutry, dem Klub, von dem sieben Junioren Anfang Jahr in der Feuer-Tragödie von Crans-Montana ums Leben kamen. Sondern auch Fussballfunktionäre aus aller Welt. Und die sind deutlich weniger kritisch, wenn es um den Fifa-Boss geht.

WM mit 64 Teams – es wäre keine Überraschung

Auch das ist die Realität: Wer die Macht hat, wird umschmeichelt. Wer Geld verteilen kann, wird hofiert. Das geht im Falle des Fussballs übrigens am einfachsten, wenn man noch mehr Teams an einer WM zulässt. Mit 64 Teams liesse sich das Format mit den umstrittenen Gruppendritten loswerden – und Infantino hätte einen weiteren Grund, die Expansion als Fortschritt zu verkaufen. Wir werden nicht überrascht sein, wenn es dazu kommt.

Aber nun ist erst einmal Zeit, dass das Turnier endlich richtig anfängt. Denn der Fussball ist nicht kleinzukriegen. Von niemandem. Eigentlich eine tröstliche Nachricht.

Logg dich ein für den XXL-WM-Service!
WM 2026 Gruppe A
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Mexiko
Mexiko
3
6
9
2
Südafrika
Südafrika
3
-1
4
3
Südkorea
Südkorea
3
-1
3
4
Tschechien
Tschechien
3
-4
1
K.o.-Phase
Gruppe B
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Schweiz
Schweiz
3
4
7
2
Kanada
Kanada
3
5
4
3
Bosnien und Herzegowina
Bosnien und Herzegowina
3
-1
4
4
Katar
Katar
3
-8
1
K.o.-Phase
Gruppe C
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Brasilien
Brasilien
3
6
7
2
Marokko
Marokko
3
3
7
3
Schottland
Schottland
3
-3
3
4
Haiti
Haiti
3
-6
0
K.o.-Phase
Gruppe D
Mannschaft
SP
TD
PT
1
USA
USA
3
4
6
2
Australien
Australien
3
0
4
3
Paraguay
Paraguay
3
-2
4
4
Türkei
Türkei
3
-2
3
K.o.-Phase
Gruppe E
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Deutschland
Deutschland
3
6
6
2
Elfenbeinküste
Elfenbeinküste
3
2
6
3
Ecuador
Ecuador
3
0
4
4
Curacao
Curacao
3
-8
1
K.o.-Phase
Gruppe F
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Niederlande
Niederlande
3
6
7
2
Japan
Japan
3
4
5
3
Schweden
Schweden
3
0
4
4
Tunesien
Tunesien
3
-10
0
K.o.-Phase
Gruppe G
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Belgien
Belgien
3
4
5
2
Ägypten
Ägypten
3
2
5
3
Iran
Iran
3
0
3
4
Neuseeland
Neuseeland
3
-6
1
K.o.-Phase
Gruppe H
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Spanien
Spanien
3
5
7
2
Kap Verde
Kap Verde
3
0
3
3
Uruguay
Uruguay
3
-1
2
4
Saudi Arabien
Saudi Arabien
3
-4
2
K.o.-Phase
Gruppe I
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Frankreich
Frankreich
3
8
9
2
Norwegen
Norwegen
3
1
6
3
Senegal
Senegal
3
2
3
4
Irak
Irak
3
-11
0
K.o.-Phase
Gruppe J
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Argentinien
Argentinien
3
7
9
2
Österreich
Österreich
3
0
4
3
Algerien
Algerien
3
-2
4
4
Jordanien
Jordanien
3
-5
0
K.o.-Phase
Gruppe K
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Kolumbien
Kolumbien
3
3
7
2
Portugal
Portugal
3
5
5
3
Demokratische Republik Kongo
Demokratische Republik Kongo
3
1
4
4
Usbekistan
Usbekistan
3
-9
0
K.o.-Phase
Gruppe L
Mannschaft
SP
TD
PT
1
England
England
3
4
7
2
Kroatien
Kroatien
3
0
6
3
Ghana
Ghana
3
0
4
4
Panama
Panama
3
-4
0
K.o.-Phase
In diesem Artikel erwähnt
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen