Darum gehts
- Murat Yakin und Patrick Fischer streben Erfolge bei WM 2026 und Heim-WM an
- Schweizer Hockey-Nati dreimal in sieben Jahren im WM-Final vertreten
- Fussball-Nati zum sechsten Mal in Folge für eine WM-Endrunde qualifiziert
2026 will Murat Yakin (51) an der Fussball-WM in Nordamerika durchstarten, Patrick Fischer (50) peilt im Mai bei seiner Dernière am Heim-Turnier Gold an.
Blick: Dreimal innerhalb von sieben Jahren im WM-Final – wie klingen die Zahlen der Schweizer Hockey-Auswahl beim Fussball-Nati-Coach?
Yakin: Wir sind brutal unter Druck (lacht). Wir nehmen sie zum Vorbild. Es ist kein Zufall! Da steckt sehr viel Leidenschaft und Arbeit dahinter. Pat kann mit Top-Spielern arbeiten, die wollen. Mir fällt auf, wie sehr das Miteinander gelebt wird.
Der WM-Final gegen die USA ging wegen eines Wimpernschlags verloren.
Yakin: Für den letzten Meter muss innerhalb des Teams etwas Aussergewöhnliches passieren. Ich habe das Spiel gegen die USA gesehen – es war zuvor so souverän, aber im ersten Drittel des Finals vermisste ich die letzte Überzeugung, die Dominanz. Sie spielten zwar gut, aber ohne den letzten Zacken, um die Trophäe zu holen. Diese Eigenschaft geht uns Schweizern vielleicht immer noch ab.
Fischer: Wir sind inzwischen eine Top-Nation, wir haben unsere DNA. Im Final fehlte sie, da hat Muri recht. Unsere DNA ist Angriff. Wir müssen aktiv sein, so spielen wir. Im Endspiel haben wir unser Spiel zu wenig durchgesetzt. Das gilt es zu verbessern – wir sind gegenüber 2013 in der Entwicklung auf jeden Fall weiter, und unsere vier Silbermedaillen zeigen, dass wir konstant auf höchstem Niveau spielen. Der letzte Schritt fehlt aber noch.
Murat Yakin (51) wird als Abwehrspieler Meister mit GC und Basel, spielt für Stuttgart, Fenerbahce und Kaiserslautern und 49 Mal in der Nati. Als Trainer führt er Thun in die Super League, Luzern in den Cupfinal und den FCB zu zwei Titeln sowie in den Europa-League-Halbfinal. Er trainiert auch Spartak Moskau und den FC Schaffhausen. Seine Jobs bei GC und Sion enden jeweils im Streit. Seit August 2021 ist Yakin Nati-Trainer.
Murat Yakin (51) wird als Abwehrspieler Meister mit GC und Basel, spielt für Stuttgart, Fenerbahce und Kaiserslautern und 49 Mal in der Nati. Als Trainer führt er Thun in die Super League, Luzern in den Cupfinal und den FCB zu zwei Titeln sowie in den Europa-League-Halbfinal. Er trainiert auch Spartak Moskau und den FC Schaffhausen. Seine Jobs bei GC und Sion enden jeweils im Streit. Seit August 2021 ist Yakin Nati-Trainer.
Sie haben das Ziel WM-Titel schon vor Jahren erstmals offen ausgesprochen, Patrick Fischer.
Fischer: Im Nachhinein klingt es so, als wäre es eine heroische Aussage gewesen. Aber in Wirklichkeit war es eine Emotion. Wir standen 2013 per Zufall im Final. Nach dem Spiel waren alle zu Tode betrübt. Da sagte ich zum Team: Eines Tages werden wir wieder da sein. Der Glaube war da, noch einen nächsten Schritt zu gehen. Und nach Silber kommt nun mal Gold.
Mittlerweile sind die Erwartungen riesig. Ein Final gilt nicht mehr als aussergewöhnlich.
Fischer: Schön, dass wir so denken. Es ist etwas passiert, man glaubt an die Mannschaft. Die Vorfreude schwemmt den Erwartungsdruck weit weg. Wir freuen uns auf die Heim-WM und die Olympischen Spiele. Unser Motto ist «celebrate the moment». Was dann ist, werden wir sehen. Die Begeisterung ist Energie.
Sie stehen also nicht auf die Euphoriebremse?
Fischer: Es ist zu spät, um noch zu bremsen. Sport funktioniert so: du oder ich? Die totale Überzeugung kann den Unterschied machen. Entscheiden, vertrauen, dominieren. Nach diesen Grundsätzen handeln wir. Auch an Olympia gegen die kanadischen Superstars. Das ist unsere einzige Chance. Selbstbewusst, aber alles andere als arrogant. Wir haben keine Komplexe mehr, bleiben aber bodenständig.
Seit Dezember 2015 ist Patrick Fischer (49) Nati-Trainer und holte 2025 in Stockholm, 2024 in Prag und 2018 in Kopenhagen, wie schon 2013 als Assistent von Sean Simpson, WM-Silber. Nach der Heim-WM im Frühjahr wird er sein Amt als Nationaltrainer niederlegen. Als Spieler war er bei Zug, Lugano (Meister 1999), Davos (Meister 2002), den Phoenix Coyotes und SKA St. Petersburg aktiv und bestritt 183 Länderspiele. Von 2013 bis 2015 war Fischer Cheftrainer des HC Lugano.
Seit Dezember 2015 ist Patrick Fischer (49) Nati-Trainer und holte 2025 in Stockholm, 2024 in Prag und 2018 in Kopenhagen, wie schon 2013 als Assistent von Sean Simpson, WM-Silber. Nach der Heim-WM im Frühjahr wird er sein Amt als Nationaltrainer niederlegen. Als Spieler war er bei Zug, Lugano (Meister 1999), Davos (Meister 2002), den Phoenix Coyotes und SKA St. Petersburg aktiv und bestritt 183 Länderspiele. Von 2013 bis 2015 war Fischer Cheftrainer des HC Lugano.
Die Fussballer haben zum sechsten Mal in Folge die Endrunde einer Welt-Teamsportart erreicht. Würden Sie auch von einer SFV-DNA sprechen?
Yakin: Die Statistik ist das eine, die Erwartungshaltung das andere. Wir sind in der EM- und WM-Qualifikation erstmals als Favorit gestartet. Wir sind inzwischen die Gejagten. Innerhalb des Teams haben wir drei, vier Leader, die vorangehen, die klar zu verstehen geben: Alles andere als eine Qualifikation wäre richtig schlecht gewesen.
Rund neun Millionen haben eine Meinung zur Schweizer Mannschaft und teilen sie auch mit. Wie fühlt es sich an unter dieser riesigen Lupe?
Fischer: Man kann Hockey und Fussball nicht vergleichen. Fussball ist eine globale Sportart. Jeder ist mit dem Ball aufgewachsen, Schlittschuh laufen können die wenigsten. Mich kennen nicht alle, mich hat nie jemand angepöbelt: Fischi, du Schlauch, zieh mal endlich ab! Ich kann mich im Luzerner Hinterland gut abgrenzen. Muri ist da in einer anderen Sphäre.
Yakin: Für mich ist das kein Problem. Ich bin an einem grossen Tisch aufgewachsen, an dem man viele Mäuler stopfen musste. Der Tisch ist mit den Jahren und der zunehmenden Verantwortung noch grösser geworden. Die Rolle erfüllt mich mit Stolz. Und ich freue mich über die Anerkennung, auf der Strasse muss ich mich deshalb aber nicht feiern lassen.
Schwingen beim Nationalteam andere Emotionen mit als im Klub-Geschäft?
Yakin: Es ist überall gleich – man muss Resultate liefern. Fehlende Siege sind schwer zu erklären. Vor dem Spiel arbeiten wir darauf hin, während des Spiels ist der Einfluss klein, und hinterher wissen es eh alle besser. Vor allem, wenn es nicht gut läuft, steht man als Coach in der Verantwortung.
National-Coaches müssen gute Moderatoren sein. Erkennen Sie sich in der Arbeit des anderen wieder?
Fischer: Wir sind schon als Spieler ähnlich gewesen. Uns wurde immer ein bisschen vorgehalten: Ihr seid die Faulen. Dabei waren wir die Schlauen (lacht). Man muss nicht jeden Weg gehen. Aber man muss immer wissen, welcher Weg wo ins Ziel führt. Heute sehe ich ihn, wie er enorm ruhig, gelassen und gleichzeitig auch sehr konzentriert ist.
Gefällt Ihnen, wie die Schweiz unter Yakin auftritt?
Fischer: Ich bin ein grosser Fan der Schweizer Nati. Sie nehmen das Spiel in die Hand, sie kicken gegen vorne. Die Art und Weise, wie Muri im Team funktioniert, kenne ich nicht. Aber ich weiss, wie Muri mit Menschen umgeht. Wir haben gern starke Leute um uns herum. Alleine gewinnt man gar nichts!
Yakin: Wir haben unsere Mitspieler schon während unserer Aktivzeit stark gemacht. Und wir nehmen uns beide nicht so wichtig. Wir wussten, wir sind gut und machen unsere Arbeit. Da ticken wir gleich.
Wir sehen in beiden Teams diverse Alphatiere.
Yakin: Es geht um die Art und Weise, wie man die Rollenverteilung vermittelt. Wir haben 23 Spieler, aber ich kann nur elf Spieler einsetzen. Ich muss nach dem Spiel vielen Spielern erklären, weshalb ich sie nicht bringen konnte. Das ist mit etwas vom Schwierigsten im Fussball.
Muss man 1:1-Gesprächen auf Nationalmannschafts-Ebene mehr Zeit einräumen?
Yakin: Die meisten Nationalspieler sind in ihren Klubs Stammkräfte. Sie sind wie Rennpferde, die sich bewegen müssen, die Auslauf brauchen. Um Unruhe zu vermeiden, lohnt es sich, transparent zu sein, nicht um den Brei zu reden.
Haben Sie in der SFV-Auswahl etwas Anlaufzeit benötigt, um die internen Strömungen richtig einzuschätzen?
Yakin: Alle brauchten eine gewisse Zeit, um sich einzumitten. Ich für meinen Teil musste herausfinden, welches Timing ich für die interne Kommunikation zu wählen habe.
Sie haben auch Werte festgelegt und Regeln kommuniziert. Noah Okafor hielt sich nicht daran und deponierte seine Kritik an den SFV-Entscheidungsträgern öffentlich.
Yakin: Wenn es in einer grossen Familie Spaghetti gibt, dann kann ich kein Filet bestellen. Wir haben Noah unsere Werte und Prinzipien offen kommuniziert. Es geht immer um das Team. Wenn sich jemand über das Team stellt, dann bin ich in der Verantwortung, das zu klären.
Im Eishockey gibt es den «Fall Bichsel». Sie haben den NHL-Verteidiger für Olympia- und die Heim-WM suspendiert, weil er mehrere U20-Aufgebote ausgeschlagen hat.
Fischer: Wir haben klare, breit abgestützte Grundsätze, die für alle Spieler gleichermassen gelten. Sie sind die Basis für unsere Zusammenarbeit und den Erfolg. Mit 17 bis 19 bist du eher noch ein Einzelkämpfer, du probierst, Fuss zu fassen. Irgendwann merkst du: Es gibt auch noch andere. Ein Nico Hischier hat diese Tugenden beispielsweise schon mit 17, 18 verinnerlicht. Deshalb wurde er mit 21 Jahren Captain bei New Jersey. Sie gaben ihm das C, weil er das Teamdenken lebt.
Yakin: Ich habe Zeiten erlebt mit Spielern, die am Wochenende zwei, drei Kisten gemacht haben, und dann erst am Freitag wieder aufgetaucht sind. Die Namen sind mir grad entfallen.
Fischer: Ich war ja auch einer von jenen. Wir waren damals doch keine richtigen Profis. Keiner wusste, was es heisst, mental und körperlich zu arbeiten. Das geht heute nicht mehr. Die Spieler investieren so viel. Da wollen sie keinen dabei haben, der das Projekt gefährdet. Wir haben es manchmal mit jungen Männern zu tun, die zwar Millionen in den Hosensäcken haben, aber deswegen noch lange nicht allwissend sind.
Fällt Ihnen ein Beispiel ein?
Fischer: Ich hatte mal einen Spieler, der sich immer beschwerte und andere anschnauzte. Ich habe ihm gesagt: Klar, du kannst das besser. Aber wenn wir führen, wer liegt dann in die Schüsse? Du oder er? Wer ist denn besser im Backchecking? Du oder er? Wer nimmt die Zweikämpfe wirklich an? Du? Er? Ich war sauer, weil ich Mobbing nicht ausstehen kann, das Ätzen gegen andere.
Yakin: Ist es einer gewesen, der nie aus dem Kindergarten herausgekommen ist?
Fischer: Ich sagte ihm, er solle sich einen Sandkasten tätowieren. Ich frage manchmal auch: Was sollen die Leute am Ende deiner Karriere über dich sagen? Super, hat Tore gemacht, aber nur für sich gespielt. Das will niemand. Das ist die Höchststrafe. Das hat eben viel mit leiden zu tun: für den Erfolg, für die Mannschaft. Da kommt mir Granit Xhaka in den Sinn: Er geht für das Team vorneweg. Er lebt es vor. Bei uns sind es Roman (Josi, d. Red.), Nico, Nino (Niederreiter), Kevin (Fiala), um nur einige zu nennen. Während eines zweiwöchigen Turniers kann ich keine Egos gebrauchen, die Infights haben. Das ist gefährlich.
Würde Xhaka im Hockey-Umfeld funktionieren mit seiner Art?
Fischer: Unbedingt! Mental schwächere Spieler müssen sich an ihn gewöhnen. Er ist herausfordernd, er will gewinnen. Bei uns im Hockey ist der biggest Leader Mark Messier (sechsfacher Stanley-Cup-Sieger mit Edmonton und den New York Rangers, d.Red.) gewesen. Er sagte immer: Meinen Handshake musst du dir zuerst einmal verdienen. Ganz oben brauchst du diese Intensität. Das ist für uns Schweizer der letzte schwierige Meter; wir sind vielleicht etwas weicher aufgewachsen. Im Fussball haben Spieler mit Migrationshintergrund vom Balkan diese besondere Mentalität mitgebracht.
Yakin: Ist diese mentale Intensität unter hohem Druck überhaupt messbar? Wir erheben ja alle möglichen Daten – aber diese Eigenschaften erfassen wir nicht, oder?
Fischer: Performance unter Druck ist für mich ein grosses Thema. In Nordamerika sind schon die 16-Jährigen permanent ausserhalb der Komfortzone. Zack, und du bist weg. Das auszuhalten, lernen die Nordamerikaner viel früher. Bei uns wächst die mentale Robustheit viel später.
Haben wir denn auch Spieler dieser Prägung?
Fischer: Ich sehe in beiden Nationalteams Spieler, die solche Eigenschaften besitzen. Ein Granit oder ein Akanji bei Muri, bei uns Joslä (Josi), Nico (Hischier) oder Leo (Genoni). Je grösser der Captain ist, desto grösser ist jeder einzelne Spieler. Man braucht einen, der gross denkt und handelt. Dann wachsen alle. Sie wollen aufs Eis, wenn es so richtig ans Eingemachte geht, dann stehen sie auf, dann sind sie voll da.
Die Hockey-Nati spricht offen vom Ziel, Weltmeister zu werden. Wie wird im Fussball die Zielsetzung definiert?
Yakin: Jeder im Team wusste nach dem Viertelfinal-Out gegen England, dass auch eine Final-Qualifikation möglich gewesen wäre. Statistisch waren wir zusammen mit Spanien die beste Equipe. Unser Auftreten, die Daten und das Wissen um die Möglichkeit, sich für ein Endspiel qualifizieren zu können, das alles hilft. Wenn etwas denkbar ist, ist es auch machbar. Wir haben 2026 grosse Ambitionen. Im besten Fall können wir jeden schlagen. Deshalb dürfen wir träumen, ohne zu vergessen, dass es immer sehr viel braucht. Ab und zu auch Glück.
Wir haben über die Secondos in der Fussball-Nati gesprochen. Im Eishockey spielen sie eine viel kleinere Rolle. Bedauern Sie das?
Fischer: Bedauern ist das falsche Wort. So ist es halt. Eishockey ist kein elitärer Sport, aber er ist vergleichsweise teuer. Für die Eltern ist Hockey teilweise ungemütlich. Man muss die Kinder immer zu den Stadien fahren, die Wege sind lang. Der Fussballplatz ist im Normalfall direkt vor der Türe. Man kann im Dorf spielen. Viele haben so keinen einfachen Zugang zum Hockey.
Ist die Heim-WM eine Chance, um Leute zu erreichen, die sich sonst nicht allzu sehr mit Eishockey beschäftigen?
Fischer: Das ist denkbar und ja auch das Schöne, wenn Menschen von einer WM mitgerissen werden. Dass in Albanien oder im Kosovo kurzfristig regelmässig Hockey geschaut wird am TV, glaube ich nicht. Der Bezug zu diesem Sport fehlt noch. Aber wer weiss, vielleicht guckt im Mai der eine oder andere rein und entwickelt eine Begeisterung fürs Hockey. Das wäre ein schöner, langfristiger WM-Effekt.

