Darum gehts
- Fifa-Präsident Gianni Infantino steht vor massivem Druck und Rücktrittsforderungen
- Uefa droht mit Boykotts, erste Tests könnten im September beginnen
- Fifa-Wahl in Rabat 2027 entscheidet über Machtkampf zwischen Infantino und Ceferin
Fussball ist eigentlich eine Seifenoper. Woche für Woche fiebern wir mit, wenn unsere Lieblinge versuchen, das Glück auf ihre Seite zu zwingen. Seit einigen Wochen kommen im Weltfussball auch die Freunde von Krimis und Mafiaserien auf ihre Kosten. Der Plot: Ein Spitzenfunktionär nutzt seine Nähe zu US-Präsident Donald Trump, um mit dem Fussball ein Milliardengeschäft einzufädeln, und verliert darüber fast seine Macht.
Es ist der grösste Machtkampf, den die Fifa seit dem Sturz von Sepp Blatter erlebt hat. Wer ihn gewinnt? Offen. Die Europäer, angeführt von ihrem slowenischen Präsidenten Aleksander Ceferin (58), haben die Karten früh auf den Tisch gelegt. Ihre Mission scheint klar: Fifa-Präsident Gianni Infantino (56) muss gestoppt werden. Er soll weg. Spätestens am 18. März 2027, wenn in Rabat der Fifa-Präsident für die nächsten vier Jahre gewählt wird.
Bröckelt die Phalanx seiner Gegner bereits?
Mit dem Abbruch des wunderbar schurkig betitelten «Fifa Forward Enterprise (FFE)»-Projekts versucht der in die Enge gedrängte Fifa-Boss seine Haut zu retten. Eigentlich aber hat er sich längst unmöglich gemacht, doch die Phalanx der Gegner könnte ebenfalls bröckeln. Hatten zunächst die Nord- und Mittelamerikanischen und die karibischen Verbände (Concacaf) und der Asiatische Fussballverband (AFC) an der Seite der Uefa mit einem WM-Boykott gedroht, haben nun etwa die Mexikaner bereits verlauten lassen, dass sie zwar weiterhin kritisch seien, aber vor allem reden wollen darüber, wie man einen Fussballweltverband führe. Und das könne Infantino nun mal hervorragend.
Am Freitag forderte derweil der norwegische Verband Infantinos Rücktritt. Und stellte damit immerhin sicher, dass das Getöse um den Walliser mit italienischen Wurzeln auch übers Wochenende nicht abebben wird. Spätestens, seit am Freitagabend der britische «Telegraph» meldete, die Uefa habe vor 15 Jahren einer angeblichen Geliebten des damaligen Uefa-Funktionärs Infantino eine sechsstellige Abfindung gezahlt, ist klar: Jetzt wird mit harten Bandagen gekämpft.
Welche Optionen haben die Europäer?
Was machen in der ganzen Kakofonie eigentlich die Schweizer? Die Tatsache, dass der SFV eher zurückhaltend kommuniziert, hat nichts damit zu tun, dass die Schweizer sich auf Infantinos Seite schlagen. Vielmehr weiss man: Wenn Infantino ohne Abwahl gehen muss, wird sich das im Hintergrund entscheiden. Man kann es dabei mit Rücktrittsforderungen versuchen, am Ende aber ist klar: Infantino wird nur gehen, wenn er merkt, dass er am deutlich kürzeren Hebel sitzt. Heisst: Die Europäer müssen nun ihre Muskeln spielen lassen.
Gibts schon im September den ersten Boykott?
Das stärkste Pfand, das die Europäer in der Tasche haben, ist der Kern des Fussballs: die Spieler. Die überwiegende Mehrheit der Profis, die auf der globalen Bühne eine Rolle spielen, hat ihre fussballerische Ausbildung mindestens zum Teil in Europa gemacht und verdient ihr Geld hier. Ähnliches gilt für die Klubs und Ligen. Einzig die Südamerikaner können halbwegs mit der Strahlkraft mithalten, die Europas Topligen zu bieten haben.
Im Raum steht weiterhin der Boykott. Im September findet in Polen die U20-WM der Frauen statt. Will die Uefa dort bereits testen, was sie ausrichten kann? Oder wartet sie bis zur Frauen-WM im nächsten Sommer in Brasilien? Machen die Uefa-Verbände geschlossen Ernst, kann die Fifa diese Weltmeisterschaften faktisch absagen, weil sie sportlich irrelevant sind.
Nächster Halt: Salzburg
Die grosse Frage, die sich Fussball-Europa derzeit stellt: Hat Uefa-Boss Ceferin die besseren Verbindungen als Infantino? Dass der Slowene in den USA durchaus auch die eine oder andere wichtige Telefonnummer kennt, hat er bewiesen, als er die milliardenschwere Vermarktung der Champions League nach über 30 Jahren beim Schweizer Vermarkter «Team» ans US-Unternehmen Relevent vergab. Zumal US-Investoren bei europäischen Topklubs längst ein- und ausgehen. Infantino ist also nicht der einzige Fussballfunktionär mit einem einflussreichen Onkel aus den USA. Am Mittwoch steigt in Salzburg der Uefa-Supercup, wo sich das Who’s who des Fussballs trifft. Da wird sich zeigen, inwiefern sich das Stimmungsbild entwickelt hat. Eine Wildcard sind dabei die Fifa-Sponsoren: Wenn denen nicht mehr wohl bei der Sache ist und sie mit Rückzug drohen, könnte es plötzlich schnell gehen. So schnell, dass keine Fragen mehr gestellt werden.
Infantino wird hart daran arbeiten, die Reihen wieder zu schliessen. Die afrikanischen Verbände hat er weiterhin hinter sich. Da hat der Schweizer Ex-Nati-Spieler Gelson Fernandes, der bei der Fifa für diesen Kontinent zuständig ist, ganze Arbeit geleistet. Es ist das Prinzip, das bereits Sepp Blatter angewandt hat: Viel Geld in Weltregionen schicken, die davon nicht so viel haben, um den Fussball zu entwickeln. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass immer noch viel davon versickert – aber wer prüft das schon so genau nach? Das Wohlwollen der afrikanischen Verbände ist Infantino jedenfalls sicher, ebenso wie jenes der Südamerikaner.
Welche Rolle spielt Katar?
Vielleicht mag ja auch sein alter Freund Trump, dessen Umfeld beim FFE-Projekt einsteigen wollte, ein gutes Wort für Infantino einlegen. Womit wir bei der spannendsten Frage angelangt wären: Was wollen eigentlich die Katarer? Die haben sich in den letzten 30 Jahren eine zentrale Rolle im Weltfussball erkauft. Im Uefa-Vorstand sitzt PSG-Präsident Nasser Al-Khelaïfi, ein enger Vertrauter und Minister des katarischen Emirs und Chef von Qatar Sports Investments. Al-Khelaïfi verfügt über exzellente Netzwerke. Er hat nicht nur die Uefa hinter sich, sondern auch weitreichende Kontakte in den Föderationen Nord- und Südamerikas, Afrikas und Asiens. Gibt er das Zeichen, dass Infantino am Ende ist, ist das Ding durch.
Die Theorie, die der «Spiegel» diese Woche schilderte: Dass Katar Infantino trotz der aktuellen FFE-Krise nicht fallen lässt, liegt an einem noch grösseren geopolitischen Traum, den Olympischen Sommerspielen 2036, die das Emirat seit zwei Jahrzehnten unbedingt ausrichten möchte. Da sowohl der katarische Emir Tamim bin Hamad al-Thani als auch Infantino Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sind, ist der Fifa-Präsident für Katar als Stimmenbeschaffer und politischer Netzwerker im IOC von unschätzbarem Wert. Solange der Emir Infantino für den olympischen Traum benötigt, bleibt er im Amt geschützt.
Infantinos Kampf um die Macht: Er könnte sich daran entscheiden, wie nützlich er für andere ist. Für Afrika, für Katar, für den Trump-Clan. Infantino macht sich zum Werkzeug, das für andere zu wertvoll ist, um es wegzuwerfen. Gleichzeitig ist er so angreifbar: Ist er nicht mehr nützlich, ist er auch verzichtbar. Diese Seifenoper könnte noch richtig schmutzig werden.