Reformen, Reformen, Reformen. Alles im darniederliegenden Deutschland soll reformiert werden. Das Gesundheitswesen, das Rentensystem, die Energieversorgung, die Wirtschaft, das politische System. Deutschland ist ein einziges Reformhaus.
Reformen braucht es auch im Fussball. Dort heisst der neue Hoffnungsträger der einst so stolzen DFB-Elf Jürgen Klopp. Klopp, der Mainz, Dortmund und Liverpool zu ungeahnten Höhenflügen geführt hat, soll das sinkende Schiff auf Vordermann bringen. Mit Ideen aus der Schweiz.
Denn geprägt und inspiriert worden ist Jürgen Klopp von seinem ehemaligen Trainer Wolfgang Frank. Frank war Stürmer in der Bundesliga, erzielte in 215 Spielen 89 Tore. 1984 geht er als Spielertrainer zum FC Glarus. Und küsst fussballerisch den Zigerschlitz wach.
Auch in Aarau hinterliess er Spuren
1988 kommt er zum FC Aarau. Schwärmt von Arrigo Sacchi. Von der Viererkette, vom Pressing, vom totalen Fussball, den er als Spieler auch in Holland bei Alkmaar kennengelernt hat. Seine weiteren Trainerstationen in der Schweiz sind Wettingen und Winterthur. 1995 wird er Trainer beim FSV Mainz 05.
Dort spielt der mittelmässige Abwehrspieler Jürgen Klopp. «Alle haben damals zugehört. Aber Klopp hat am besten hingehört», sagt Frank später. Und was sagt Klopp? Er nennt die Ankunft von Wolfgang Frank rückblickend als «Offenbarung» für seinen weiteren Weg. «Franks grosse Stärke war der klare Plan vom Spiel. Er hat uns die Laufwege eingehämmert. Er hat unsere Ergebnisse ein Stück unabhängig gemacht von unserem Talent. Bis dahin hatten wir gedacht: Sind wir die schlechteren Spieler, verlieren wir. Nun konnten wir mit unserem System gegen Mannschaften gewinnen, die besser waren als wir.»
Er prägte eine ganze Trainer-Generation
Klopp ist nicht der Einzige, der von Wolfgang Frank inspiriert wurde. Auch Trainer wie Torsten Lieberknecht, Sandro Schwarz, David Wagner und andere seiner ehemaligen Spieler nennen den «Wahlschweizer» als entscheidende Quelle der Inspiration. Lieberknecht hat vor zwei Wochen im deutschen Fernsehen erklärt, dass ihn Frank damals überreden wollte, seine hoffnungslose Spielerkarriere zu beenden, um als Trainer zum FC Glarus zu gehen.
Die Biografie über den Mann, der die Schweiz immer als seine zweite Heimat bezeichnet hat, heisst «Wolfgang Frank, der Fussball-Revolutionär». Das Sportzentrum in Mainz, da, wo jetzt Urs Fischer seinen Arbeitsplatz hat, heisst mittlerweile «Wolfgang Frank Campus am Bruchweg». In Mainz hat er die Wertschätzung und Anerkennung gefunden, die ihm lange verwehrt blieb.
Ich durfte Wolfgang Frank auf seinem Weg als Trainer lange begleiten. Er gehört zu den liebenswertesten Menschen, die ich in meinem langen Berufsleben kennengelernt habe. Als es beim FC Aarau kriselte, lautete die Schlagzeile am nächsten Tag in Anlehnung an eine mögliche Entlassung: «Wird Aarau zu Frankfurt?» Auch diesen Wortwitz hat mir Frank verziehen und mich am Morgen danach lachend angerufen. Der Kontakt ist bis an sein Lebensende geblieben.
2013 wird bei Frank ein Gehirntumor diagnostiziert. Er stirbt kurz danach im Alter von 62 Jahren. Sollte sein einstiger Musterschüler Jürgen Klopp mit der Nationalmannschaft zurück zu alter Stärke finden, dann wird dies auch seinem Lehrmeister «Wolfi» im Himmel ein Lächeln entlocken. Die erste Möglichkeit dazu ist das Premierenspiel von Klopp am nächsten Donnerstag in Holland.







