Transfer-Millionen, fehlendes Profil, keine Ruhe im System
Handlungsbedarf beim FCZ

Der FCZ kommt nach umfassenden Veränderungen im Kerngeschäft nicht zur Ruhe. Mit nur zwei Remis in sechs Runden sackt Dennis Hedigers instabile Equipe weiter ab. Der Klub hat Millionen eingenommen, verliert aber an Substanz und hat zig Probleme. Die Blick-Analyse.
Kommentieren
1/11
Coach Dennis Hediger fahndet fieberhaft nach der richtigen Taktik-Formel.
Foto: Pius Koller

Darum gehts

  • FCZ kämpft mit defensiven Problemen, Systemversagen und fehlender Abstimmung
  • Nur Winterthur (57) und YB (45) kassierten mehr Tore als FCZ (1,95-Schnitt)
  • Innerhalb 48 Stunden wird ein neuer ausländischer Abwehrchef präsentiert
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
Schoch&Raz07.jpg
Sven SchochReporter Sport

Defensive Turbulenzen und ein Abwehrchef im Anflug

Die Flut an Gegentoren zeigt vor allem etwas: Beim FCZ greift aktuell kein System, in jeder Besetzung passt die Abstimmung nicht. In Bern (0:3) reicht ein frühes Gegentor, um alles aus den Fugen zu bringen. Automatismen sind nicht vorhanden, die Balance ist nicht vorhanden. Seit dem letzten Erfolg in St. Gallen am 6. Dezember ist die defensive Kette in sieben Spielen nur zweimal in gleicher Formation aufgetreten. Mit Lindrit Kamberi (26) und David Vujevic (19) dürfen lediglich zwei Akteure für sich in Anspruch nehmen, zum Stamm zu gehören. Ihre wechselnden Partner sorgen nicht für Stabilität. Die Umstellung auf eine Dreier-Abwehr hat die Lage nicht entschärft, weil die personell aufgestockte Mittelfeldachse die Flanken und das Zentrum viel zu wenig abschirmt. Gegen YB haben sich Winter-Zugang Chris Kablan und Nelson Palacio in einer Art und Weise düpieren lassen, die Fragen aufwirft. Der Blick auf die Statistik ist alarmierend: Nur der Tabellenletzte Winterthur (57 Gegentore) und die unberechenbaren Young Boys (45) haben mehr Treffer kassiert als der FCZ, der im Schnitt 1,95 Tore zulässt. Tendenz steigend. Entsprechend werden die Verantwortlichen handeln und in den nächsten 48 Stunden einen neuen ausländischen Abwehrchef präsentieren.

Die Transfer-Millionen und enger Spielraum

Innerhalb der letzten Wochen hat der FCZ mit Jahnoah Markelo, Junior Ligue und Mariano Gomez Personal für gegen acht Millionen Franken verkauft. Angesichts der massiv roten Zahlen der vergangenen beiden Saisons sind die Transfer-Einnahmen vor allem für die Besitzerfamilie Canepa eine positive Nachricht. Wegen des anhaltenden Tiefs in der Meisterschaft ist erneut ohne Europacup-Erträge zu kalkulieren; dazu kommen die fehlenden Einnahmen wegen der Stadionproblematik (jährlich rund fünf Millionen). Deshalb ist keineswegs mit einer Transfer-Offensive zu rechnen. Mit den jüngsten Deals hat Mandatsträger Dino Lamberti einzig die Verluste eingedämmt. Sein Spielraum bleibt aus wirtschaftlichen Gründen eng. 

Die Suche nach dem Zuber-Ersatz und kein ähnliches Profil

Steven Zuber hat sich nach dem tosenden Sportchef-Out seines früheren Agenten Milos Malenovic umgehend vom Projekt FCZ verabschiedet. Der 56-fache Nationalspieler hinterlässt eine klaffende Lücke – als Antreiber auf dem Rasen, als führender Kopf im Training. Keiner im offensiven Mittelfeld besitzt ein vergleichbares Profil. Zuber-Ersatz Bledian Krasniqi fehlt aktuell das Selbstvertrauen, um das Führungs-Vakuum zu bereinigen. Die Sondierung nach personellen Optionen findet nach Blick-Informationen vor allem hausintern statt. 

Die Goalie-Rochade und eine riskante Wette

Unter Hochdruck und in einer ungemütlichen Situation den langjährigen Stammgoalie auszuwechseln, ist mutig. Genau das hat der FCZ unmittelbar vor dem missratenen Gastspiel in Bern gemacht: Der Schweizer U21-Stammkeeper Silas Huber steht für den degradierten Captain Yanick Brecher (32) zwischen den Pfosten. Der 20-jährige Super-League-Debütant wird zwar bei erster Gelegenheit bezwungen, demonstriert aber in der Folge, dass er dem Stress gewachsen sein könnte. Ihm ist der vierte Fehltritt innerhalb der letzten fünf Runden nicht anzulasten. Wie es auf einer der wichtigsten Positionen der Mannschaft weitergeht, bleibt abzuwarten. Im Prinzip müsste der Trainerstab am vereinseigenen Talent langfristig festhalten. Seine Personalie ist eine Wette auf die Zukunft, die selbstredend nicht frei von Risiken ist. Sein Vorgänger Brecher hegt aus nachvollziehbaren Gründen Ambitionen, wieder zur Nummer 1 aufzurücken. Der interne Konkurrenzkampf, die XXL-Erwartungen, die erheblichen Schwankungen seiner Vorderleute, der eigene Entwicklungsprozess. Es kommt wie überall beim FCZ sehr viel zusammen und auch bei den Torhütern gilt: Status kompliziert. 

Der Coach und die tückische Schwarmintelligenz

«Wir haben hier eine Schwarmintelligenz. Es ist nicht chaotisch, sondern strukturiert. Wir wissen genau, welchen Weg wir gehen wollen.» Die Hediger-Zitate stammen aus einem Blick-Interview von Mitte Januar. Nach zwölf Spielen seit seiner Beförderung zum Chef-Coach ist keine Konstanz erkennbar. Man spürt, dass der Taktik-Nerd fieberhaft nach der richtigen Formel fahndet und (zu) viel verändern will. Die Frage wird nun sein, in welcher Form der junge Trainer die zahlreichen internen Inputs verarbeitet. Im Schwarm lässt sich das Team nicht führen, am Ende muss einer solo entscheiden: im optimalen Fall der Trainer selber. «Attraktiver, offensiv intensiver und vertikaler Fussball» – davon ist bis jetzt zu wenig zu sehen. Hediger muss korrigieren und primär unspektakuläre Ruhe ins System bringen. 

In diesem Artikel erwähnt
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen