Darum gehts
- Thomas Häberli wurde am 4. August 2025 bei Servette entlassen
- Häberli bekam nach seiner Entlassung viele Nachrichten von Spielern
- Nach nur zwei Spieltagen wurde er nach einer 1:4-Niederlage gefeuert
Seit dem 4. August 2025 ist Thomas Häberli (51) ohne Job. An jenem Sommertag macht Servette publik, was für niemanden eine Überraschung ist. Nicht drei Niederlagen in Folge werden ihm zum Verhängnis, sondern der Kurswechsel innerhalb der Genfer Führung.
Der Ausstieg des früheren Sportchefs René Weiler (52) machte die Lage kompliziert. «In neun von zehn Fällen geht der Coach, weil es der Klub so will und nicht umgekehrt. Sie haben eine Neuorientierung beschlossen, das ist Part of the Game», sagt Häberli ein halbes Jahr später zu Blick. «Dann putzt es dich einfach weg.»
Nach dem letzten Spiel der alten Saison hat er ein Aufgebot erhalten für einen Austausch mit der neu formierten Sportkommission um Alain Geiger (65). Eine Vorahnung keimt auf: «Ich habe damals schon zu meiner Frau gesagt: ‹Ich muss wohl gar nicht mehr beginnen.›» Sein ungutes Gefühl trügt nicht: «Während meiner Ferien habe ich der Zeitung entnommen, dass alles, was wir abgemacht haben, wieder über Bord geworfen wurde. Optionen wurden nicht gezogen, die gewünschten Spieler wurden nicht geholt. Das hätten wir uns alle sparen können.»
Unter dieser Voraussetzung ist Häberli gestartet und nach dem zweiten Spieltag (1:4 gegen St. Gallen) entlassen worden.
«Genüge ich? Tut mir das gut?»
Enttäuschung, Groll, Reflexion. Der Mann, dem wenige Wochen nach der besten Genfer Saison seit Jahren das Vertrauen entzogen wird, zeigt Emotionen. «Zunächst einmal ist man natürlich sauer, obwohl ich den Braten früh gerochen hatte.» Von 100 auf null: «Durchatmen, sacken lassen. Dann beginnt die eigene Analyse. Warum? Wie weiter?»
Bei seiner ersten Freistellung in Luzern habe er sich sehr schwergetan. Damals stellt er sich grundlegende Fragen: «Will ich das überhaupt wieder? Tut mir das gut? Genüge ich? Davon bin ich jetzt weit entfernt, ich bin an einem ganz anderen Punkt im Leben, ich sehe das grosse Bild viel klarer. Ich liebe diesen Job, man muss Konflikte lösen, das Energielevel ist hoch.»
Häberli testet seinen Willen mit einem Fastentag
Genf habe ihn so sehr geprägt wie das mehrjährige Abenteuer als Nationalcoach von Estland. «Im Norden habe ich mich als Mensch weiterentwickelt, da wurde ich geschliffen. Bei Servette habe ich herausgefunden, was nötig ist, um Erfolg zu haben. Ich weiss, was ich kann, welche Hebel ich in Bewegung setzen muss.»
Am Lac Léman ist es ihm trotz vieler Schatten-Kabinette gelungen, sich «im hohen Drama Fussball etwas zurückzunehmen». Sein sozialer Führungsstil ist in der Kabine gut angekommen. «Nach meinem Out haben mir viele Spieler geschrieben, von denen ich gar nicht wusste, dass sie meine Telefonnummer haben. Davon kann ich mir nichts kaufen, aber für mich ist diese Form von Abschied wichtig.»
Für Häberli ist klar: «Selbstreflexion ist der Anfang des Fortschritts.» Nach einem Bruch in der Karriere stehe das Eigenmanagement im Vordergrund. Der Luzerner steht täglich früh auf, entwickelt Routinen, bildet sich weiter. «Man muss Gewohnheiten ins Leben bringen, die förderlich sind. Es ist wichtig, wieder parat zu sein, wieder ein Vorbild sein zu können.» Es sei wie mit dem Fastentag, den er für sich eingeführt hat: «Es ist eine Geschichte des Willens.»
Lieber ein Klub-Projekt statt Nationaltrainer
Inzwischen hat sich der Staub gelegt. Es fühlt sich nicht mehr komisch an, die Super League ohne konkreten Auftrag zu verfolgen. «Ich gehe vereinzelt wieder ins Stadion oder schaue mir die Spiele am TV an.» Was macht Zürich, was macht Basel, wie kommt Luzern aus dem Tief? «Was Thun macht, ist fantastisch. Eine gute Dynamik im Team ist für mich ein Schlüssel. Gesunde Hierarchien, das Ego begraben, sich gegenseitig akzeptieren, miteinander reden.» Ihn freue unheimlich, wie seine Ex-Junioren Marco Bürki und Leo Bertone im Berner Oberland durchstarten: «Das sind gute Typen.»
Ein zeitnahes Comeback Häberlis ist vorstellbar. Nach einem Besuch bei Weiler in Washington und weiteren Reisen zu Kollegen in Europa ist ihm klar geworden: «Ein Job als Nationalcoach kommt eher nicht infrage. Mich zieht es zu einem Klub-Projekt, in dem ich mit sehr guten Leuten kooperieren kann – in welcher Position auch immer. Wo ich meinen Weg fortsetze, ist egal. Es muss für die ganze Familie stimmen.» Noée (9) und Ben (11) sind schulisch eingebunden, die älteren Töchter stehen bereits auf eigenen Beinen. Häberli aber ist sicher: «Es wird etwas kommen.»



