Darum gehts
- FC Thun erlebt 20 Jahre mit Höhen und Tiefen, inkl. Meistertitel
- 2005 Champions League mit 20 Mio. CHF Einnahmen, später grosse Probleme
- 12 Spieler 2007 verhaftet, 2020 Corona-Abstieg, jetzt wirtschaftliche Stabilität
Champions League, zwei Sexskandale, zwei Abstiege, ein neues Stadion, ein Wettskandal, Europacup-Spiele, mehrere Beinahe-Insolvenzen, Schweizer Meister. Der FC Thun hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine Berg- und Talfahrt hinter sich, die ihresgleichen sucht. Immer mit dabei: Andres Gerber (53). Als Spieler, Sportchef und Präsident hat er alle Höhen und Tiefen hautnah miterlebt. Für Blick schaut er zurück:
Champions League 2005
Der Klub aus dem Berner Oberland schreibt im Herbst 2005 ein erstes Fussballmärchen und wird über die Landesgrenzen hinaus bekannt, als er sich trotz Mini-Budget für die Champions League qualifiziert. «Der schönste Moment war der Schlusspfiff gegen Malmö, diese Ekstase im erstmals ausverkauften Wankdorf bleibt für immer haften», erinnert sich Gerber. «Die ganze Schweiz war plötzlich Thun-Fan, alle wollten Tickets.» In Erinnerung geblieben ist ihm auch das Hinspiel in der 2. Quali-Runde gegen Dynamo Kiew, das finanziell dank Oligarchengeldern in einer ganz anderen Liga spielte. «Es war David gegen Goliath. Der xG-Wert lautete gefühlt 10:0 für sie, aber wir spielten 2:2.» Keeper Eldin Jakupovic macht das Spiel seines Lebens und steht mit seinen Paraden am Anfang des Thuner Märchens. Es folgt die Gruppenphase mit den Spielen gegen Arsenal, Ajax Amsterdam und Sparta Prag, dank Platz 3 spielt man in der Europa League weiter, wo gegen den HSV das knappe Aus kommt. «Die ganze Kampagne war ein Genuss», so Gerber. «Wir waren etwas naiv und lausbübisch, nicht alles war so klar strukturiert oder geplant. Aber das war unser Trumpf und die Leidenschaft und der Zusammenhalt unsere grosse Stärke.»
Der Klub gerät aus den Fugen
Der Kater nach der Champions League lässt nicht lange auf sich warten. Die hohen Einnahmen von rund 20 Millionen Franken wecken Begehrlichkeiten: Spieler, Neuverpflichtungen, Berater, Staff-Mitglieder, alle wollen am Kuchen partizipieren. «Alle wussten ja, dass Thun nun Geld hat. Wir Spieler hatten relativ tiefe Löhne und dachten, jetzt wollen auch wir mal richtig gut verdienen», sagt Gerber. Für die damalige Führung sei es enorm schwierig gewesen. «Wir hatten eine extreme Fallhöhe mit der Teilnahme an der Champions League generiert. Es herrschte Unruhe.» Hinzu kommt, dass auch die Erwartungen im Umfeld steigen. «Eine Durchschnittssaison war nicht mehr gut genug», sagt Gerber. «Die Seele des Klubs ging in dieser Zeit verloren.»
Der erste Sexskandal
Es sind Bilder wie in einem Krimi. Am 13. November 2007 werden zwölf aktuelle und ehemalige Spieler des FC Thun sowie neun weitere Personen von der Polizei festgenommen und verhört. Der Vorwurf: sexuelle Handlungen mit einer minderjährigen Frau. «Man kann nur hoffen, dass es halb so schlimm ist, wie es tönt», sagt Thuns damaliger Präsident Kurt Weder gegenüber SRF. «Als wir aus der Kabine kamen, warteten 20 bis 30 Fotografen, Kameras und Mikrofone auf uns – wie nach einem Wimbledon-Sieg Federers», erinnert sich Gerber. «Das Schlimme war der Generalverdacht, unter dem auch wir nicht involvierten Personen standen. Wir wussten gar nicht, was passiert ist, und kamen uns teilweise wie Schwerverbrecher vor.» Erschwerend hinzu kommt, dass die Spieler sich auch gegenüber dem Umfeld nicht äussern dürfen, weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt. «Das Ganze war unverhältnismässig und hat sich erst etwas entschärft, als wir eine Liste mit den Namen der Spieler veröffentlichten, die nichts mit dem Skandal zu tun hatten», sagt Gerber im Rückblick. «Noch jahrelang wurden wir in fremden Stadien von den Fans verhöhnt.» Auch sportlich läuft es nicht mehr rund, 2008 folgt der Abstieg in die Challenge League.
Wettskandal
Am 20. November 2009 veröffentlicht die Staatsanwaltschaft Bochum die Ergebnisse ihrer Ermittlungen wegen Spielmanipulationen. Betroffen sind Dutzende Spiele und rund 200 Personen in neun Ländern. Involviert sind auch sieben Spieler aus der Challenge League, zwei vom FC Thun werden suspendiert. «Eigentlich hatte der FC Thun damit gar nichts zu tun. Es waren einfach einzelne Leute, die sich nicht ans Gesetz gehalten haben», sagt Gerber. Der Klub gerät dennoch negativ in die Schlagzeilen. «Solche Dinge sind immer unangenehm. Man wird misstrauisch und weiss nicht, ob irgendwann noch mehr kommt.» Auch deshalb weiss er heute, dass vieles im Fussball eine Momentaufnahme ist, auch wenn Ruhe herrscht und es sportlich gut läuft. «Ein Telefonat reicht und es herrscht das totale Chaos.»
Neues Stadion und zweiter Sexskandal
Ebenfalls in diese Zeit fällt der zweite Sexskandal, der aber für wesentlich weniger Aufsehen sorgt. 2009 reicht eine Frau Strafanzeige ein. 2005 übernachtete sie bei einem Spieler des FC Thun, wobei an diesem Abend auch zwei Teamkollegen zugegen waren. Dabei soll es zu sexuellen Handlungen zwischen der Frau und den drei Männern gekommen sein, wobei dies laut der Frau nicht einvernehmlich geschah. Das Bundesgericht sprach die drei Männer 2016 frei. «Ehrlich gesagt, mochte ich mich gar nicht mehr erinnern, dass da nochmals etwas war», gibt Gerber zu. Die Tragweite dieses Falls sei aber zu relativieren, denn heutzutage müsse alles möglichst dramatisch daherkommen. «Aber auch dieser Fall gehört zu unserer Geschichte.» Es gibt aber auch positive Schlagzeilen: Nach dem Aufstieg 2010 unter Murat Yakin kehrt wieder Ruhe ein. «Danach haben wir uns wieder in der Super League etabliert, nachdem wir vier Jahre gelitten haben.» Am 9. Juli 2011 wird das neue Stadion eröffnet. Unter Urs Fischer qualifiziert sich Thun im Herbst 2013 das erste und bisher einzige Mal für die Gruppenphase der Europa League.
Finanzielle Sorgen
Ein stetiges Sorgenkind: das Geld. Immer wieder gerät der Klub in finanzielle Engpässe. «Ich hatte deswegen mehrere schlaflose Nächte», sagt Gerber. Vor allem jeweils vor dem Lizenzentscheid geht es hoch zu und her. «Da hat es jeweils viel gebraucht: Verzichte, Rangrücktritte, Aufschiebungen, Garantien», so Gerber. Und das Bangen, dass sich abzeichnende Transfers wie jene von Sanogo, Steffen, Fassnacht oder Lauper, die Geld einbringen, nicht plötzlich zerschlagen, weil sich der Spieler eine schwere Verletzung zuzieht. «Die Verantwortung ist nicht zu unterschätzen. Es geht um die Existenz vieler Menschen», sagt Gerber. Der schwierigste Moment kommt aber erst 2020. Präsident Markus Lüthi tritt inmitten der Corona-Pandemie und nach dem Abstieg in die Challenge League zurück. «Da wusste ich: Jetzt wird es ganz tough, jetzt bin ich gefordert. Emotional war die Stimmung im Klub unternull», so Gerber. Er selbst wird Präsident, der Klub erholt sich nach den Corona-Wirren aber erst, als Beat Fahrni als Investor und die Visana als Hauptsponsor einsteigen – und setzt zum Höhenflug an. Gut 20 Jahre nach der Champions League schreibt der FC Thun mit dem ersten Meistertitel neuerlich ein Märchen. Es ist das vorläufige Happy End der Cinderella-Story des 1898 gegründeten Klubs.
Gerber blickt mit einem gewissen Stolz zurück. «Ich hatte bereits als Profi eine ähnliche Karriere. Ein riesiges Auf und Ab, aber offensichtlich gehört das zu meinem Leben.» Während andere darüber gesprochen oder geschrieben hätten, habe er das alles hautnah erlebt. «Das gibt einem schon auch Selbstvertrauen.»
Die turbulenten zwei Jahrzehnte haben ihn vor allem eines gemacht: resilient und demütig. «Das Leben lehrt einem, im Hier und Jetzt zu sein.» Wenn man ganz oben stehe wie jetzt, könne das schnell wieder vergessen gehen und die Situation bald wieder eine ganz andere sein. «Aber auch wenn es einem einmal total verschissen läuft: Es geht immer weiter.»
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 35 | 35 | 74 | |
2 | FC St. Gallen | 35 | 22 | 63 | |
3 | FC Lugano | 35 | 14 | 63 | |
4 | FC Sion | 35 | 21 | 58 | |
5 | FC Basel | 35 | 6 | 56 | |
6 | BSC Young Boys | 35 | 3 | 48 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Luzern | 35 | 6 | 46 | |
2 | Servette FC | 35 | 4 | 46 | |
3 | FC Lausanne-Sport | 35 | -9 | 42 | |
4 | FC Zürich | 35 | -21 | 35 | |
5 | Grasshopper Club Zürich | 35 | -28 | 27 | |
6 | FC Winterthur | 35 | -53 | 20 |
