Darum gehts
Blick: Leonardo Bertone und Marco Bürki, es gibt dieses einzigartige Bild von Blick-Fotograf Toto Marti vom Februar 2012. Sie waren noch Buben und durften in Bern plötzlich mit Lionel Messi trainieren. Wissen Sie noch?
Beide: Ja sicher!
Bürki: Wir waren 17-jährig. Die argentinische Nati hat in Bern ein Länderspiel gegen die Schweiz ausgetragen. Beim letzten Training vor dem Spiel haben sie für taktische Einheiten zum Auffüllen noch einen Verteidiger und zwei Mittelfeldspieler gebraucht. Dafür haben sie Junioren von YB genommen. Wir kamen zum Handkuss und waren brutal nervös.
Was lief dann ab?
Bürki: Wir sassen in der Kabine, erhielten diesen Trainingsanzug und warteten. Plötzlich hiess es, dass wir raus auf den Platz dürfen. Bei der Spielerbank hat uns der Trainer die taktischen Anweisungen gegeben und angefügt: «Bei Messi dann bitte vorsichtig.» (Beide lachen.) Von der Bank aus mussten wir zuerst zuschauen, so ist dann auch dieses Bild entstanden.
Und dann kam der Moment, als Sie mit Messi auf dem Platz standen?
Bertone: Das ist so! Natürlich noch mit ein paar anderen Stars. Mit Messi waren wir sogar im gleichen Team. Sie haben dann auch Freistösse und Varianten trainiert, wir standen in der Mauer, direkt neben Agüero.
Man munkelt, dass Agüero noch etwas gesprächiger war als Messi?
Bertone: Als wir in der Mauer standen, machte Agüero mit uns ständig Witze. Messi stand etwas abseits und hörte selbst dem Trainer gar nicht richtig zu. (Beide lachen.)
Das muss ein riesiges Erlebnis für Sie als Jugendliche gewesen sein.
Bertone: Ja, das ist uns in diesem Alter ziemlich eingefahren. Wir durften die Kleider behalten, sie liegen bis heute bei uns daheim.
Die Episode aus dem Wankdorf zeigt, dass Sie langjährige Weggefährten sind. Mittlerweile sind Sie als Captain und Vize-Captain die beiden Anführer des FC Thun. Was waren eigentlich die Anfänge eures gemeinsamen Wegs?
Bertone: Das war in der U13 bei YB. Das erste Erlebnis war wohl ein gemeinsames Hallenturnier im Ausland.
Bürki: Später haben wir dann im gleichen Spiel unter Thomas Häberli unser Super-League-Debüt gegeben. Es war im Mai 2012 am letzten Spieltag auswärts in Basel. Sie waren schon Meister und kamen direkt aus den Feierlichkeiten, wir haben 2:1 gewonnen.
Leonardo Bertone (32)
Der Mittelfeldspieler wächst in Hinterkappelen am Wohlensee bei Bern auf. Als Kind wechselt er in den Nachwuchs von YB, wo er den Sprung zu den Profis schafft und zweifacher Schweizer Meister wird (2018, 19). Er kickt nachher in den USA, in Belgien und zweimal beim FC Thun. 2020 steigt er mit Thun ab, 2025 auf. Im Berner Oberland reift er zur Leaderfigur, ist Vizecaptain und seit Februar frischgebackener Vater. Mit seiner jungen Familie lebt er in Niederwangen bei Bern.
Marco Bürki (32)
Sein Vater ist einst Goalie in der 1. Liga, sein Bruder Roman in der Schweizer Nati und Borussia Dortmund. Marco jedoch wird Verteidiger, wechselt wie Bertone früh in den YB-Nachwuchs und wird 2018 Meister, bevor er nach Belgien geht. Er spielt bereits von 2015 bis 2017 leihweise bei Thun, kommt 2021 zurück und wird Captain. Er lebt in Münsingen, wo er auch aufgewachsen ist.
Leonardo Bertone (32)
Der Mittelfeldspieler wächst in Hinterkappelen am Wohlensee bei Bern auf. Als Kind wechselt er in den Nachwuchs von YB, wo er den Sprung zu den Profis schafft und zweifacher Schweizer Meister wird (2018, 19). Er kickt nachher in den USA, in Belgien und zweimal beim FC Thun. 2020 steigt er mit Thun ab, 2025 auf. Im Berner Oberland reift er zur Leaderfigur, ist Vizecaptain und seit Februar frischgebackener Vater. Mit seiner jungen Familie lebt er in Niederwangen bei Bern.
Marco Bürki (32)
Sein Vater ist einst Goalie in der 1. Liga, sein Bruder Roman in der Schweizer Nati und Borussia Dortmund. Marco jedoch wird Verteidiger, wechselt wie Bertone früh in den YB-Nachwuchs und wird 2018 Meister, bevor er nach Belgien geht. Er spielt bereits von 2015 bis 2017 leihweise bei Thun, kommt 2021 zurück und wird Captain. Er lebt in Münsingen, wo er auch aufgewachsen ist.
Wenn man die Bilder sieht und den Vergleich zu heute zieht, wer von beiden hat sich charakterlich mehr verändert?
Bürki: Wir sind uns beide treu geblieben. Leo war schon immer einer, der gerne auch mal Seich macht. Er ist öfter unterwegs in der Stadt, auch mit anderen der jeweiligen Mannschaft. Ich bin diesbezüglich weniger aktiv. Das ist heute immer noch so. Wir sind aber immer noch zusammen im Zimmer im Trainingslager und jederzeit bereit, jemandem einen Streich zu spielen.
Bertone: Was ich sehr schön finde: Marco hat die gleichen Facetten wie schon damals. Zum Beispiel das Emotionale. Ein Ausraster hat auch heute noch Platz. Trotzdem ist er viel reifer geworden. Was mir stets imponiert hat, ist seine Arbeitsmoral und Disziplin. Schon damals sagten wir: Schaut mal diesen Typen an, der ist immer am Trainieren. Heute ist er immer noch der Erste in der Pflege oder beim Aufwärmen. Ich finde krass, dass er das über all die Jahre durchgezogen hat.
Bürki: Merci vielmals! (Strahlend bedankt er sich bei Bertone mit einem Handschlag.) Und Leo hatte stets schon diesen imponierenden Willen. Er sagte schon immer: Egal, wer auf meiner Position ins Team kommt, ich will besser sein. Was er nun dazugelernt hat: Verantwortung zu übernehmen. Hier in Thun hat er nochmals einen riesigen Schritt gemacht. Er hat zudem ein enormes taktisches Gespür. Wenn wir im Spiel keinen Zugriff haben, weiss ich, dass ich bei ihm eine Antwort erhalte. Er sieht immer etwas Kleines, was man verändern kann. An ihm können sich alle Spieler orientieren.
Bertone: Danke vielmals ebenfalls! (Auch er ist gerührt.)
Leonardo Bertone, Sie waren als junger Fussballer schon ein Wortführer und sehr kommunikativ. Was ist als Teamleader dazugekommen?
Bertone: Das stimmt, ich bin kommunikativ, versuchte schon als Junger, ein Spiel zu steuern. Aber nach dem Spiel war jeweils fertig. Am meisten lernen musste ich, dass ein Leader nicht bloss Anweisungen gibt, sondern vorangeht. Es geht in der ersten Linie gar nicht ums Spiel, sondern darum, den Verein auf dem Platz zu verkörpern. Und zwar konstant. Gelingt das nicht, können sich die anderen nicht an dir orientieren. Früher habe ich den Mitspielern aus den Emotionen heraus zugeschrien, dass sie zum Beispiel ins Pressing gehen sollen – solche Dinge. Für mich war ein Leader jemand, der andere auch mal zusammenfaltet. Aber das war kontraproduktiv. (Bürki lacht amüsiert.)
Bürki: Er lebt das Leadersein nun richtig vor. Was er anderen sagt, macht er selber.
Beim Thuner Erfolgslauf besteht die Gefahr, dass Mitspieler den Boden unter den Füssen verlieren. Ihre Aufgabe als Führungsspieler ist, jene, die ausscheren, zurückzuholen. Sind Sie die beiden Meister-Sheriffs?
Bürki: Ich glaube, dass es diesbezüglich gar nicht mehr viel von uns braucht. Wenn der Kern der Mannschaft es vorlebt, machen alle anderen automatisch mit. Sie sind praktisch gezwungen dazu. Wenn ein neuer Spieler von einem Ort kommt, an dem man mehr ein Einzelkämpfer ist und er dann sieht, wie es hier läuft, passt er sich automatisch an.
Lässt sich das an einem Beispiel festmachen?
Bürki: Declan Frith (mittlerweile Peterborough, die Red.) war jemand, der als Teenager vor dem Wechsel zu Thun schon an sehr vielen Orten in England und Spanien war. Am Anfang haben wir gemerkt, dass er sich abkapselt. Er hatte stets die Kopfhörer drin, nahm sie fürs Training weg und zog sie dann sogleich wieder an. Er kannte es nicht anders. Nach einigen Monaten hat er gemerkt, dass sich die Mitspieler hier wirklich für ihn interessieren. Nach und nach hat er sich geöffnet. Aber klar, wenn es so gut läuft, ist die Gefahr da, ein bisschen weniger zu arbeiten. Dann sind Leo und ich bereit. Wir sprechen es direkt an, nicht hintenrum über den Trainer oder Sportchef. Das kommt im Team gut an.
Bertone: Es hat sich über die Jahre eine Harmonie entwickelt, weil mehrheitlich die Gleichen hiergeblieben sind. Es ist eindrücklich: Viele können sich hier sehr gut öffnen. So, wie sie es vielleicht zu Hause nicht mal tun können. Jeder der neu kommt, sagt: «Die spinnen ja hier.» Sie merken, dass sie hier wirklich sich selber sein können. Das sieht man bei jedem Spieler.
Deswegen blühen hier so viele auf?
Bertone: Ja! Das ist unser grösstes Plus. Wenn du es so gut untereinander hast, braucht es wenig, um die Spur zu halten. Wenn jemand dann Anweisungen gibt, folgen alle. Da will sich dann niemand entziehen. Das Vertrauen ist gross. Zudem ist Bürki jener, der die Arbeitsmoral vorlebt. Ich bin froh, dass sie bei ihm so stark ausgeprägt ist. Denn ich bin eher ein Typ, der vielleicht manchmal etwas nachlässiger wäre.
Im Sommer streben einige Spieler den nächsten Schritt an, es könnte viele Änderungen geben. Machen Sie sich Sorgen um den erwähnten Zusammenhalt?
Bürki: Der Kern der Mannschaft sollte trotzdem zusammenbleiben. Ich habe meinen Vertrag kürzlich verlängert, ich werde hierbleiben. Klar wissen wir nicht, wie viele Mitspieler uns im Sommer verlassen werden. So läuft das Geschäft. Aber wichtig zu erwähnen ist, dass es auch einige geben wird, die hierbleiben. Und uns zeichnet sowieso das gesamte Team aus. Es war ja in dieser Saison überhaupt nicht so, dass wir eingebrochen wären, wenn ein oder mehrere bestimmte Spieler gefehlt haben.
Aber wenn jemand von Ihnen beiden im Sommer gehen würde, würde etwas fehlen. Deshalb wäre es für Thun enorm wichtig, dass Sie beide zusammen hierblieben.
Bürki: Ja, definitiv. Da bin ich zu hundert Prozent überzeugt.
Also, Leonardo Bertone, Sie bleiben auch?
Bertone: Ja sicher, ich habe einen Vertrag hier, und nächste Saison steht noch etwas Aufregendes vor der Tür. Diese Saison geniessen und dann wieder angreifen.
Es gab bei Ihnen beiden auch schwierigere Phasen in der Karriere. Sie waren plötzlich nur noch Zweitligaspieler. Was haben Sie daraus mitgenommen?
Bertone: Es war für mich extrem schwierig zu akzeptieren. Ich dachte immer, dass ich in einer ersten Liga spielen müsse. Erst wenn man beginnt zu akzeptieren, wo man gerade ist, hat man wieder eine andere Kraft. Das ist eine Erkenntnis fürs Leben allgemein, wenn man gerade eine schwierige Phase hat. Das Akzeptieren der Situation ist der Schlüssel. Danach ging es wieder aufwärts.
Hatten Sie auch einen solchen Moment, Marco Bürki?
Bürki: Ja. Ich war als Profi immer in der obersten Liga unterwegs und dann auf einmal in der Challenge League (ab 2021 zum zweiten Mal bei Thun, die Red.). Ich dachte, dass dies nicht mein Anspruch sei. Lange hatte ich Mühe damit. Dann will man zu viel, man will auf eine spezielle Art herausstechen, um aus der Situation herauszukommen. Aber das funktioniert nicht. Man meint es zwar gut, aber es ist der falsche Anspruch. Nicht zu viel wollen, dafür möglichst perfekt tun, woran man gerade dran ist, ist meine Erkenntnis.
Und nun sind Sie auf der Zielgeraden zum Meistertitel. Was macht diese Märchen-Saison mit Ihnen?
Bertone: Es gibt sehr schöne Gefühle, die wir so noch nie hatten. Wenn der Erfolg da ist, harmoniert auch das Team, und dann schliesst man Freundschaften fürs Leben. Das habe ich auch von meiner ersten Meistermannschaft bei YB mitgenommen, ich habe heute noch engen Kontakt zu vielen darunter. Das wird auch jetzt prägend sein, ganz egal, wie es noch ausgeht. Man weiss: Diese Leute sehe ich nicht nur bis im Sommer, sondern noch lange darüber hinaus. Das ist für mich das Schönste.
Und bei Ihnen, Marco Bürki? Der noch titellose Aufsteiger Thun als Meister, das ist eine europaweite Sensation. Man kann es nicht oft genug betonen.
Bürki: Ich finde es richtig schön, dass das von aussen gesehen und so oft an uns herangetragen wird und wir hier drin in der Arena gleichzeitig so ruhig arbeiten können. Wir verschwenden nicht zu viele Gedanken mit dem Titel. Das ist die perfekte Mischung. Dass dies die Mannschaft einfach so kann seit dem ersten Tag, ist so schön und für mich sehr bemerkenswert.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 33 | 38 | 74 | |
2 | FC St. Gallen | 33 | 24 | 60 | |
3 | FC Lugano | 33 | 12 | 57 | |
4 | FC Basel | 33 | 6 | 53 | |
5 | FC Sion | 33 | 16 | 52 | |
6 | BSC Young Boys | 33 | 5 | 48 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Luzern | 33 | 3 | 40 | |
2 | Servette FC | 33 | 0 | 40 | |
3 | FC Lausanne-Sport | 33 | -10 | 39 | |
4 | FC Zürich | 33 | -18 | 34 | |
5 | Grasshopper Club Zürich | 33 | -25 | 27 | |
6 | FC Winterthur | 33 | -51 | 19 |
