«Machen wir es eben in Basel»
Wie Thun-Legende Latour im Stadion mitfiebert

Der FC Thun verpasst die Meisterkrönung gleich doppelt. Mittendrin: Hanspeter Latour, Kulttrainer und ewiger Optimist. Eine Reportage über verpasste Momente, grosse Gefühle – und die Gewissheit, dass Thun seine Geschichte noch schreiben wird.
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Yara Vettiger
Schweizer Illustrierte

«Es wird zäh, aber ich glaube fest daran, dass wir heute den Titel holen. Es wird ein 2:1 für Thun.» Hanspeter Latour (79) sagt seine Prophezeiung ruhig, fast beiläufig, als er vor dem Spiel Thun gegen Lugano Richtung Stockhorn Arena schlendert. Neben ihm nickt seine Frau Thilde (79) und lächelt: «Den Meistertitel haben wir in der Tasche.»

Es hätte alles bereit sein sollen für diesen einen Abend. Für die grosse Feier, für den Moment, in dem der FC Thun Geschichte schreibt. Als erster Aufsteiger Schweizer Meister – und überhaupt das erste Mal in der Geschichte des Klubs, den es seit 1898 gibt! Auch Latour ist extra noch einmal gekommen. Er besucht die Spiele seines Herzensklubs nicht mehr regelmässig. Seit der Pensionierung verbringt der Thuner seine Zeit hauptsächlich in der Natur und gibt Vorträge zum Thema Biodiversität. Dieses Spiel wollte er sich nicht entgehen lassen. Aber: Es hat nicht sein sollen. 

Mit Thilde ist Latour seit 55 Jahren verheiratet. «Ich will auch heute noch keine andere!»
Foto: david birri

Weder am Samstag im ausverkauften Stadion. Noch am Sonntag, als beim Public Viewing des Spiels St. Gallen gegen YB erneut gezittert und gerechnet wurde. Reichts zum Sofa-Meister? Nein. St. Gallen trifft doch noch in der Nachspielzeit. Die Meisterparty ist vertagt. «Das war wohl nicht unser Wochenende!», resümiert Latour und lacht. «Wirklich traurig ist da aber niemand. Auch die Fans nicht. Schliesslich soll keiner sagen, YB hat uns noch helfen müssen!» Ihm wäre es recht gewesen. Aber es sei ja nicht aller Tage Abend.

«Dann machen wir es eben gegen Basel. Oder beim Derby gegen YB. Auch gut!» Der Weg in die Stockhorn Arena wird zur kleinen Reise durch sein Fussballleben. Kaum ein Schritt, ohne dass jemand «Latour!», «Gränni!» oder «Thun-Legende!» ruft. Hände, die nach ihm greifen. Stimmen, die ihn grüssen. Selfies, Autogramme, kurze Gespräche. Der «Mister Thun» wird hier immer noch gefeiert als einer der eigenen. Latour bleibt stehen, immer wieder. Nimmt sich für jeden Zeit.

Enge Freundschaft: Latour trainierte einst Andres Gerber, dieser ist heute Präsident von Thun – und hat ihn eingeladen.
Foto: david birri

Vom Balljungen zur Kultfigur

Seine eigene Geschichte begann als Balljunge. Damals, im alten Lachenstadion. In einer Zeit, in der Fussball in Thun noch nicht im Zentrum stand. Sein Bubentraum: einmal ganz oben zu spielen. Es dauerte Jahrzehnte – und der Traum erfüllte sich schliesslich anders. Als Trainer führte er den Klub 2002 nach 47 Jahren wieder in die höchste Liga. Er erzählt freudig: «Als der Schiedsrichter Urs Meier beim Aufstiegsspiel abpfiff, da ist etwas aus meinem Körper rausgekommen – und das war der Bubentraum, den ich mir einfach anders erfüllt habe!» 

Mit ihm kämpft sich Thun an die Tabellenspitze, wird Vize-Schweizer-Meister. Latour wechselt danach zu den Grasshoppers und dann zum 1. FC Köln. Der FC Thun schafft es ein Jahr nach Latour in die Champions League – ein Märchen! Dann wurde es fast 20 Jahre ruhig um den Berner Klub. Heute steht der Verein wieder an einem Punkt, den selbst er lange nicht für möglich gehalten hätte. «Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht mehr damit gerechnet habe, dass ich das noch erleben darf! Aber gehofft habe ich es. Und nach den ersten starken Runden hatte ich es schon im August im Gespür.»

In der Halbzeit gibts ein Interview für Blue Sport. «Lugano spielt schlau – sie lassen die Thuner nicht vordringen!»
Foto: david birri

Im Stadion sind 10'014 Menschen. Ausverkauft. Für Latour ist das fast das Erstaunlichste. Er steht auf dem VIP-Balkon und sagt: «Das berührt mich immer noch, wenn ich sehe, wie viele Leute für Thun auftauchen. Ich bin wahnsinnig stolz.» Er deutet mit dem Finger auf die vielen Leute. «Aber so müsste es halt immer aussehen, gell.» 

Ruhiger Beobachter

Mit dem Anpfiff verändert sich Hanspeter Latour. Der freudige und redselige Kulttrainer wird still. Beobachtet konzentriert. Nur ab und zu ein kurzer, ruhiger Kommentar bei Foulspielen. «Das hätte man pfeifen sollen.» Oder: «Eine Frau wäre jetzt sofort wieder aufgestanden.» Doch der grosse Moment für Thun bleibt aus. Lugano gewinnt das Spiel 1:0 mit einem sehr späten Elfmeter in der 97. Minute. Latour nimmts gelassen.

«Es kommt gut. Ich habe keine Angst. Dieser Titel gehört uns. Es wäre nur schade, wenn der grosse und hart erarbeitete Vorsprung jetzt zu einem kleinen Rest schmelzen würde.» Die Mannschaft von heute erinnere ihn an seine von damals. Der Stolz, die Demut, der Zusammenhalt – vieles sei ähnlich. «Die Werte sind die Gleichen geblieben. Und Trainer Mauro Lustrinelli lebt ihnen das hervorragend vor. Der geht mit einem Selbstbewusstsein auf den Platz, toll! Denn wenn der Schiedsrichter anpfeift, interessiert es keinen, wie gross oder reich der Klub ist, sondern wer Fussball spielen kann.»

Latour holte Lustrinelli seinerzeit zum FC Thun. Und lobt sein Gespür. Und seine Spielintelligenz: «Die hatte er schon als Stürmer. Mit seiner kleinen und schlanken Statur hatte er es nicht leicht. Aber er war schon damals sehr schlau, und das kommt ihm auch als Trainer zugute.»

«Ich bin Hanspeter für alles mega dankbar.» Für Latour und den ehemaligen Nati-Spieler Milaim Rama gibts ein Wiedersehen.
Foto: david birri

Prägende Figur

Und der Kontakt ist geblieben. «Ich habe Mauro vor dem Match noch viel Glück gewünscht per SMS», erzählt er. «Und der hat mir prompt zurückgeschrieben! Da habe ich gedacht: Das kann doch nicht sein – der hat doch jetzt ganz anderes im Kopf.» Er schätzt es sehr, dass er immer noch eingeladen wird. Und anerkannt. Er wünscht allen Klubs, bei denen er war, nur das Beste. «Aber Thun wird immer speziell für mich bleiben.» Er kennt diesen Klub seit Jahrzehnten. Er hat Aufstiege erlebt, schwierige Jahre, den Schritt in den Profifussball. Und er weiss, wie viel Arbeit hinter dem steht, was in den letzten Monaten passiert ist, auch wenn es heute nicht geklappt hat.

Langsam leert sich die Stockhorn Arena. Die Stimmen werden leiser, die Lichter kühler. Hanspeter und Thilde machen sich auf den Heimweg. Er greift in seine Hosentasche. «Habe ich alles?», fragt er. «Thildi, hast du meine Brille? Mein Handy?» Sie nickt. Er schaut sie an, lächelt kurz und sagt dann: «Ja, dann habe ich wohl alles – ausser den Sieg!» Hanspeter Latour wirkt dabei aber nicht wie jemand, der etwas verloren hat. Eher wie einer, der weiss: Fussballmärchen lassen sich nicht erzwingen. Sie kommen, wenn es so weit ist.

Brack Super League 25/26 - Meisterrunde
Mannschaft
SP
TD
PT
1
FC Thun
FC Thun
34
37
74
2
FC St. Gallen
FC St. Gallen
34
25
63
3
FC Lugano
FC Lugano
34
13
60
4
FC Sion
FC Sion
34
18
55
5
FC Basel
FC Basel
34
4
53
6
BSC Young Boys
BSC Young Boys
34
4
48
Champions League-Qualifikation
Conference League Qualifikation
Brack Super League 25/26 - Relegationsrunde
Mannschaft
SP
TD
PT
1
FC Luzern
FC Luzern
34
4
43
2
Servette FC
Servette FC
34
2
43
3
FC Lausanne-Sport
FC Lausanne-Sport
34
-7
42
4
FC Zürich
FC Zürich
34
-21
34
5
Grasshopper Club Zürich
Grasshopper Club Zürich
34
-26
27
6
FC Winterthur
FC Winterthur
34
-53
19
Relegation Play-Offs
Abstieg
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