Darum gehts
- Stephan Lichtsteiner sorgt als FCB-Trainer mit emotionalem Verhalten für Aufsehen
- Bereits zwei Verwarnungen in sieben Spielen und hitzige Wortgefechte geführt
- Vorgänger Magnin erhielt nur drei Verwarnungen in 21 Partien
Als Blick vor einem Jahr das Vulkan-Ranking der Super-League-Trainer veröffentlicht, steht wenig überraschend der Name von Ludovic Magnin (46) ganz zuoberst. Gemeinsam mit dem den damaligen FCZ- und Winterthur-Trainern Ricardo Moniz (61) und Uli Forte (51) ordnet Blick den Waadtländer in der höchsten Kategorie «speiende Vulkane» ein.
Doch als Magnin ein paar Monate später beim FCB an der Seitenlinie steht, reibt sich der eine oder andere Basler Fan etwas verwundert die Augen. Zwar lässt der ehemalige Lausanne-Coach die nationalen Schiedsrichter noch immer regelmässig wissen, was er von ihren Leistungen hält. Von den befürchteten Hampelmann-Auftritten ist Magnin aber weit entfernt. Etwas anders sieht es bei seinem Nachfolger Stephan Lichtsteiner (42) aus. Der neue FCB-Trainer hat in seinen ersten Spielen bereits mehrfach mit seiner emotionalen Art für Schlagzeilen gesorgt.
Beleidigung gegen Abrashi?
Vor zwei Wochen gegen Luzern faltete Lichtsteiner seinen Einwechselspieler Marin Soticek (21) zusammen, nachdem dieser die Taktiktafel-Anweisungen seines Trainers offenbar nicht zu dessen vollständiger Zufriedenheit umgesetzt hatte. Unter der Woche gegen GC tat er seine Meinung über die Linie von Schiedsrichter Luca Cibelli mehrfach derart laut kund, dass er sich nach einer Stunde die längst überfällige Verwarnung abholte. Für Lichtsteiner war es die zweite im siebten Super-League-Spiel. Vorgänger Magnin sammelte drei in 21 Partien.
Seinen bislang grössten Aussetzer leistete sich Lichtsteiner aber in der Nachspielzeit, als er sich mit dem vom Platz gestellten GC-Captain Amir Abrashi (35) ein hitziges Wortgefecht lieferte. Dabei hielt sich der FCB-Trainer zeitweise bewusst die eigene Hand vor den Mund. Nach Blick-Informationen soll Lichtsteiner dabei auch zu beleidigenden Ausdrücken gegriffen haben.
Fringer sieht Lichtsteiner-Verhalten kritisch
Lichtsteiners zu emotionales Verhalten kommt für Rolf Fringer (69) nicht überraschend. «Ich bin nie davon ausgegangen, dass er wie ein braves Lamm an der Linie stehen wird», sagt der langjährige Super-League-Coach, der die ersten Auftritte von Lichtsteiner genau verfolgt hat. «Man hat auch bei ihm als Spieler ab und zu den Kopf geschüttelt. Aber er hat mit dieser Mentalität eine Top-Karriere hingelegt. Es ist wichtig, solche Typen in einer Mannschaft zu haben», findet Fringer. «Trotzdem musst du dich als Trainer anders verhalten wie als Spieler. Du musst Vorbild sein, eine gewisse Souveränität ausstrahlen und über den Dingen stehen.»
Gleichzeitig hat der ehemalige Nati-Trainer auch Verständnis für Lichtsteiner. «Bei ihm kommt gerade vieles zusammen. Er hat beim FCB in einer schwierigen Phase übernommen, was nur bedingt sein Fehler ist. Ich denke, er wurde ein Stück weit auf dem falschen Fuss erwischt», sagt Fringer. In Basel sei Lichtsteiner schneller in eine grosse Drucksituation geraten, als er es womöglich erwartet hatte. «Hätte er aus den ersten fünf Spielen 15 Punkte geholt, würde er deutlich entspannter an der Seitenlinie stehen», ist er überzeugt.
«Warum muss ich ruhiger werden?»
Nun kann man entgegenhalten, dass Lichtsteiner eigentlich genau gewusst haben muss, worauf er sich einlässt, als er Ende Januar beim kriselnden Meister unterschrieben hat. «Das stimmt. Aber wenn man als junger Trainer die Chance auf den Job in Basel bekommt, nimmt man diese wahr», sagt Fringer. Er ist überzeugt, dass der langjährige Nati-Captain seine Lehren aus seinen ersten Wochen beim FCB ziehen wird. «Er wird sich selber reflektieren. Ich glaube, er wird mit der Zeit etwas Abstand gewinnen und deutlich gelassener werden. Die schwierige Situation in Basel bietet ihm die Chance, in kurzer Zeit sehr viel zu lernen und sich weiterzuentwickeln», so Fringer.
Er ist überzeugt, dass Lichtsteiner durchaus das Potenzial für eine erfolgreiche Trainerkarriere mitbringt. «Er hat klare Ideen und Vorstellungen. Und er ist sehr fordernd, weil er als Spieler immer alles für den Erfolg gemacht hat», so Fringer. Lichtsteiner könne als Trainer von den vielen Titeln, die er als Spieler eingefahren hat, profitieren. «Das verschafft ihm im Umgang mit seinen Spielern viel Respekt. Aber er darf diesen Bonus mit seinem Verhalten nicht kaputtmachen.»
Lichtsteiner selbst sieht aber vorerst keinen Grund, sein Verhalten anzupassen. «Warum muss ich ruhiger werden? Ich war als Spieler emotional und bin es jetzt als Trainer. Ich glaube nicht, dass ich mich für etwas entschuldigen muss», hält der Luzerner nach dem Sieg gegen GC fest. «Schlussendlich will ich Einfluss aufs Spiel nehmen. Darum ist es wichtig, dass ich aktiv bleibe. Das ist mein Charakter und gehört zu mir. Ich werde nie ein emotionsloser Mensch sein», so Lichtsteiner. Im Fussball gebe es ruhige und weniger ruhige Trainer. «Mal schauen, wie es in fünf, sechs Jahren aussieht. Aber ich glaube, aktuell gehört das einfach zu mir.»
Lichtsteiner entschuldigt sich mit einer Kiste Bier
Davon hat man sich in den vergangenen Jahren ab und zu auch in der 1. Liga ein Bild machen können. Zum Beispiel im Oktober 2024, als Lichtsteiner mit Wettswil-Bonstetten auswärts auf den SV Höngg trifft. Nachdem schon während der gesamten Partie zwischen den beiden Ersatzbänken Nickligkeiten ausgetauscht werden, trifft Lichtsteiners Team in der Nachspielzeit zum 2:2. Daraufhin lässt sich dieser beim provokanten Jubel in Richtung gegnerisches Trainerteam zu einer obszönen Geste hinreissen.
«Es ist nicht immer einfach, alles auszublenden und in der Hitze des Gefechts ruhig zu bleiben», erzählt Lichtsteiner ein paar Monate später, als ihn Blick in Wettswil besucht. «Aber wer austeilt, muss auch einstecken können. Das ist kein Problem. Und wenn man verbal mal über die Stränge schlägt, sollte man die Grösse haben, sich zu entschuldigen. Ich musste die Situation auch schon mal mit einem Kasten Bier klären – das gehört eben dazu», so Lichtsteiner.
Als Trainer des FC Basel werden solche Gesten nicht ausreichen, um seinen emotionalen Entgleisungen entgegenzuwirken. Etwas mehr Gelassenheit an der Seitenlinie wäre sicherlich ratsam. Auch im Hinblick auf seine langfristige Laufbahn. Zumindest ist mit Magnin, Moniz und Forte keiner der drei «speienden Vulkane» ein Jahr später noch in der Super League tätig.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 28 | 33 | 65 | |
2 | FC St. Gallen | 28 | 20 | 51 | |
3 | FC Lugano | 29 | 10 | 49 | |
4 | FC Basel | 28 | 7 | 46 | |
5 | FC Sion | 29 | 8 | 42 | |
6 | BSC Young Boys | 28 | 4 | 42 | |
7 | FC Luzern | 29 | 3 | 36 | |
8 | FC Lausanne-Sport | 28 | -3 | 33 | |
9 | Servette FC | 29 | -6 | 33 | |
10 | FC Zürich | 29 | -16 | 31 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 28 | -13 | 24 | |
12 | FC Winterthur | 29 | -47 | 16 |
