Darum gehts
Stephan Lichtsteiner, noch drei Spiele bis zum Saisonende. Wie froh sind Sie, nach Ihrem turbulenten Start endlich durchschnaufen zu können?
Stephan Lichtsteiner: Ehrlichgesagt gar nicht. Wir wollten etwas Grosses erreichen. Das haben wir nicht geschafft. Darum ist es eine enttäuschende Saison, die zu Ende geht.
Trotzdem haben Sie endlich etwas Zeit, alles sacken zu lassen.
Es ist richtig, dass das vier intensive Monate waren. Aber ich kenne dieses Business seit vielen Jahren sehr gut. Ich habe selbst auf einem Level gespielt, wo das alles noch um ein Vielfaches grösser ist. Darum brauche ich nicht viel Zeit, um das alles zu verarbeiten.
Wie zufrieden sind Sie mit den letzten Wochen?
Spielerisch sehe ich Schritte in die richtige Richtung, in die ich und mein Staff hinmöchten. Wir haben es aber noch zu selten über 90 Minuten durchgezogen. Und wir haben einfach zu wenig Tore geschossen. Darum haben wir einige Punkte nicht nach Hause gebracht, die uns am Ende für Europa fehlen könnten.
Die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb wäre das Minimalziel gewesen.
Da spielten viele Faktoren eine Rolle, mit denen wir leider nicht genug gut umgehen konnten. Das Team musste sich an einen neuen Coach gewöhnen, es gab mehrere Last-Minute-Abgänge, wir hatten wichtige verletzte Spieler, viele englische Wochen gleich zu Beginn – es ist viel zusammengekommen. Das sind keine Ausreden, aber Erklärungen. Den kurzfristigen Erfolg haben wir uns alle gewünscht. Im Wissen, dass es unter diesen Umständen schwierig, aber nicht unmöglich wird.
Mit diesen Problemen hatte auch Ludovic Magnin zu kämpfen. Trotzdem sprechen die Zahlen gegen Sie. Mit Ihrem Punkteschnitt liegen Sie deutlich hinter Ihrem Vorgänger.
Ich möchte mich nicht mit Ludo vergleichen, da auch die Ausgangslagen komplett unterschiedlich waren. Wie gesagt, sind viele Faktoren zusammengekommen, und unser Fokus liegt nun darauf, diese Saison sorgfältig aufzuarbeiten. Ich bin überzeugt, dass wir in der kommenden Spielzeit einen grossen Schritt nach vorne machen können, wenn jeder Einzelne seine Aufgaben konsequent angeht und die richtigen Lehren aus dieser Saison zieht. Unser Ziel ist es, so gut und resilient zu werden, dass man jegliche Widerstände überwinden kann.
In Ihren ersten drei Spielen als FCB-Trainer mussten Sie gegen Pilsen, Thun und St. Gallen drei kapitale Niederlagen hinnehmen. Wäre es rückblickend besser gewesen, erst später zu übernehmen?
Wenn man den Fussball lebt und ein Verein wie der FC Basel anruft, mit dieser Geschichte, dieser Fankultur, diesem Standing, dann hört man sich die Sache mit Sicherheit an. Für mich war aber immer klar, dass ich nur für ein langfristiges Projekt unterschreibe. Ich bin kein Feuerwehrmann, sondern stehe für harte, nachhaltige Arbeit und einhundertprozentige Identifikation mit dem Club. Natürlich war ich mir der Situation bewusst, dass sofort drei entscheidende Spiele anstehen. Auch, dass wichtige Spieler verletzt sind oder und andere noch weggehen könnten, war mir klar. Ich wusste, dass es sehr schwierig wird, die Ziele zu erreichen. Aber wenn ich auf die Spiele zurückblicke, dann hätten wir auch jedes einzelne dieser drei Spiele gewinnen können.
Trotzdem stehen Sie nach nur 16 Spielen bei vielen Fans bereits in der Kritik.
Wenn die Resultate ausbleiben, dann habe ich Verständnis dafür, dass es von Medien und Fans Kritik gibt. Gleichzeitig darf man den langfristigen Erfolg nicht nur an kurzfristigen Resultaten messen. Wenn du etwas aufbauen willst, brauchst du mehr Zeit als sechs oder sieben Monate, dafür gibt es Beispiele genug. Hätte Arsenal den Trainer entlassen, stünde der Klub jetzt vielleicht nicht im Champions-League-Final und vor dem Gewinn des Meistertitels.
Wo ist Ihre Handschrift bereits zu erkennen?
Im Positionsspiel und in den Ballbesitz-Phasen sind Fortschritte erkennbar. Aber wir sind noch nicht da, wo wir gerne hin wollen. In den letzten Spielen zu Hause gegen YB und Thun hat man aber phasenweise schon einen Fussball gesehen, der die Leute mitreissen kann. Wenn dieser noch etwas genauer und zielstrebiger wird, bin ich sehr zuversichtlich. Vor allem, wenn wir diese Pace über 90 Minuten gehen können.
Der Innerschweizer schaffte Anfang der Nullerjahre bei GC den Durchbruch als Profi, via Lille und Lazio Rom landete er 2011 bei Juventus Turin und wurde mit der «alten Dame» sieben Mal in Folge italienischer Meister. Für die Nati bestritt der Rechtsverteidiger 108 Einsätze, ab 2016 als Captain. Nach Abstechern zu Arsenal London und zum FC Augsburg beendete er 2020 im Alter von 36 Jahren seine Karriere. Seit Sommer trainiert Lichtsteiner die U15 des FC Basel, zudem ist er Verwaltungsrat beim HC Lugano.
Der Innerschweizer schaffte Anfang der Nullerjahre bei GC den Durchbruch als Profi, via Lille und Lazio Rom landete er 2011 bei Juventus Turin und wurde mit der «alten Dame» sieben Mal in Folge italienischer Meister. Für die Nati bestritt der Rechtsverteidiger 108 Einsätze, ab 2016 als Captain. Nach Abstechern zu Arsenal London und zum FC Augsburg beendete er 2020 im Alter von 36 Jahren seine Karriere. Seit Sommer trainiert Lichtsteiner die U15 des FC Basel, zudem ist er Verwaltungsrat beim HC Lugano.
Haben Sie in der kurzen Zeit als Profi-Trainer schon einen eigenen Führungsstil entwickeln können?
Nicht jeden Spieler kann man mit einer einfachen Ansprache motivieren. Darum will ich ein motivierendes Umfeld kreieren. Unter den richtigen Rahmenbedingungen kann ich den Spielern dann auch gewisse Freiheiten gewähren. Ich möchte kein Polizist sein, der alles kontrolliert und Vorschriften macht. Ich möchte den Mannschaftsrat und die Spieler in gewisse Prozesse einbeziehen und ihnen auch Verantwortung übergeben.
Sie sprechen das Thema Motivation an. Von aussen wirkt es so, als wären einige Spieler nach dem letztjährigen Double etwas zufrieden geworden. Hat der nötige Biss gefehlt?
Die Bestätigung einer Meistersaison ist noch herausfordernder wie der Titel an sich. Jeder Spieler muss in der kommenden Saison noch ein paar Prozente mehr geben, um den Erwartungen gerecht zu werden. Bei Juventus hatte ich Teamkollegen wie Andrea Pirlo, Gianluigi Buffon oder Alessandro Del Piero, die jedes Jahr Titel gewonnen haben. Aber das hat nichts an ihrer Einstellung verändert. Klar, haben wir unsere Athletiktrainer verflucht, wenn wir bei im Hochsommer Linienläufe machen mussten. Aber jeder einzelne Spieler hat seine Läufe gemacht. Weil jeder gewusst hat, dass du es nur so an eine Meisterfeier oder in den Champions- League-Final schaffst.
Und diese Einstellung fehlt Ihnen in Ihrem Team?
Das würde ich nicht sagen. Aber der Schweizer Fussball hat sich generell verändert. Du hast als junger Spieler viel schneller persönlichen Erfolg. Ich bin mit GC Meister geworden und war bei Lille in der Liga und der Champions League eine Saison lang Stammspieler, bevor ich mein erstes Länderspiel gemacht habe. Das ist heute ganz anders, schon bei den Junioren kommt schnell das Thema Belastungssteuerung. Wenn du es aber irgendwann in eine Top-Liga schaffen willst, musst du immer Vollgas gehen können.
Was war Ihr grösste Fehler in Ihren ersten Monaten als FCB-Trainer?
Ich bin ein Mensch, der seine Entscheidungen sehr bewusst trifft und auch gut überlegt. Im Nachhinein kann man immer zum Schluss kommen, dass eine andere Entscheidung womöglich besser gewesen wäre. Das ist aber immer hypothetisch.
Sie haben das Auswärtsspiel in Thun aufgrund Ihrer vierten Gelben Karte verpasst. Seither sind Sie nicht mehr verwarnt worden. Sind Sie etwas ruhiger geworden?
Das glaube ich nicht. Ich bin vom Charakter her kein Typ wie Ancelotti, sondern eher einer wie Simeone oder Conte. Wenn ich merke, dass es dem Team nicht läuft, versuche ich wenigstens an der Seitenlinie Vollgas zu geben. Hast du Erfolg, bist du automatisch auch als Trainer entspannter.
Bei Ihrer Kommunikation haben Sie sich aber schon verändert. Seit einigen Wochen erscheinen Sie jeweils mit einem Notizblock zur Pressekonferenz.
Ich werde nie besonders Spass an Pressekonferenzen haben, aber sie gehören dazu. Zu Beginn habe ich vielleicht etwas unterschätzt, welche Wirkung meine Aussagen haben können. Aber ich bin jemand, der gerne erzählt und versucht, Dinge zu erklären. Weil ich aber gemerkt habe, dass meine Aussagen anders aufgefasst werden können, wie ich sie meinte, versuche ich mich inzwischen etwas kürzer und präziser zu halten.
Beziehen Sie sich damit auf Ihre Warmwetter-Aussage nach der Niederlage in St. Gallen?
Nein, das war etwas anders. Dort habe ich nach dem Spiel dreimal das praktisch identische Interview gegeben. In den ersten beiden habe ich besser erklärt, was ich damit meine. Im dritten war ich dann schon etwas rede-müde und habe meine Aussagen darum etwas abgekürzt, wodurch man diese missverstehen konnte. Das, was danach daraus gemacht worden ist, muss ich dann akzeptieren.
Wie wichtig ist Ihnen, wie Sie bei den Fans wahrgenommen werden?
Ich möchte glückliche Gesichter im Stadion sehen. Fans, die sich auf unsere Spiele freuen und zufrieden wieder nach Hause gehen. Das erreichen wir nur mit einem guten Fussball und positiven Resultaten. Ob jemandem mein Outfit gefällt oder wie ich mich an der Seitenlinie verhalte, interessiert mich weniger.
Die Klubführung hat Ihnen bislang bei jeder Gelegenheit den Rücken gestärkt. Nun werden Sie erstmals eine Vorbereitung zur Verfügung haben. Das heisst aber auch, dass Sie jetzt liefern müssen. Einverstanden?
Natürlich wird das Folgen haben, wenn wir in der nächsten Saison nach zehn Spielen auf einem Abstiegsplatz stehen. Es ist aber auch immer die Frage, wann die Mannschaft steht. Wenn ich sechs Wochen mit der gleichen Mannschaft arbeiten kann, bin ich sehr zuversichtlich. Wenn Ende August aber plötzlich 20 neue Spieler dastehen, braucht es mehr Zeit.
Dass die besten Spieler den Klub immer wieder verlassen, ist das Los eines FCB-Trainers.
Der FCB hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Es steht keine Mäzenin mehr hinter dem Klub, die sagt, wir kaufen die besten Spieler. Heute holt der FCB junge Talente und entwickelt diese weiter. Und das deckt sich zu 100 Prozent mit meiner Philosophie. Es beisst sich aber, wenn man später alle wieder für Millionensummen verkaufen will, gleichzeitig aber auch einen nachhaltigen sportlichen Erfolg möchte. Du kannst nicht immer beides haben. Wenn du Entscheide aus finanziellen Gründen triffst, darfst du die Mannschaft und den Trainer nicht nur am sportlichen Erfolg messen.
Wie kann der FCB dieses Problem lösen?
Du brauchst ein gutes Fundament. Es gibt auch Spieler, die den nächsten Schritt von Basel weg gar nicht machen möchten. Schliesslich ist der FCB bereits eine Top-Adresse. Wir müssen dahin kommen, dass wir jede Saison garantiert unter die Top 3 kommen und um Titel mitspielen können. Unabhängig davon, dass die besten Spieler den Klub verlassen.
Laut Blick-Infos könnten im Sommer aber bis zu 15 Spieler den Klub verlassen. Zum Trainingsstart im Juni dürfte das Kader noch lange nicht stehen.
Uns ist allen klar, dass in diesem Transferfenster etwas passieren muss. Einige Spieler werden den FCB verlassen. Ich glaube aber nicht, dass es am Ende 15 Spieler sein werden. Wir werden einen guten Kern behalten und mit einigen Verstärkungen eine gute Basis legen können. Daran ändert auch der Abgang von Daniel Stucki nichts.
Trotzdem haben Sie zuletzt erklärt, dass Sie seine Entscheidung sehr bedauern.
Ich kenne Dani seit meiner Zeit im Nachwuchs und hätte gerne noch lange mit ihm zusammengearbeitet. Aber er hat sich entschieden, etwas anders zu machen. Das gilt es zu respektieren und auch seinen Beitrag zum letztjährigen Double-Sieg zu anerkennen.
Ihr Bruder Marco Lichtsteiner ist als Berater tätig. Welche Rolle spielt er, solange der FCB ohne Sportchef dasteht?
Mein Bruder weiss, welchen Fussball ich spielen möchte. Darum macht er mich auch mal auf einen Spieler aufmerksam. Schlussendlich laufen aber alle Transfers immer über den Klub. Mein Bruder hat keinerlei Verbindung zum FCB – ausser dass er mich berät.
Mit Yann Sommer berät Ihr Bruder auch den Wunsch-Goalie von FCB- Verwaltungsratspräsident David Degen. Erhöht das die Chancen für eine Rückkehr nach Basel?
Da waren wir dran, aber das wird sehr schwer. (lacht) Yann würde natürlich ein Goalie-Profil mitbringen, das wir suchen. Aber wir befinden uns da in einer Preiskategorie, in der der FCB aktuell nicht mithalten kann. Und Yann ist auch sportlich nach wie vor auf einem absoluten Toplevel.
Mit Xherdan Shaqiri hat der FCB ja schon einen Grossverdiener auf der Lohnliste. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu ihm verändert, seit Sie nicht mehr sein Mitspieler, sondern sein Trainer sind?
Es ist nicht anders als früher. Wir wissen beide, wie man Titel gewinnt und was es für den Erfolg braucht. Darum ist mir seine Meinung und der Austausch mit Shaq sehr wichtig. Das war als Spieler so und ist nun auch in diesem Verhältnis so.
In welcher Rolle planen Sie mit ihm in der nächsten Saison?
In der letzten Saison hatte er 43 Skorerpunkte – ein fantastischer Wert. Aber der FCB darf nicht derart abhängig von ihm sein, was es auch für ihn einfacher machen würde. Nichtsdestotrotz ist Shaq noch immer ein Spieler, der in jedem Spiel den Unterschied ausmachen kann. Mein Spiel ist geprägt von einer hohen Intensität. Aber das versuche ich auch an ihn anzupassen. Mit seinen Qualitäten und seinem Leadership kann er auch nächste Saison eine wichtige Rolle spielen.
Auch über seine Vertragslaufzeit bis 2027 hinaus?
Das müssen Shaq und der Klub miteinander ausmachen. Da habe ich keinen grossen Einfluss. Ich kann nur meinen Wunsch abgeben.
Und der wäre?
Er kann jedem Team helfen. Wenn er den Aufwand weiterhin betreiben möchte, sage ich sicher nicht nein.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 35 | 35 | 74 | |
2 | FC St. Gallen | 35 | 22 | 63 | |
3 | FC Lugano | 35 | 14 | 63 | |
4 | FC Sion | 35 | 21 | 58 | |
5 | FC Basel | 35 | 6 | 56 | |
6 | BSC Young Boys | 35 | 3 | 48 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Luzern | 36 | 6 | 47 | |
2 | Servette FC | 36 | 4 | 47 | |
3 | FC Lausanne-Sport | 36 | -10 | 42 | |
4 | FC Zürich | 36 | -20 | 38 | |
5 | Grasshopper Club Zürich | 36 | -29 | 27 | |
6 | FC Winterthur | 36 | -52 | 23 |