Die grosse Chronik des Scheiterns
Für dreimal Barrage zahlte LAFC bei GC 50 Millionen

Die Amerikaner vom Los Angeles FC haben sich vom Grasshopper Club getrennt. Ihr Abgang beweist: Sie wussten von Anfang an nicht, was sie in Zürich überhaupt wollten.
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Florian RazReporter Fussball

Als die Leute vom Los Angeles FC voller Elan in Zürich auftauchen, ist da auch Hoffnung. Vor allem aber steht Anfang 2024 eine riesengrosse Frage im Raum: Was wollen diese neuen Besitzer aus den USA mit dem Grasshopper Club Zürich? Zweieinhalb Jahre später ist klar: Die Amerikaner wussten es selber nicht.

Die Chronik des Scheiterns des LAFC beim GCZ.

Januar 2024 – die grossen Versprechen

Irgendwie schräg: Die erste Medienkonferenz geben die neuen GC-Besitzer an zusammengeschobenen Tischen mit GC-Deckchen drüber.
Foto: Pius Koller

Die Vertreter aus der neuen Welt landen zuerst im Bootshaus der GC-Rudersektion. An ein paar zusammengeschobenen Tischen, über die GC-Tücher gelegt sind, sprechen sie über eine goldene Zukunft.

Stacy Johns ist als Interims-Präsidentin da. Sie verspricht viel. Investitionen: «Wir werden Geld ausgeben, um zu gewinnen.» Führungskräfte mit lokalem Wissen: «Wir wollen so schnell wie möglich einen CEO präsentieren.» Und nicht zuletzt – Stars! Wenn auch neben dem Rasen. Schauspieler Will Ferrell soll als Mitbesitzer schon bald im Letzigrund auftauchen.

Harald Gärtner sitzt auch da. Er ist der Sportchef der Europa-Abteilung des LAFC und damit jetzt auch von GC. «Sein Fokus wird auf dem Transfermarkt liegen, wir wollen das Kader verstärken», sagt Johns.

Februar 2024 – erste Ernüchterung

In der ersten Transferperiode unter der neuen Führung kommen vier Spieler. Sie heissen Oliver Batista Meier, Steven Deana, Asumah Abubakar und Dijon Kameri. Es wird klar: Fussballstars holt der LAFC nur nach Los Angeles.

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Irgendwie hat das von Anfang an nicht richtig gepasst: Stacy Johns (l.) und Larry Freedman als Vertreter des Los Angeles FC bei der Medienkonferenz im Januar 2024.
Foto: keystone-sda.ch

März/April 2024 – erste Köpfe rollen

Erst muss GC-Sportchef Bernt Haas gehen. Ihn beerbt Stephan Schwarz. Dessen grösste Qualifikation für den Job besteht darin, dass er Europa-Chef Gärtner aus gemeinsamen Tagen in Ingolstadt kennt. Im April trifft es dann auch Trainer Bruno Berner. Er wird durch Marco Schällibaum ersetzt.

Mai 2024 – die erste Barrage

Die Grasshoppers retten sich gegen den FC Thun vor dem Fall in die Challenge League. Stacy Johns gibt bekannt, dass sie Präsidentin bleibt. Von einem CEO in Zürich ist keine Rede mehr. GC-Captain Amir Abrashi wird für sein emotionales Interview gefeiert: «Der wichtigste Sieg meiner Karriere.»

August 2024 – alles Alte muss raus

Wird von den Amerikanern rasch entsorgt: der Heugümper über dem Spielertunnel.
Foto: TOTO MARTI

Die Amerikaner entdecken, was die Grasshoppers in den letzten Jahren vom Erfolg abgehalten hat: die Vergangenheit. Entsorgt werden unter anderem die erst zwei Jahre junge Hymne «Das isch GC», der Goal-Song von Nöggi, der aufblasbare Heugümper – und vor allem der Ausdruck «Rekordmeister». Einem gewichtigen Teil der Fans geht der Bruch mit der Vergangenheit nahe.

Es werden zwölf neue Spieler verpflichtet. Auf den grossen Transferknaller warten die Fans weiter. Europa-Chef Gärtner erklärt, es sei nicht einfach, Spieler für GC zu begeistern.

November 2024 – Trainer Nummer 3

Schällibaum wird entlassen. Verpflichtet wird Tomas Oral, der die letzten eineinhalb Jahre sein Café in Frankfurt geführt hat. Seine grösste Qualifikation für den Job besteht darin, dass er mal mit Europa-Chef Gärtner bei Ingolstadt gearbeitet hat.

Mitten im sportlichen Tauchgang kommt eine gute Neuigkeit: GC hat neu eine Geschäftsstelle mitten in Zürich an der Schifflände.

Februar 2025 – Zürcher sind altmodisch und faul

GC-Präsidentin Johns tritt an einem Symposium in Hamburg auf. Dort klagt sie über «sehr altmodisches» Denken bei GC und darüber, dass man in der Schweiz am Wochenende zu wenig arbeite.

Ausserdem outet sie sich als Barrage-Liebhaberin: «Ich habe mit den Indianapolis Colts den Super Bowl gewonnen. Trotzdem war das 2:1 im Rückspiel gegen Thun der unglaublichste Sieg, den ich je erleben durfte.»

Bei den spärlichen Transfers wird erstmals das Konstrukt Red & Gold spürbar, das den LAFC mit dem FC Bayern verbindet: Grayson Dettoni und Nestory Irankunda kommen aus dem Münchner Nachwuchs. Berater erzählen, dass auf dem GC-Campus der Nachwuchs-Chef der Bayern ein wichtiges Wort mitredet. Europa-Chef Gärtner erklärt, es sei weiterhin nicht einfach, Spieler für GC zu begeistern.

Mai 2025 – die zweite Barrage und ein Rückkehrer

GC droht der Abstieg – und entlässt Sportchef Schwarz. Vereinslegende Alain Sutter kommt und wird von den Medien als Coup gefeiert. Einer, der den Klub kennt. Einer, der den Schweizer Fussball kennt. Geht es jetzt aufwärts?

Ausserdem geht der Wunsch von Präsidentin Johns in Erfüllung. GC darf ein zweites Mal in die Barrage. GC spielt in Lugano, weil der Letzigrund vermietet ist, und setzt sich trotzdem gegen Aarau durch. GC-Captain Amir Abrashi wird für sein emotionales Interview gefeiert: «Die schlimmsten drei Wochen meiner Karriere.»

Juli 2025 – Trainer Nummer 4 und der Leuchtturm

Will ein Leuchtturm sein: Alain Sutter in seiner Anfangszeit als Sportchef der Grasshoppers auf dem Campus.
Foto: Sven Thomann

Sutter sagt Trainer Gerald Scheiblehner erst ab. Und klingelt einen Tag vor dessen Trainingsauftakt in Linz doch noch einmal durch. Scheiblehner wird Trainer Nummer 4 unter dem LAFC.

Sutter nennt sich im Blick selbst «Leuchtturm». Er wirbelt auf dem Campus, entlässt langjährige Mitarbeiter wie die Leiterin des GC-Internats und stellt dafür eigene Vertraute ein. Zum Beispiel seinen Sohn als Scout.

Für Transfers scheint GC kein Geld zu haben. 22 Spieler gehen, 13 Neue kommen, darunter der 16-jährige Pantaleo Creti und der 17-jährige Matteo Mantini. Die Bayern schicken die Teenager Jonathan Asp Jensen und Lovro Zvonarek. Asp Jensen ist die erste und letzte echte Verstärkung aus München.

Beim Testspiel gegen die Bayern gehen die Fans auf Konfrontationskurs mit dem erst im Juni angetretenen Geschäftsführer Christoph Urech.

Februar 2026 – entsorgte Pokale, teure Transfers

John Thorrington ersetzt Johns als Präsident. Die Mitteilung wird mitten im Cup-Viertelfinal gegen Sion verschickt. Logisch, sie richtet sich nach der Zeitzone an der amerikanischen Westküste.

Bei einer Aufräumaktion auf dem Campus werden mehrere alte Pokale in eine Mulde geworfen und gerade noch vor der Entsorgung gerettet.

Im Sportbereich stellt sich mit der Gefahr des direkten Abstiegs vor Augen heraus, dass GC doch Geld hat. Sportchef Sutter wollte es bloss im Sommer nicht ausgeben. Dafür investiert er jetzt in eine Menge teure Wintertransfers wie Michael Frey. Europa-Chef Gärtner erklärt ein letztes Mal, es sei nicht einfach, Spieler für GC zu begeistern.

März/April 2026 – (fast) alles bricht zusammen

Trainer Scheiblehner scheitert am Einbau der Winterzugänge. Sutter kommt auf die Idee, einen charismatischen Österreicher durch einen uncharismatischen Österreicher zu ersetzen. «Hat ja hervorragend geklappt», stichelt Scheiblehner nach dem 0:5 gegen Servette aus der Heimat.

Der Cup-Halbfinal bei Lausanne-Ouchy wird zum Albtraum. Teile der Fans werfen beim Ausscheiden Pyro, greifen danach den GC-Teambus an und plündern Getränkestände. Schwer enttäuschte Anhänger stehen mit einem Cup-Halbfinal-Leibchen da, auf das man sich nach Spielschluss das Resultat drucken lassen könnte …

Was zum Highlight werden sollte, wird zum Albtraum. GC-Anhänger randalieren beim Aus im Cup-Halbfinal gegen Stade Lausanne-Ouchy.
Foto: Pascal Muller/freshfocus

Die organisierten Fans von Sektor IV distanzieren sich nicht von der Gewalt. Dafür steht beim nächsten Heimspiel auf einem riesigen Banner «FUCK OFF LAFC». Die Amerikaner reagieren mit einem Statement, in dem sie klar festhalten: Sie stehen einem Verkauf offen gegenüber.

Mitten im Aufruhr muss Geschäftsführer Urech gehen, der davor auf der Geschäftsstelle für viele Personalwechsel gesorgt hat und in Rekordzeit zum roten Tuch für die organisierten Fans geworden ist.

Mai 2026 – die dritte Barrage und das Ende

Der überforderte Messner wird erlöst. Peter Zeidler wird der sechste Trainer in der Zeit von LAFC bei GC. Er erlebt die dritte Barrage unter der Führung der Amerikaner. Amir Abrashi wird nach der erneuten Rettung gegen Aarau für seine heroisch blutende Lippe gefeiert: «Nur eine Platzwunde, das hält mich nicht auf.»

Im Hintergrund steht für die Amerikaner fest, dass sie kein Interesse mehr an GC haben. Der Verkauf von GC durch den LAFC ist beschlossene Sache.

Die Kalifornier dürften für drei Barrage-Teilnahmen rund 50 Millionen Franken ausgegeben haben. In ihren zweieinhalb Jahren haben sechs Trainer mit dem Team gearbeitet. Einen Zugang zur Stadt und ihren Menschen haben sie nie gefunden. Europa-Chef Gärtner wechselt nach … Ingolstadt. Mit dem Abgang von LAFC ist auch das Ende von Alain Sutter als Sportchef besiegelt.

Bei GC stehen die Zeichen auf Neuanfang. Wieder einmal.

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