Es ist 28 Grad abends um halb neun, eine Brise weht an der Playa de la Venus, einem Strand von Marbella. Barfuss schlendert Urs Meier (67) mit seiner Frau Andrea (55) und Tochter Blu (13) durch den Sand. Die Sonnenstrahlen sind nicht mehr so stark, noch immer fläzen sich viele auf ihren Badetüchern, aus einem Restaurant weht der Duft von Paella. Das macht die Familie oft am Abend: einen Spaziergang am Meer, dann an der dicht bevölkerten Uferpromenade flanieren, gegen zehn Uhr Znacht in einem Fischrestaurant. «Es ist so entspannt hier», sagt Urs Meier, «la vida es bonita!» Seine Frau nickt: «Das Leben ist schön!»
Hier in Marbella an der Mittelmeerküste der Costa del Sol ist das Ehepaar Meier seit 14 Jahren zu Hause. 883 Profispiele hatte der Aargauer zwischen 1977 und 2004 als einer der weltbesten Fussball-Schiedsrichter gepfiffen: Schweizer Nati-A-Spiele, zwei WM und zwei EM, 2002 der Champions-League-Final Real Madrid gegen Bayer 04 Leverkusen. Viele Resultate weiss er noch auswendig. Ab 2005 war er beim ZDF als Experte tätig, kommentierte Fussballspiele an der Seite von Jürgen Klopp, Johannes B. Kerner und Franz Beckenbauer selig – 2006 erhielten die vier den Deutschen Fernsehpreis für die beste Sportsendung.
Infantino regt ihn auf
Es ist Mitternacht, Grillen zirpen, Urs Meier und seine Frau sitzen auf der Terrasse ihres vierstöckigen Reihen-Einfamilienhauses in einer Wohnsiedlung. Neben dem Tisch steht eine Buddha-Figur aus Lavastein, «das hat etwas Beruhigendes», sagt Urs Meier. 2010 verkaufte er sein Haushaltsgeräte- und Küchengeschäft in Wettingen AG, 2011 heiratete er Andrea, heute ist sie seine Managerin. Beide brachten zwei Kinder in die Ehe: er Marcia, 37, und Cyrill, 36, sie Noah, 28, und Lara, 26. «Wir alle haben einen starken Zusammenhalt.»
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Die gemeinsame Tochter Blu planscht mit spanischem Nachbargschpänli im Pool, Urs und Andrea spielen bei einem Glas Rioja eine Runde Backgammon. Am Sonntagabend ist jeweils «Tatort» Pflicht. Und am 17. August «Die Verräter»: Dann beginnt auf RTL die vierte Staffel der Reality-Spielshow – mit Urs Meier und 17 anderen prominenten Teilnehmern.
An zwei, drei Tagen in der Woche schaut der Ex-Schiri Fussball am Fernsehen: Champions-League-Spiele («Das ist richtiger Fussball!»), aber auch Bundesliga und Super League. «Bei Ungerechtigkeiten fährt Urs schon mal gehörig aus der Haut.» Ganz besonders regt er sich über den Video-Schiedsrichter auf – dessen Einführung hält er für falsch. «Weil der VAR die Absicht, die Geschwindigkeit, die Distanz und den Spielcharakter nicht sieht und spürt.»
Die Fifa und ihr Präsident Gianni Infantino, 56, haben für ihn die Rote Karte verdient: «Sie führen den Fussball in eine falsche Richtung.» An der WM seien Spitzenschiedsrichter blockiert gewesen, «aufgrund von falschen Vorgaben». Auch über Fussball wird geredet, wenn die Meiers spanische Freunde zu Gast haben. «Da kann ich mein Spanisch aufbessern», sagt Meier. Im Gegensatz zu ihm koche Andrea exzellent, meist vegetarisch. Ab und zu gibts Fondue oder Raclette – den Käse bringt er aus der Schweiz mit. «Mein Mann ist so was von unkompliziert und lebt sein Motto ‹Siempre positivo›! Doch manchmal braucht er ein bisschen, bis er auf eine Frage antwortet.»
Urs erinnert sich gut. «Ein Jahr nach der Hochzeit fassten wir den Entschluss, auszuwandern. Unser Traum: am Meer leben!»
Also lagerten die beiden ihre Möbel ein und fuhren mit Tochter Lara in einem Mercedes in den Süden. Nach Stopps in Barcelona und Valencia landeten sie in Marbella. «Die ersten drei Tage hat es geregnet, es war kalt», erinnert sich Urs. Doch tags darauf schien die Sonne. «Ich schaute aufs Meer: am Horizont die Küste Afrikas mit Ceuta und der Felsen von Gibraltar, im Landesinneren der Hausberg La Concha. Ich sagte zu Andrea: Hier bleiben wir! Wir lagen uns in den Armen.» Ein Jahr später brachte Andrea in einem «orientalischen» Zelt im Garten ihres damaligen Zuhauses ihr drittes Kind zur Welt, in Anwesenheit der Hebamme Xavier und angereister Angehöriger. «Wir wollten einen kurzen, internationalen Namen. Eine Schwägerin hatte Blu auf der Liste», erzählt Andrea. «Bei den letzten Presswehen hat erst Lara im Takt geklatscht und ‹Blu! Blu! Blu!› gerufen, danach alle. Als das Baby dann ganz blau dalag, war klar: Es bekommt den Namen Blu.»
Bei Klopp in der Stube
Heute geht Urs Meier mit Blu und Andrea oft im Meer baden, danach zieht es sie in eines der Chiringuitos – so heissen die Strandbars. Meier spielt auch Golf, mit einem Handicap von 22.2. «Ich bin ein fauler Sack geworden.»
Die Hälfte des Jahres ist Meier auf Geschäftsreisen, vor allem in Europa. 150 Flüge kommen da zusammen. Als begnadeter Redner mit Witz und Selbstironie hält er Referate, gibt Schulungen bei Roche, Mercedes, Siemens-Bosch und vielen anderen Firmen. Dabei berichtet er, wie er lernte, schnell Entscheidungen zu treffen, mit Druck und Fehlern umzugehen. Seine motivierenden Ausführungen spickt er mit Anekdoten: Wie er bei Spielen mit Ciriaco Sforza oft meinte, es gehe um ihn, wenn die Zuschauer «Ciri, Ciri!» riefen. Wie er nach England–Portugal an der EM 2004 mit den Morddrohungen gegen ihn umging. Einmal war er bei Jürgen Klopp daheim eingeladen.
Richtig Fan ist der Aargauer nur von der Fussball-Nati. «Unter Murat Yakin hat sie sich zu einer Top-Mannschaft entwickelt.» Bei «Ran Fussball» auf Sat.1 beurteilt er vor Ort strittige Schiri-Entscheide von Bundesligaspielen, auf Blue TV kommt er als Experte bei Champions-League-Matchs zum Einsatz. Dann sitzt er in Marbella in seinem Büro oder irgendwo in einem Hotel vor dem Laptop, ist via Headset und Kamera mit dem TV-Studio in Volketswil ZH verbunden. Seit Jahren ist er im «Blick» mit seinen Videoanalysen zu Gast. «Für mich war ein Spiel ein Kunstwerk, als Schiri setzt du die Leitplanken. Mit dem VAR geht das kaputt!» «Ich bin noch immer verrückt nach Fussball», sagt Urs Meier und nimmt einen Schluck Rioja. Doch immer mehr geniesse er das Meer, die Weite, die lichtdurchflutete Landschaft, die Menschen, seine Familie. «Die verschiedenen Kulturen hier faszinieren mich.» In die Schweiz zieht es die beiden zur Zeit nicht. «La vida es bonita.»