Es ist Manuel Akanji (31) anzusehen, wie viel ihm dieses Amt bedeutet hat. In Abwesenheit von Granit Xhaka (34) durfte der Verteidiger die Nati in der Nations League vier Mal als Captain aufs Feld führen.
Und das wohl nicht zum letzten Mal. Unabhängig davon, wie es beim Impfzertifikats-Bschiss von Xhaka weitergeht, wird Akanji dessen Amt früher oder später übernehmen, ist er doch ein paar Jahre jünger als der Basler. Dass er ein würdiger Nachfolger wäre, hat er bereits unter Beweis gestellt. «Er macht das hervorragend als Leader», lobt Trainer Murat Yakin. Auch aus der Mannschaft sind ausschliesslich positive Stimmen zu hören.
Austausch mit Xhaka vor Zusammenzug
Öffentlich gesprochen hat Akanji in den ersten zwei Wochen des Zusammenzugs nie. Ob er nicht durfte oder nicht wollte, ist unklar. Nach dem 3:0-Sieg gegen Nordmazedonien hat sich das nun geändert. «Das macht mich definitiv stolz», sagt Akanji über das Captain-Amt. «Aber ich glaube nicht, dass ich vorher weniger Verantwortung übernommen habe als jetzt.»
Trotzdem ist es so, dass der Inter-Profi zwar auch in der Vergangenheit schon die Binde tragen durfte, Xhaka gehörte dabei aber immer ebenfalls zum Kader und war präsent. «Das war schon etwas anders als sonst. Die Verantwortung lag dieses Mal komplett bei mir, ich konnte nicht noch zu Granit gehen und ihn nach seiner Meinung fragen», sagt Akanji.
Es sei aber nicht so, dass es überhaupt nicht zum Austausch mit Xhaka gekommen sei. «Wir haben vor dem Zusammenzug miteinander gesprochen», erzählt Akanji. Ursprünglich habe er seinen guten Freund vor dem letzten Spiel noch einmal anrufen wollen, sich aber schliesslich dazu entschieden, dies am Ende der Länderspielpause nachzuholen.
Geht es nach ihm, sei völlig klar, dass die abwesenden Xhaka und Embolo ins Team zurückkehren werden. Im Fall des Rekord-Nationalspielers auch wieder als Captain. «Es ist nicht meine Entscheidung, aber ich hoffe sehr, dass sie zurückkommen. Wir brauchen die besten Spieler in der Nationalmannschaft», ist Akanji überzeugt. «Granit und Breel, aber auch Rubén und Denis waren immer ein Teil dieser Mannschaft und haben gefehlt.» Dass sich durch die erfolgreiche Nations-League-Kampagne mit vier Siegen in vier Spielen etwas innerhalb der Teamdynamik verändern könnte, schliesst er aus. Akanji: «Es wird wieder alles beim Alten sein, wenn sie zurückkommen.»
Akanji wird Yakins Wunsch gerecht
Doch auch so bleibt der Abwehrchef neben Xhaka innerhalb der Mannschaft die wichtigste Ansprechperson von Murat Yakin. Dass der Nati-Coach beide in seine Gedanken und Entscheidungen miteinbezieht, ist seit Jahren ein offenes Geheimnis. Doch es gab auch eine Zeit, in der Yakin öffentlich von Akanji einforderte, dass dieser mehr Verantwortung übernehmen soll. Dem Wunsch seines Trainers wurde der Verteidiger gerecht. Seit der EM 2024 legt Akanji eine Ausstrahlung an den Tag, die einem Chef der Nati-Abwehr mehr als würdig ist, bereits zuvor hatte er auf Klubebene mit Manchester City jeden Titel gewonnen, den es zu gewinnen gibt. Seither kann man sich bis auf zwei verschossene Penaltys an keinerlei Tiefpunkte von Akanji im Nati-Trikot erinnern. Im Gegenteil: Die Leistungskurve ist konstant hoch.
Der Winterthurer ist kein Lautsprecher, der als Anführer auf und neben dem Platz nonstop verbal präsent ist. Der Titel eines leisen Leaders würde ihm aber auch nicht gerecht werden. Akanji führt mit Autorität. Er führt über Leistung, Spielintelligenz, Verlässlichkeit, Ruhe und konstruktive Kommunikation. Dabei scheut er auch nicht die Konfrontation mit Gegenspielern oder dem Schiedsrichter. Ein Beispiel: Als Johan Manzambi im Heimspiel gegen Slowenien nach rund einer halben Stunde zum zweiten Mal sehr hart gefoult wird, ist Akanji sofort zur Stelle und nimmt sich Gegenspieler Drkusic zur Brust.
Mit 23 Jahren schon BVB-Captain
Akanji geht voran, zeigt: Ich bin der Chef. Mit Captainbinde noch präsenter als ohne. Eine Qualität, die Trainerlegende Lucien Favre schon lange erkannte: 2019 lässt er ihn bei Borussia Dortmund in einem Bundesligaspiel die Mannschaft als Captain aufs Feld führen. 23 Jahre ist Akanji damals alt. «Er war schon immer ein Leader», sagte Favre im letzten Sommer über seinen ehemaligen Schützling.
Von Akanjis Führungsqualitäten und Leistungen profitieren auch diejenigen um ihn herum: Mit Zachary Athekame und Sascha Britschgi spielen zwei neue Aussenverteidiger mit, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Nico Elvedi ist in der Form seines Lebens, und auch Ricardo Rodriguez glänzt selbst ohne Sommervorbereitung im Klub. Zufall? Wohl eher nicht. Auch bei Inter sagen Beobachter und Experten: Abwehrchef Manuel Akanji macht seine Mitspieler besser.
Oft führte Akanji aber im Schatten, ohne die Captainbinde. In der Nati fungiert er als Nummer 2 neben Granit Xhaka, bei Inter besteht fast die gesamte Stammelf aus internationalen Top-Stars und Führungsspielern. Ein Problem hat er damit nicht. Akanji kann beide Rollen. Und wird dies auch weiter in der Nati zeigen – früher oder später wohl auch als offizieller Captain.