Darum gehts
- Christian Heidel leitet FSV Mainz seit 30 Jahren erfolgreich
- Urs Fischer bringt Ruhe und Sicherheit in den Abstiegskampf
- FSV Mainz erzielt über 140 Millionen Euro Jahresumsatz
Gesamthaft drei Jahrzehnte dirigiert Christian Heidel (62) den Fussball- und Sportverein Mainz. Er hat den FSV vom Amateur-Verein zu einem erstklassigen Unternehmen mit über 140 Millionen Euro Umsatz entwickelt. Ein Ende ist nicht in Sicht: «Den Verein werde ich nicht mehr wechseln. Das hier ist mein Baby.» Und der Zürcher Urs Fischer sein neuer Trainer, auf den er grosse Stücke hält.
Blick: Der Mainzer Captain Silvan Widmer sagt, man könne sich menschlich zu 100 Prozent auf Urs Fischer verlassen. Ist diese Verlässlichkeit sein Plus?
Christian Heidel: Das kann ich nur bestätigen. Ausserdem strahlt er eine ausgesprochene Ruhe aus, die mir vom ersten Tag an ein gutes Gefühl vermittelt hat. Wie er mit der unnötigen Niederlage in Köln umgegangen ist, sehr analytisch und klar, hilft im dicksten Abstiegskampf sehr. Urs führt die Gruppe mit seiner eigenen Art, ist in einer funktionierenden Trainer-Crew der Häuptling. Er hat hier die Fäden in der Hand, keiner redet ihm rein, auch unser Sportdirektor nicht. Ein Trainer ist bei uns der unumstrittene Chef in der Kabine, darauf kann er sich verlassen. Das ist nicht überall so.
Urs Fischer pausierte über zwei Jahre lang. Wie viel Überzeugungsarbeit war nötig, ihn wieder auf die pulsierende Bundesliga-Bühne zu locken?
Die Frage müssten Sie ihm stellen. Als ich ihn angerufen habe, waren wir nicht gerade die attraktivste Adresse in der Bundesliga. Wir waren Tabellenletzter! Deshalb hatte ich leise Zweifel, ob Urs so etwas überhaupt machen möchte. Nach unserem ersten längeren Telefonat hatte ich den Eindruck, dass die Chemie stimmen könnte. Nach drei, vier weiteren Gesprächen waren wir uns einig.
Der gebürtige Mainzer Christian Heidel (62) tritt als Quereinsteiger aus der Autobranche 1992 als Sportvorstand in das Management des Fussball- und Sportvereins ein. Bis auf ein dreijähriges Gastspiel bei Schalke 04 (2016 bis 2019) prägt Heidel den Verein als smarter Stratege auch im dritten Jahrzehnt seit seinem Einstand und ist der dienstälteste Sport-CEO der Bundesliga. Unter seiner Leitung hat der FSV den Umsatz auf über 140 Millionen Euro gesteigert und gehört seit 2009 ununterbrochen zur Eliteklasse. Mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Bo Svensson und Martin Schmidt hat er mehreren Persönlichkeiten zum Bundesliga-Trainer-Debüt verholfen.
Der gebürtige Mainzer Christian Heidel (62) tritt als Quereinsteiger aus der Autobranche 1992 als Sportvorstand in das Management des Fussball- und Sportvereins ein. Bis auf ein dreijähriges Gastspiel bei Schalke 04 (2016 bis 2019) prägt Heidel den Verein als smarter Stratege auch im dritten Jahrzehnt seit seinem Einstand und ist der dienstälteste Sport-CEO der Bundesliga. Unter seiner Leitung hat der FSV den Umsatz auf über 140 Millionen Euro gesteigert und gehört seit 2009 ununterbrochen zur Eliteklasse. Mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Bo Svensson und Martin Schmidt hat er mehreren Persönlichkeiten zum Bundesliga-Trainer-Debüt verholfen.
In der Tendenz engagieren die Klubs eher jüngere Trainer. Wieso fiel Ihre Wahl auf einen 59-Jährigen?
Das Alter spielt für mich überhaupt keine Rolle. Ich bin ja eher bekannt dafür, junge und unbekannte Coaches wie Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Bo Svensson oder Martin Schmidt an die Linie zu stellen. Allerdings bin ich der Auffassung, dass Erfahrung kein Hauptargument für eine Trainerverpflichtung sein muss. Ich suche Trainertypen für eine spezielle Situation. Vor zwei Jahren brauchten wir jemanden, der das Team weckt, der Emotionen schürt. Bo Henriksen war damals genau der Richtige! Jetzt haben wir Struktur, Sicherheit und eine ruhige Hand benötigt. Deshalb fiel die Wahl auf einen erfahrenen Trainer.
Fischer hat in einem Blick-Interview im Sommer gesagt, vor einer Zusage müsse das Gefühl stimmen, der Moment, der Reiz der Aufgabe.
Das kann ich bestätigen. Er hat seine Entscheidung nicht von der Tabellenkonstellation abhängig gemacht. Er wollte das Gefühl haben, dass der Verein mit seinen Prinzipien zu ihm persönlich und zu seiner Arbeitsweise passt. In Mainz war in den vergangenen Jahren eine Reihe von sehr bekannten Trainern am Werk, die sich hier deswegen wohlgefühlt haben und entwickeln konnten. Urs hat darüber hinaus registriert, wie korrekt wir auch in schwierigen Situationen mit unseren Trainern umgegangen sind, beispielsweise bei der fairen Trennung von Bo. Dafür sind wir in Deutschland inzwischen bekannt.
Lothar Matthäus ist voll des Lobes für Fischer. Wo er die Hand auflege, gehe es aufwärts. Sie werden dem DFB–Rekordmann kaum widersprechen?
Man muss natürlich mehr können, als nur die Hand aufzulegen. Wir sind überzeugt, dass unser Team besser ist, als man aufgrund der Tabelle meinen könnte. Wir sind aber aus verschiedenen Gründen in eine schwierige Lage geraten. Es hätte überhaupt keinen Sinn gemacht, nach Bo Henriksen auf einen ähnlichen Trainer-Typen zu setzen. Wir mussten einen Kontrast schaffen, um innerhalb des Teams etwas bewirken zu können. Deshalb war Urs Fischer die Wunschlösung. Er ist bekannt dafür, ruhig, sachlich und taktisch akribisch zu arbeiten. Er ist nicht extrovertiert und emotional, dafür ein empathischer Leader. Und verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist keine Kritik gegen Bo, weil wir mit seiner Herangehensweise überaus erfolgreich waren.
Was stimmt Sie zuversichtlich?
Fischer setzt auf andere Abläufe im Training. Er hat den Jungs sofort ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Dass er ein ausgezeichneter Coach ist, hat man während seiner fünf Jahre bei Union gesehen. Wenn ich mit ihm spreche, sitzt vor mir ein Trainer, der mit seiner Aufgabe rundum zufrieden ist, mit den Bedingungen, mit den Menschen, mit dem Team. Urs strahlt Optimismus aus, auch wenn wir noch lange nicht gerettet sind. Das steckt an, auch wenn erst am 34. Spieltag abgerechnet wird.
Fischer hat nur eine von bisher neun Partien verloren.
Ich mache es nicht nur von den Ergebnissen abhängig. Wir sind wieder ein unangenehmer Gegner geworden, eine kämpferische Einheit. Das war sofort erkennbar und ist natürlich die Handschrift von Urs. Dafür kann ich nur ein grosses Kompliment aussprechen. Diese Fokussierung, diese Überzeugungskraft und die Gabe, nicht hektisch zu werden, führt dazu, dass alle im Verein wieder an den Ligaerhalt glauben. In den letzten fünf Jahren haben wir zwei ganz heikle Phasen bravourös gemeistert, nun glauben wir daran, es ein drittes Mal zu schaffen.
Ab sofort hilft ein alter Vertrauter Fischers mit bei der Mission Klassenerhalt: Osasuna-Leihgabe Sheraldo Becker, einst eine Leaderfigur bei Union Berlin.
Wir mussten leider auf die schwere Verletzung von Benedict Hollerbach zwei Tage vor Transferschluss sofort reagieren und sind froh, dass wir ihn als Spielertyp direkt ersetzen konnten. Auch Sheraldo Becker steht für absolutes Tempo und Tiefenläufe. In der Kürze der Zeit hat es geholfen, dass sich beide schon kannten. Der Deal war trotzdem eine enge Kiste, erst zehn Minuten vor der Transfer-Deadline war er eingetütet.
Apropos Personalentscheide: Silvan Widmers Vertrag endet nach dieser Saison. Wie ist bei ihm die Ausgangslage?
Er hat mit der WM ein grosses Ereignis vor der Brust und hat sich inzwischen seinen Platz in der Mannschaft wieder erkämpft. Wir werden uns in nächster Zeit mit ihm zusammensetzen und in Ruhe besprechen, wie er die Zukunft sieht. Er ist unser Captain und ein wichtiger Spieler auf dem Platz und in der Kabine.

