Wenige Tage vor dem Liga-Auftakt mit dem belgischen Branchenprimus FC Brügge spricht Yann Sommer (37) über seine Ankunft in Brügge, sein glorioses Addio in Mailand und erklärt, weshalb ein Comeback beim FCB nicht gepasst hat.
Blick: Club Brügge gilt als ideales Sprungbrett für aufstrebende Talente. Zu dieser Kategorie gehören Sie definitiv nicht mehr. Warum dieser Schritt?
Yann Sommer: Ich hatte bereits nach den ersten Calls mit dem Coach und dem Sportchef ein sehr gutes Gefühl. Der Approach von Brügge war gross. Nachdem ich das Trainingsgelände begutachtet hatte und gesehen habe, wie hoch die Lebensqualität in dieser wunderschönen Region am Meer ist, reifte der Gedanke: Das passt, hier könnte ich die nächsten Jahre verbringen.
Sie haben bis 2029 unterschrieben.
Es ist cool, in meinem Alter einen Dreijahresvertrag zu bekommen. Zum guten Gesamtpaket passt, dass die Champions League garantiert ist. Man kann mit diesem sehr ambitionierten und beeindruckend professionell aufgestellten Verein Titel gewinnen.
Der frühere Brügge-Star Ardon Jashari soll Sie mit Infos versorgt haben?
Er hat mir früh geschrieben, als erste Spekulationen kursierten. Meine Fragen beantwortete Ardon mit einem sehr positiven Feedback.
Hätte der FC Basel mit einem Fixplatz in der Champions League bessere Karten gehabt, Sie zu engagieren?
Ich habe dort meine Karriere gestartet und erlebte unfassbar schöne Jahre mit dem FCB. Meine Erinnerungen an die damalige Ära sind wunderbar. Und ja, klar habe ich die Option Basel geprüft.
Nach Bayern und Inter sind Sie nun in einem ganz anderen Setting. Wie fühlt es sich an, nicht mehr im globalen Fokus zu stehen?
Die Umstellung ist gar nicht mal so riesig - von Brügge wird ebenfalls in jedem Spiel ein Sieg erwartet. Hier zählen nur Titel. Und wenn man sieht, wie Brügge gesamthaft aufgestellt ist: Da sehe ich wenig Unterschiede zu europäischen Top-Klubs, Brügge ist ein Top-Verein.
Was wird von Ihnen erwartet? Welche Rolle sollen Sie einnehmen?
Ich bringe die grössten Erfahrungswerte mit, viele meiner Mitspieler sind sehr jung, aber unfassbar motiviert. Pushen muss ich hier keinen Einzigen. Klar will ich ein Leader sein, in erster Linie möchte ich ein guter Goalie für Brügge sein. That‘s it!
Apropos jung: Was ist den Schweizer Teenagern Cheveyo Tsawa (19) und Andrej Vasovic (18) in Brügge zuzutrauen?
Erfrischende Burschen! Sie machen es sehr gut und haben grosses Potenzial. Es ist angenehm, etwas Schweizerdeutsch zu reden in der Garderobe (lacht).
Wie sehr war Ihre Familie in die Entscheidungsfindung involviert?
Ich spreche mich immer ab! Die Distanz zu Deutschland ist überschaubar (die Familie besitzt eine Wohnung in der Region Düsseldorf) und meine älteste Tochter besucht bald die Schule.
Wie stark hat Sie die Zeit in Italien geprägt?
Es war eine tolle und anspruchsvolle Zeit. Der Druck war riesig, die Erfolge ebenso. Inter ist ein grosser Klub. Es hat Spass gemacht, dort zu spielen. Ich werde diese drei Jahre immer in sehr positiver Erinnerung behalten.
Ist der Abschied schwergefallen?
Wenn man länger in einem Land gelebt und Kontakte aufgebaut hat, ist es nie einfach zu gehen.
Wie wichtig war für Sie, mit einer zweiten Meister-Trophäe Addio zu sagen?
Die Parade mit den Fans noch einmal erleben zu dürfen, war einfach genial. Die Atmosphäre in der Stadt - wow!
Dino Zoff, Peter Schmeichel, Gigi Buffon oder ein Manuel Neuer verbindet eine Zahl: Sie standen mit 40 noch auf dem Platz. Sie dereinst auch?
Solange ich gut bin und der Mannschaft etwas geben kann, spiele ich weiter Fussball. Dieser Sport ist zeitlebens meine Leidenschaft. Solange ich das Mindset besitze, weiter an mir zu arbeiten, bleibe ich Goalie! Wie lange noch? Völlig offen.
Zurück zur Gegenwart. Sie werden im Brügge-Shirt zum 70. Mal in der Champions League auflaufen. Kein Schweizer kommt auf mehr Einsätze in der Königsklasse.
Diese europäische Bühne ist das Nonplusultra. Ich freue mich riesig mit dem Team, uns mit den europäischen Top-Klubs zu messen.
Geschichte sind Ihre Auftritte im SFV-Dress. Wie fällt das Fazit Ihrer ersten WM-Endrunde vor dem TV-Gerät seit über zwölf Jahren aus?
Ich habe mir nur die Spiele der Schweiz angeschaut und mich über die guten Auftritte gefreut. Schade, wie es gegen Argentinien gelaufen ist. Wenn die Rote Karte nicht kommt, dann hätten sie es packen können.