Nicht Besiktas. Nicht Galatasaray. Und auch nicht Fenerbahce führt die türkische Süper Lig an. Nein, aktuell steht Aufsteiger Amedspor ganz oben. Und der Höhenflug spricht durch Samuel Ballet (25) auch ein bisschen Berndeutsch. Blick erreicht den Schweizer in Dubai, wo er während der langen Nati-Pause ein paar freie Tage verbringt.
«Es fehlen mir gerade etwas die Worte, um zu erklären, was bei uns abgeht», erzählt Ballet. Die Fans seien völlig aus dem Häuschen, der Enthusiasmus kenne keine Grenzen. Das bekommen auch die Spieler hautnah zu spüren. Privatsphäre? Fehlanzeige. «Kaum verlasse ich mein Zuhause, werde ich überall angehalten», erzählt der ehemalige Winterthur-, YB- und FCZ-Profi.
«Will mir hier einen Namen machen»
13 Punkte aus sechs Spielen hat Amedspor bereits gesammelt. «Dabei haben wir schon gegen grosse Teams wie Basaksehir, Trabzon und Besiktas verdient gewonnen.» Dass das weit mehr ist, als vor der Saison zu erwarten war, versteht sich von selbst. Auch wenn Ballet seine Mannschaft aufgrund der getätigten Investitionen nicht als klassischen Aufsteiger bezeichnet.
Ballet ist einer von vielen Neuzugängen. Er wechselte von Absteiger Antalyaspor in den Osten der Türkei. Angebote aus Deutschland und Frankreich schlug er aus. «Ich wollte weiterhin in der Türkei bleiben. Hier kann ich die nächsten Schritte gehen. Mein Ziel ist es, mir hier einen Namen zu machen.»
Spezieller Hintergrund des Klubs
Dass seine Wahl schliesslich auf Amedspor fiel, hat auch mit einer Person zu tun. «Präsident Nahit Eren hat alles dafür gemacht, um mich zu verpflichten. Das hat Eindruck hinterlassen.» Die Fans hiessen ihn dann wie einen Superstar willkommen. Sein Auto war umzingelt, als er auf dem Vereinsgelände eintraf. Schon damals wurde Ballet klar, dass Amedspor kein gewöhnlicher Fussballklub ist. Die Community ist in den vergangenen Jahren auf über vier Millionen Fans gewachsen. «Inzwischen erhalte ich täglich etwa zehn Nachrichten von Amed-Fans aus der Schweiz und aus Deutschland.»
Das hat viel mit der besonderen Geschichte des Vereins zu tun. Amedspor gilt als sportliches Aushängeschild der kurdischen Minderheit in der Türkei. Die Geschichte des Klubs ist geprägt von Konflikten, Rassismus und Gewalt. Jahrzehntelang musste der Verein auf Anweisung der türkischen Regierung unter dem Namen Diyarbakir Belediyespor auftreten. Die Verwendung des kurdischen Namens Amed war nicht erlaubt. Erst seit 2014 nennt sich der Verein offiziell Amedspor. Darauf reagierte der türkische Fussballverband damals mit einer Busse.
«Musste noch nie was bezahlen»
Auch die gelb-rot-grünen Vereinsfarben sorgten immer wieder für Ärger. Sie werden mit den Farben der PKK, der kurdischen Arbeiterpartei, in Verbindung gebracht, die von der türkischen Regierung als «terroristisch» eingestuft wird. Bei Auswärtsspielen wurde Amedspor zudem wiederholt Ziel rassistischer Gesänge und gewalttätiger Angriffe.
Für die Anhänger ist der Klub deshalb längst mehr als eine Fussballmannschaft. Amedspor steht auch für ihre Identität und ihre Geschichte. Entsprechend stark werden die Spieler verehrt. «Ich habe in einem Restaurant oder in einem Café noch nie etwas bezahlen müssen. Obwohl ich die Leute noch nie gesehen habe. Sie sprechen viel mit uns. Wir sind ihr ganzer Stolz.»
Ballet weiss um den Stellenwert des Klubs für die kurdische Bevölkerung – und darum, wie viel Amedspor auch sportlich bewirken kann. «Man spürt schon jetzt, dass wir viel anders angesehen werden.» Ob der Höhenflug anhält? Offen. Ein türkisches Thun 2.0 ist zwar noch weit entfernt. Klar ist aber: Eine Qualifikation für Europa wäre schon jetzt ein riesiger Erfolg.
Schweiz oder Kamerun?
Der Erfolg mit Amedspor könnte auch Ballets persönliche Ambitionen befeuern. Für die Schweizer U18, U19 und U20 ist er bereits aufgelaufen, auf ein A-Nati-Aufgebot wartet er noch. Die Schweiz bleibt seine Priorität – ewig warten will er allerdings wohl kaum. Denn auch Kamerun bemüht sich um den Doppelbürger. «Der Verband bemüht sich sehr um mich. Es gab auch schon Gespräche mit Verbandspräsident Samuel Eto’o.»
Vorerst geniesst Ballet aber den Höhenflug mit Amedspor – und die verrückte Unterstützung der Fans. «Die türkischen Stadien sind ja generell sehr laut. Aber das hier ist noch einmal ein Niveau obendrauf. Nur die Klubs aus Istanbul können mithalten.» Ballet empfiehlt deshalb, sich selbst ein Bild zu machen. «Oder einfach mal ein Heimspiel von uns im TV zu schauen.»