Fan zeichnet ganzen Ronaldo-Vorfall auf
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Das passierte vor dem Schlag:Fan zeichnet ganzen Ronaldo-Vorfall auf

Pakt mit den Mächtigen
Keine Sperre an WM – wie Cristiano Ronaldo seine Seele verkaufte

Cristiano Ronaldo ist die grösste Marke im Weltfussball. Keiner hat mehr Follower, keiner verdient mehr. Dafür hat CR7 seine Seele verkauft und ist den Pakt mit den Mächtigen eingegangen. Der Lohn: Er darf trotz Roter Karte gegen Irland an der WM von Beginn an spielen.
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Cristiano Ronaldo 2015 an der Wahl zum Weltfussballer des Jahres mit Fifa-Präsident Gianni Infantino.
Foto: foto-net / Kurt Schorrer
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Christian FinkbeinerStv. Fussballchef

Ein paar Hundert Meter ausserhalb des Stadtzentrums von Funchal, mit Blick auf die Marina, steht sie. 3,40 m gross, 800 Kilo schwer, von Bildhauer Ricardo Veloza geschaffen: die Statue von Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro (40). Am 5. Februar 1985 geboren, als jüngstes von vier Geschwistern. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, sein Vater, alkoholabhängig, starb, als Ronaldo 20 war.

Sein Name, seine Marke und sein Konterfei sind auf Madeira omnipräsent. Es gibt einen CR7-Square, CR7-Boutiquen und ein CR7-Museum. Sogar der Flughafen ist nach dem berühmtesten Sohn der vor der Küste Nordafrikas im Atlantik gelegenen Blumeninsel benannt. Und es gibt diese Statue. Sie steht symbolisch für das Lebenswerk des Portugiesen, der mit zwölf Madeira verliess und dem einfachen Leben der Insulaner längst entschwebt ist. Ronaldo in Übergrösse.

Der Fussball hat ihn zu einem der einflussreichsten Menschen des Planeten gemacht. Auch wenn er sportlich nicht mehr zu den absolut Besten gehört, mit seiner Professionalität und Athletik hat er neue Massstäbe gesetzt. Seine Erfolge, Rekorde und fast 1000 Tore machen ihn zu einem der Grössten der Geschichte. Meister in England, Spanien und Italien, fünf Champions-League-Siege mit Manchester United und Real Madrid, fünfmal Weltfussballer des Jahres.

Den wichtigsten Titel seiner Karriere gewann er aber 2016 mit seinem Heimatland. Im EM-Final gegen Frankreich avancierte er zum tragischen Helden, als er früh verletzt ausgewechselt werden musste und er danach seine Teamkollegen humpelnd an der Seitenlinie neben Trainer Fernando Santos zum Titel coachte. 143 Tore hat er in 226 Länderspielen erzielt. Eine unfassbare Marke. Und womöglich ein Rekord für die Ewigkeit.

Auch unter den Fussball-Stars ist Ronaldo längst in einer eigenen Sphäre. Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes war er 2025 mit einem Jahressalär von 275 Millionen Dollar der bestverdienende Sportler der Welt. Er erzielt Einnahmen durch lebenslange Verträge (unter anderem mit Nike) und mit seinen CR7-Markenprodukten. Sein Business-Portfolio umfasst zudem Beteiligungen an Immobilien, Hotels, Clubs, Haar-Kliniken und Restaurants.

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Botschafter Saudi-Arabiens und der Fifa

Den Löwenanteil seines Einkommens erhält er aber von seinem Verein Al-Nassr, dessen Mehrheitsbesitzer der saudische Staatsfonds PIF (Public Investment Fund) ist. Ende 2022 war Ronaldo dem Werben der Scheichs und den Petro-Dollars erlegen und für ein Jahressalär von 200 Millionen Euro nach Saudi-Arabien gewechselt – für zweieinhalb Jahre, wobei ein Teil des Salärs auch seine Rolle als Botschafter für die saudische WM-Bewerbung entlohnen sollte. Als Vorreiter einer Reihe weiterer Stars der europäischen Top-Ligen und als Speerspitze des saudischen Sportswashings. Der Vertrag wurde in diesem Sommer um zwei Jahre verlängert – laut der englischen «Sun» für wahnwitzige 541 Millionen Franken, inklusive 16 Mitarbeitern, die für den Superstar arbeiten: drei Fahrer, vier Haushaltskräfte, zwei Köche, drei Gärtner und vier Sicherheitskräfte.

Finanziell hat sich für CR7 der Pakt mit den Mächtigen gelohnt, da ist auch verkraftbar, dass der Liga-Boom wieder abgeflacht ist. Mehrere Stars kehrten zwar mit vollem Portemonnaie, aber sportlich desillusioniert zurück – Ronaldo blieb, zu lukrativ ist das Ganze, schliesslich wird dem Superstar jeder Wunsch erfüllt. Obwohl es in Saudi-Arabien für nicht-verheiratete Paare gesetzlich verboten ist, zusammenzuleben, wurde für den Superstar und seine Freundin Georgina eine Ausnahme gemacht.

Auch für die Saudis ging die Rechnung auf, findet die WM 2034 doch im Wüstenstaat statt, nur zwölf Jahre nach Katar – dank heftiger Unterstützung der Fifa und ihres Präsidenten Gianni Infantino, die mit einigen Winkelzügen den Saudis den roten Teppich ausrollten. Der Payback für den Weltverband ist gross. DAZN kaufte für eine Milliarde Dollar die TV-Rechte für die Klub-WM, worauf der saudische Staatsfonds PIF eine Minderheitsbeteiligung an DAZN kaufte ... für eine Milliarde Dollar.

Mit der saudischen Öl- und Gasfirma Aramco schloss die Fifa einen mehrjährigen Sponsorenvertrag ab, vor wenigen Tagen gab der Weltverband bekannt, dass der Saudi Fund for Development Kredite in Höhe von einer Milliarde für den Bau oder die Modernisierung von Stadien weltweit zur Verfügung stellt. Saudi-Arabien muss allerdings noch warten, bis ihm die grosse Fussball-Bühne gehört. Dann, an der WM 2034, wird auch Ronaldo nicht mehr spielen, das hat sogar er – der scheinbar ewig Spielende – verlauten lassen.

Die WM in Nordamerika im nächsten Sommer wird seine letzte sein. Und auch hierfür wird CR7 von den Mächtigen kräftig eingespannt. Am 18. November stattete er mit seiner Freundin dem Weissen Haus in Washington einen Besuch ab. Beim Staatsbankett von US-Präsident Donald Trump für den saudischen Kronprinzen und Premierminister Mohammed bin Salman nahm auch Ronaldo seinen Platz ein und teilte dies per Selfie mit seiner weltweiten Anhängerschaft. Laut der Nachrichtenagentur DPA hat er 2024 in den sozialen Netzwerken die Marke von einer Milliarde Followern geknackt. Auf dem Foto ebenfalls mit dabei: Elon Musk – und selbstverständlich darf auch Infantino nicht fehlen. 

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Sperre auf Bewährung – ein Hohn

Ein paar Tage zuvor sah man Ronaldo weniger strahlen. Bei der 0:2-Niederlage Portugals in der WM-Qualifikation in Dublin gegen Irland fliegt CR7 vom Platz. Nach einem Ellbogenschlag gegen seinen Gegenspieler sieht er Rot. Zum ersten Mal in seinem 226. Länderspiel. Mit dem Strafmass lässt sich die Fifa allerdings Zeit, auch wenn das Reglement eigentlich keinen Interpretationsspielraum offenlässt: «Für mindestens drei Spiele oder einen angemessenen Zeitraum wegen Aggression, einschliesslich Ellbogenschlägen, Schlägen, Tritten, Bissen, Spucken oder Schlagen eines Gegners oder einer anderen Person als einem Spieloffiziellen», heisst es in den Regularien.

Wenig überraschend geht die Fifa mit ihrem neben Lionel Messi wichtigsten Botschafter aber weniger hart ins Gericht. Sie nutzt ein Schlupfloch des Reglements und sperrt Ronaldo faktisch nur für ein Spiel. «Gemäss Artikel 27 des Disziplinarreglements wurde die Sperre für die beiden verbleibenden Spiele unter einer einjährigen Bewährungsfrist ausgesetzt», schreibt der Weltverband auf Anfrage von Blick. «Sollte Cristiano Ronaldo während der Bewährungsfrist einen weiteren Verstoss ähnlicher Art und Schwere begehen, gilt die in der Disziplinarentscheidung festgelegte Sperre als automatisch aufgehoben und die verbleibenden zwei Spiele müssen sofort bei den nächsten offiziellen Spielen abgesessen werden.»

Ein WM-Auftakt ohne Ronaldo? Für die Fifa, ihre mächtigen Geldgeber und vor allem ihren Präsidenten Gianni Infantino (55) unvorstellbar. Schliesslich hatte der Walliser bei der auf 32 Teams aufgeblähten Klub-WM in diesem Sommer auch dafür gesorgt, dass mit Lionel Messi zumindest einer der beiden globalen Superstars teilnimmt, als er den Startplatz der MLS kurzfristig dem Qualifikationssieger Inter Miami und nicht dem späteren Meister L.A. Galaxy zusprach.

Auf die Frage, warum Ronaldo begnadigt worden ist, geht die Fifa nicht ein. Unter vorgehaltener Hand heisst es, weil er sich zuvor in einem Länderspiel nie etwas zu Schulden kommen lassen habe. Sie betont aber: «Die Disziplinarkommission ist völlig unabhängig und trifft ihre Entscheide auf der Grundlage des Disziplinarreglements unter Berücksichtigung der Besonderheiten jedes Einzelfalls.» Die Verflechtungen der Fifa mit Saudi-Arabien, Ronaldos Besuch im Weissen Haus, die gewährte Amnestie - alles nur Zufall? Ein Schelm, wer Böses denkt.

Ein Nachteil für Portugal?

Ronaldo ist im WM-Startspiel spielberechtigt, sofern er sich in den Testspielen vor der WM nichts zu Schulden kommen lässt. Der Pakt mit den Mächtigen hat sich für einmal auch sportlich ausbezahlt. Noch einmal kann Ronaldo also Anlauf nehmen, um an seiner sechsten WM den grössten Titel im Weltfussball doch noch zu gewinnen. Denn im Gegensatz zu Lionel Messi, zeitlebens seine Nemesis, ist ihm der grosse Wurf an Weltmeisterschaften bisher verwehrt geblieben.

Nicht wenige glauben allerdings, dass Portugal stärker wäre ohne seine Überfigur. Ohne Ronaldo tütete Portugal mit einem 9:1 gegen Armenien das WM-Ticket ohne Probleme ein. Es war der höchste Sieg seit dem 9:0 vor gut zwei Jahren gegen Luxemburg, dem höchsten Sieg in der Verbandsgeschichte. Auch damals nicht dabei: Cristiano Ronaldo.

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