Darum gehts
Bis zuletzt kämpft Union Berlin am vergangenen Freitag gegen die Niederlage, die Hoffnung im Stadion ist mindestens so gross wie die Stimmung in der Alten Försterei. Mauro Lustrinelli dirigiert seine Mannschaft an der Seitenlinie, doch am Ende verliert man 1:3 gegen Aufsteiger Schalke 04. Es ist das dritte Spiel der Saison ohne Sieg zum Saisonstart für die Unioner. Trainer Lustrinelli macht sich noch bis in die Nacht Gedanken über dieses Spiel, geschlafen hat er kaum, wie er am nächsten Tag verrät. Trotzdem trifft er Blick zum Interview im Zentrum der deutschen Hauptstadt und spricht über seine ersten Wochen in Berlin, wie schwer ihm der Abschied in Thun gefallen ist und erhält den FORZA!-Award für den Trainer des Jahres 2025/26.
Mauro Lustrinelli, ist der Job in der Bundesliga ein Traum, der für Sie in Erfüllung geht?
Mauro Lustrinelli: Mein Sohn hat mich angerufen und gesagt: «Papi, du bist wirklich Trainer eines Bundesligisten, ich habe fast geweint.» Für mich ist es ein weiterer Schritt in meiner Karriere, kein Traum. Ich sehe es als Privileg an, einer von 18 Bundesliga-Trainern zu sein, aber ich habe auch sehr hart und viel dafür gearbeitet. Träumen tue ich noch von anderen Dingen.
Vom Berner Oberland in die Vier-Millionen-Stadt. Wie gefällt es Ihnen in Berlin?
Es ist definitiv ganz anders als Thun (lacht). Die Stadt ist riesig, es gibt so viel zu sehen, so viele schöne Plätze. Es ist eine Stadt mit einer grossen Bedeutung und Geschichte, das fasziniert mich.
Haben Sie die Familie mitgenommen?
Nein, meine Frau und die beiden Jungs sind in der Schweiz geblieben. Im Alter von 17 und 19 befinden sie sich mitten in der Ausbildung, können nicht einfach umziehen. Ich bin hier wirklich komplett raus aus meiner Komfortzone und gleichzeitig ist es eine Herausforderung, die mich begeistert. Ich brauche diese Herausforderungen, um mich als Trainer und Mensch weiterzuentwickeln. Ich mag keine Monotonie.
Haben Sie die Berliner Schnauze kennengelernt? In der Hauptstadt ist man bekannt dafür, sehr direkt zu sein, was auch mal als unfreundlich empfunden wird.
Das kann ich so gar nicht bestätigen. Egal, wo ich hingehe, ist man sehr freundlich. Beim Berliner Dialekt verstehe ich aber nach so kurzer Zeit noch nicht jedes Wort, ich hoffe, man verzeiht mir das (lacht).
Haben Sie verstanden, wieso Sie am Freitag von den TV-Moderatoren von Sky mit einer Pizza Hawaii in Empfang genommen wurden? Eine kuriose Szene.
Die haben echt lustige Typen bei den TV-Stationen hier. Die Spieler hatten im Trainingslager mal unter anderem Pizza Hawaii bestellt und da habe ich natürlich gesagt, dass so etwas nicht in Ordnung ist. Ananas auf der Pizza – das geht doch nicht!
Sie hatten unterschiedliche Interessenten. Warum haben Sie sich für Union entschieden?
Es hat vor allem menschlich sehr schnell und sehr gut gepasst mit Präsident Dirk Zingler und Sportchef Horst Heldt. Es geht darum, hier gemeinsam ein neues Projekt aufzubauen, einen neuen Fussball zu integrieren. Diese Herausforderung hat mich sehr gereizt.
Dieser Klub ist aber auch etwas Spezielles innerhalb der Bundesliga.
Ich wohne im Stadtteil Köpenick, unweit des Stadions an der Alten Försterei. Ich erlebe jeden Tag, wie speziell dieser Verein ist und wie sehr er mit diesem Bezirk verbunden ist.
Erzählen Sie.
Eisern Union ist viel mehr als nur ein Motto des Vereins. Es zeigt den Bezug zur Identität und Geschichte als stolzer Arbeiterverein. Wenn ich durch Köpenick laufe und die Leute mich erkennen, grüssen wir uns gegenseitig mit «Eisern». Als Zeichen, dass wir beide zur gleichen grossen Familie gehören. Ich habe so etwas zuvor noch nie erlebt.
Mit Urs Fischer gibt es grosse Schweizer Trainer-Fussstapfen bei Union, der eine sehr erfolgreiche Zeit geprägt hat. Wie oft werden Sie mit ihm verglichen?
Urs hat etwas Fantastisches gemacht und ist eine Legende bei Union. Natürlich wird jeder Trainer an ihm gemessen, das ist normal. Aber es sind inhaltlich ganz unterschiedliche Projekte und ein unterschiedlicher Fussball.
Union ist eigentlich erst Ihre zweite Station als Klubtrainer. Welche Unterschiede haben Sie ausgemacht?
Rundherum ist alles grösser, es hat mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber meine Arbeit bleibt die gleiche. Am Schluss geht es darum, ein Team aufzubauen, das Fussballspiele gewinnt.
Bis jetzt läuft es aber noch nicht wie gewünscht. Drei Bundesliga-Spiele, ein Remis, zwei Niederlagen. Besonders in der Defensive ist man noch gar nicht stabil.
Wir bekommen schon seit der Vorbereitung zu viele Gegentore, und es ist klar, dass es so schwierig ist, Spiele zu gewinnen. Teamspirit, Mentalität und defensive Stabilität sind das Gerüst, an dem wir aktuell intensiv arbeiten – und es gibt auch diverse Dinge, die wir schon sehr gut machen.
Wie gehen Sie persönlich damit um, nachdem Sie in der letzten Saison sehr erfolgsverwöhnt waren mit dem FC Thun?
Ich halte mich da an ein Zitat von Nelson Mandela. Entweder gewinnt man oder man lernt etwas. Wenn man verliert, geht es nur darum, wie schnell und wie gut man wieder aufsteht. Das fängt bei mir an, um Ideen und gute Energie einzubringen, die den Spielern helfen.
Wie schaffen Sie es, dass Sie nicht an Ihrer Spielidee zu zweifeln beginnen oder Kompromisse zulassen, wenn es noch nicht wie gewünscht funktioniert?
Wir haben gemeinsam einen Weg eingeschlagen, den wir mit Union gehen möchten. Ich glaube an diesen Weg und die Idee, doch wir brauchen Erfolgsmomente. Ohne Siege leidet die Glaubwürdigkeit. Die Spieler zu etwas zwingen, ist nicht nachhaltig. Sie müssen den Fussball, den wir spielen wollen, ebenfalls verinnerlichen und daran glauben, dass es funktioniert. Das ist ein Prozess. Ich bin überzeugt, dass der Ketchup-Effekt kommen wird.
Wie hilft Ihnen da die Erfahrung bei Thun?
Sehr. Ich sehe viele Parallelen. Beim FC Thun funktionierte in der ersten Saison auch nicht alles von Beginn an. Auch dort war es ein Prozess, viel gemeinsame Arbeit und viele Gespräche. Es gab auch Spieler aus dem Meisterteam, die ehrliche Zweifel an meiner Spielidee hatten und nicht alles verstanden haben, als sie gekommen sind. Heute lachen wir darüber.
Sie arbeiten gerne mit Metaphern. In Thun gab es den Löwen, der auch zum Symbol für die Mannschaft wurde. Welche haben Sie bei Union?
Eine Mauer. Die Unioner Mauer. Ich muss zugeben, aktuell ist diese noch nicht so stabil. Aber auch der Thuner Löwe war mal eine Katze (lacht). Wir brauchen Zeit.
Geduld und Zeit gibt es im Fussball aber so gut wie nicht. Stehen Sie nach drei Ligaspielen bereits unter Druck?
Es ist wie in jeder Beziehung. Es geht um Vertrauen. Ich spüre das Vertrauen vom Klub in den gemeinsamen Weg, in dieses Projekt und darin, dass ich gut mit der Mannschaft arbeite.
Jetzt geht es am Freitag nach München zu den Bayern. Kein guter Zeitpunkt, wenn man auf der Suche nach Erfolgsmomenten ist.
Wieso? Es gibt doch nichts Geileres, als gegen einen Mitfavoriten in der Champions League zu spielen. Es ist eines der besten Teams der Welt, das uns alles abverlangen wird. Wir werden 80 Prozent des Spiels ohne Ball sein, das heisst, wir müssen viel laufen und leiden.
Hatten Sie eigentlich mal Zeit abzuschalten nach der emotionalen Meistersaison?
Nicht wirklich. So richtig darüber nachzudenken und sacken zu lassen, was wir eigentlich alles erreicht haben in der abgelaufenen Saison, konnte ich nie.
Finden Sie das nicht schade?
So ist es halt. Im Fussball hat man nie Zeit, um sich auf dem Erfolg auszuruhen. Es geht immer weiter. Zudem ist es auch im Leben so: Was vorbei ist, ist vorbei. Wenn ich pensioniert bin, habe ich dann Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen. Aber wissen Sie, was das Schöne ist?
Was?
Wir haben die Meistersaison in Thun als Team wirklich bewusst genossen. Wir haben noch so kleine Erfolge nicht als selbstverständlich erachtet, sondern immer wieder gemeinsam gefeiert. Und glauben Sie mir, wir haben viel und gut gefeiert (lacht).
Wie schwierig war der Abschied?
Es war sehr schwer, Tschüss zu sagen. Es ist Wahnsinn, was wir gemeinsam erlebt und erreicht haben in Thun. Ich werde für den Rest meines Lebens eine enge Verbindung zu vielen Menschen aus dieser Zeit haben.
Wie verfolgen Sie den grossen Umbruch bei Ihrem Ex-Klub?
Wir wussten alle, dass dieser Umbruch kommen wird und diverse Spieler gehen werden. Sie erleben eine ähnliche Situation, ein neues Kapitel wie ich hier. Ich schaue gespannt auf Thun und wie sie das meistern werden. Ich kriege Informationen aus erster Hand, meine Familie hat immer noch Saisonkarten.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | SC Freiburg | 3 | 9 | 9 | |
2 | Borussia Dortmund | 3 | 6 | 9 | |
3 | FC Augsburg | 3 | 6 | 7 | |
4 | Bayern München | 3 | 5 | 7 | |
5 | RB Leipzig | 3 | 6 | 6 | |
6 | SV 07 Elversberg | 3 | 1 | 6 | |
7 | Bayer Leverkusen | 3 | 3 | 4 | |
8 | FSV Mainz | 3 | 3 | 4 | |
9 | Eintracht Frankfurt | 3 | -1 | 4 | |
10 | Werder Bremen | 3 | -1 | 4 | |
11 | Schalke 04 | 3 | -1 | 4 | |
12 | 1. FC Köln | 3 | -2 | 4 | |
13 | TSG Hoffenheim | 3 | -1 | 3 | |
14 | VfB Stuttgart | 3 | -2 | 3 | |
15 | SC Paderborn 07 | 3 | -4 | 1 | |
16 | Union Berlin | 3 | -6 | 1 | |
17 | Borussia Mönchengladbach | 3 | -9 | 0 | |
18 | Hamburger SV | 3 | -12 | 0 |



