«Hoffen ist hoffnungslos!»
Mainz-Coach Fischer über Klopp und eine unverschämte Offerte

Seine Prinzipien kommen an, seine Handschrift wird in der Bundesliga von Experten hoch geschätzt: Urs Fischer ist ein Teamfänger und bringt nach seiner Zeit in Berlin auch die Fussballer in Mainz auf Kurs. Mit Blick spricht der Zürcher über seine Linienwahl und seinen Status in Deutschland.
Kommentieren
Urs Fischer ist seit Dezember 2025 Trainer in Mainz.
Foto: imago/Martin Hoffmann

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft

Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.

Schoch&Raz07.jpg
Sven SchochReporter Sport

Blick: Urs Fischer, Jürgen Klopp hat im Rahmen seines Dienstantritts diverse Branchenkollegen der Bundesliga getroffen – auch seinem Ex-Verein Mainz stattete der neue DFB-Hoffnungsträger einen Besuch ab. Wie war das Gespräch mit ihm?

Urs Fischer: Gut, sehr gut, angenehm wars. Wir haben uns bereits in Berlin mal gesehen, da arbeitete Jürgen noch als Klub-Coach. Jetzt kam er in seiner Funktion als Nationaltrainer vorbei. Er kennt sich in Mainz ja aus (lacht). Wir haben uns eine gute Stunde Zeit genommen, um über Fussball und andere Dinge zu reden. Es hat mir Spass gemacht.

Fachleute unter sich ...

Klar geht es bei einem solchen Treffen um fachliche Aspekte. Irgendwann landet man dann automatisch bei Themen über Gott und die Welt, bei Meinungen. Wenn ein derart erfolgreicher Mann wie Klopp eine Situation etwas genauer umschreibt, hört man sicherlich aufmerksam zu. Und ich bin jemand, der immer etwas mitnimmt aus solchen Unterhaltungen.

1/11
In der Bundesliga hoch geschätzt: Urs Fischer.
Foto: Revierfoto

Würden Sie gerne mit ihm tauschen?

Oh, jetzt aber. Sie bekommen von mir die gleiche Antwort wie immer: Ich sehe mich nicht als Nationaltrainer. Aber du sollst niemals nie sagen. Ich hatte in der Vergangenheit wohl vereinzelt nicht die passende Antwort gegeben. Deshalb passt es so als Antwort besser.

Auf seiner Mütze steht: einer von 83 Millionen. Damit ist bereits alles über die Verteilung der Last gesagt.

Jürgen ist kein unerfahrener Trainer. Er weiss, wie er mit dieser Aufgabe umgehen muss. Und jetzt muss man ihn arbeiten lassen. Er hat eben erst den ersten Zusammenzug, die ersten zwei Wochen hinter sich.

Sie sind mit den Mechanismen in Deutschland vertraut. Es wird einmal geschnipst, und die Schonfrist ist zu Ende.

Man sollte immer sofort liefern, egal wo. Auch in der Schweiz muss man. Da gab es doch auch Entlassungen, bei GC, in Basel, oder? Man muss immer grad – aber es ist eben nicht so einfach, immer grad zu müssen. Es geht nicht immer auf Knopfdruck alles auf.

Sportvorstand Christian Heidel hat sehr bewusst auf Ihr Profil gesetzt, als Mainz im Dezember am Abgrund wankte: «Urs führt die Gruppe als Häuptling, er hat hier die Fäden in der Hand, niemand redet ihm rein.»

Es braucht tatsächlich einen Freiraum, um Entscheide fällen zu können. Am Ende muss ja auch ich mit den Konsequenzen leben. Ich würde sagen, dass ich eigentlich ein angenehmer Häuptling bin. Es ist so, dass man in gewissen Situationen Häuptling sein muss.

In Mainz sind die Wege wie bei Ihrem langjährigen Ex-Arbeitgeber Union Berlin kurz – zwischen Präsidium, Sportchef und Coach.

Das sehen Sie richtig.

Sind solche Konstellationen für Sie unverhandelbar?

Entscheidend sind nicht Bedingungen, sondern mein Gefühl. Es ist vor meiner Unterschrift hier durch Gespräche entstanden, durch das Kennenlernen der Menschen. In mehr oder weniger stressigen Situationen bewahrheiten sich die ersten Eindrücke – oder eben nicht. Getäuscht habe ich mich selten, mein Bauchgefühl stimmt meistens. Wie bei Union und jetzt in Mainz.

Auf einer klassischen Transfer-Drehscheibe würden Sie kaum arbeiten wollen? Oder täuscht der Eindruck?

Ich traue mir zu, überall arbeiten zu können. Der Klub muss eine Philosophie haben. In Mainz gibt es eine, bei Union, bei Bayern. Der Coach sollte diesen roten Faden natürlich berücksichtigen. Aber am Ende geht es um die Tabelle!

Für was steht denn Mainz?

Es gibt eine gesunde Mischung zwischen Demut, Bodenständigkeit und Bewegung. Wir sollten hier junge Spieler entwickeln, die interessant sein können für andere Vereine. Sie sind das Kapital des Vereins. Bei uns ging es im letzten halben Jahr hingegen primär ums Überleben. Der Druck war riesig, Woche für Woche, bis es geschafft war. Es kostete Energie, Nerven, alles. Die Erleichterung war in den Gesichtern ablesbar, das macht etwas mit dir.

Sie haben innerhalb von wenigen Wochen beim ehemals Letzten der Liga für klare Verhältnisse gesorgt. Wie funktioniert das Prinzip Fischer?

Jeder Coach hat Prinzipien, nach denen er lebt und versucht, sein Team einzuschwören. Ich beispielsweise will defensiv und offensiv Kompaktheit sehen. Das beruht auf gewissen Erfahrungswerten, die sich im einen oder anderen Fall bewährt haben. Und zu Beginn meiner Zeit in Mainz sagte ich mir: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Oder anders gesagt: Es ist nicht zielführend, ein Team mit Informationen zuzuschütten.

Nach welchem Rezept verteilen Sie die Rollen?

Es ist doch überall so, dass es eine Rollenverteilung gibt. Anders geht es gar nicht. Zu behaupten, es gebe nur das eine Rezept, würde ich mir nie anmassen. Die Teams unterscheiden und verändern sich durch Transfers.

TV-Experte Didi Hamann hat im Blick über Sie gesagt: «Ihm gelingt, die Menschen hinter sich zu bringen, sie zu führen. Er holt das Beste aus den Spielern heraus, ihm vertrauen sie. Ich würde Urs gerne mal bei einem Top-Verein sehen.»

Es freut mich, das so zu hören. Schön! Es ist natürlich eine Bestätigung für einen selber. Ich weiss, dass die Arbeit nicht immer gleich gut gelingt. Die Verbindung zur Mannschaft ist wichtig, man muss sie erreichen, sie muss mir vertrauen – wie Didi beobachtet hat. Für mich sind das entscheidende Punkte. Ich rede immer davon, authentisch, greifbar zu sein, so schafft man auch Vertrauen.

Sie haben lange pausiert vor dem Einstieg in Mainz. Fliessen vereinzelt Gedankengänge jener Auszeit in Ihre aktuelle Arbeit mit ein?

Ich habe mich zusammen mit meinem langjährigen Co-Trainer und Wegbegleiter (Markus Hoffmann) damit auseinandergesetzt, was schiefgelaufen ist. Das Reflektieren ist ein wichtiger Ansatz. Wenn man dazu noch Zeit hat, gelingt es umso besser. Es tut gut, mal in den Spiegel zu schauen: Haben wir es richtig gemacht, haben wir es mit der gleichen Konsequenz gemacht? Fehlerfrei ist niemand. Sich einen Fehler einzugestehen, kann hilfreich sein. Entsprechend vorbereitet waren wir für die neue Aufgabe, weil die Vergangenheit aufgearbeitet worden ist.

Die nahezu perfekte Rückrunde war ein Beleg für Ihre volle Batterie und Ihre grosse Lust, in der Bundesliga weitere Spuren zu hinterlassen.

Wichtig war einzig, dass wir es geschafft haben. Wir haben ein halbes Jahr lang alles investiert. Ich sage ganz bewusst wir! Es brauchte die Co-Trainer, die Athletik-Trainer, das Funktionsteam, die gesamte Geschäftsstelle, um da zu sein, wo wir jetzt stehen. Zu viel wird auf den Chef-Coach und die Spieler reduziert. Dabei ist das Teamwork wegweisend. Die Platzwarte haben alles dafür gemacht, dass wir optimal trainieren konnten. Viele Menschen rund um den Klub sorgten mit gigantischem Einsatz dafür, dass alles funktioniert. Deshalb haben wir uns diese tolle Rückrunde verdient.

Was liegt in den kommenden Monaten drin in der Bundesliga? Was erhoffen Sie sich?

Hoffen ist hoffnungslos! Eine Basis ist vorhanden. Dabei sollten wir bleiben. Arbeiten, arbeiten, arbeiten und bei der Basis bleiben. Diese Grundlagen jedes Weekend perfekt abzurufen, ist die Aufgabe der Jungs. Wenn die Basics erledigt werden, gibt es womöglich etwas Spielraum für mehr.

Wie gross war Ihr Aufatmen, als Schlüsselspieler Nadiem Amiri spät im Sommer sein Commitment zum FSV veröffentlichte?

Es gab ja auch noch zwei andere, die geblieben sind: Paul Nebel und Kaishu Sano. Das ist ein wichtiges Zeichen. Amiri hat sich deutlich geäussert, bei Paul kam noch eine Verletzung dazu. Kaishu hat sich am Ende ebenfalls zu Mainz bekannt.

Im Fall von Kaishu Sano hat Mainz am Deadline-Tag eine 30-Millionen-Offerte von Crystal Palace abgelehnt.

Man kann doch nicht auf den letzten Drücker ankommen und meinen, den Spieler mit einer solchen Hauruck-Aktion noch wegkaufen zu können! Die Leute hatten monatelang Zeit, diesen Transfer vorzubereiten. Da frage ich mich schon, auf was sie denn gewartet haben. Glaubten sie ernsthaft, Mainz würde diesen Spieler so spät freigeben? Es spricht für die Haltung unseres Klubs. Man muss sich nicht alles gefallen lassen.

Mit Mauro Lustrinelli hat im Sommer bei Ihrem Ex-Klub Union ein neuer Schweizer Trainerkollege Bundesliga-Terrain betreten. Ein Wort zu Ihrem Ex-Assistenten?

An die Zeit bei mir im Trainerstab in Thun mag ich mich natürlich erinnern. Er machte damals seine ersten Gehversuche. Nach einer aussergewöhnlichen Saison im Berner Oberland hat Mauro sich diesen Schritt nach Deutschland erarbeitet. Mehr kann ich nicht sagen, ich kenne seine Herangehensweise nicht im Detail.

Schweizer Coaches sind in der Bundesliga ein rares Gut. Nur wenige haben sich so viel Kreditwürdigkeit erarbeitet wie Sie.

Geschenkt bekommt man nichts. Jeder muss hier permanent ans Limit gehen, um punkten zu können. Man muss wach bleiben, um den hart erarbeiteten Kredit nicht rasch zu verspielen. Mach mehr, wenn es läuft. Mach weniger, wenn es nicht läuft. In guten Phasen kann sich das Gefühl einschleichen, etwas zurücklehnen zu dürfen. Wobei: Ausruhen geht in der Bundesliga nicht!

Silvan Widmer kann aktuell verletzungsbedingt nicht ans Limit gehen. Wie schaut Ihr Plan mit ihm aus? Welche Rolle ist für ihn angedacht?

Er ist auf dem Weg zurück und sollte ab nächster Woche wieder voll einsteigen können. Seine Rolle? Er ist mein Captain. Er ist der Anführer der Jungs. Er strahlt eine Ruhe aus, die in Stresssituationen hilft. Er studiert, bevor er etwas sagt, er ist nicht impulsiv, kann allerdings auch energisch sein.

Noch näher dran an deinem Klub

Nutze das Feature «Follow My Team» für Fussball- und Eishockey-Fans. Folge deinem Lieblingsverein ganz egal ob Super League oder National League – oder etwa auch bei den Nationalteams und in den internationalen Top-Ligen. So erhältst du personalisierte Inhalte, jedes Spiel live aufs Handy und verpasst keine Story mehr. Jetzt followen!

Nutze das Feature «Follow My Team» für Fussball- und Eishockey-Fans. Folge deinem Lieblingsverein ganz egal ob Super League oder National League – oder etwa auch bei den Nationalteams und in den internationalen Top-Ligen. So erhältst du personalisierte Inhalte, jedes Spiel live aufs Handy und verpasst keine Story mehr. Jetzt followen!

Bundesliga 2026/27
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Borussia Dortmund
Borussia Dortmund
4
7
12
2
Bayern München
Bayern München
4
12
10
3
SC Freiburg
SC Freiburg
4
9
10
4
FC Augsburg
FC Augsburg
4
5
7
5
Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen
4
5
7
6
FSV Mainz
FSV Mainz
4
4
7
7
SV 07 Elversberg
SV 07 Elversberg
4
1
7
8
Werder Bremen
Werder Bremen
4
0
7
9
RB Leipzig
RB Leipzig
4
4
6
10
Eintracht Frankfurt
Eintracht Frankfurt
4
-1
5
11
Schalke 04
Schalke 04
4
-1
5
12
SC Paderborn 07
SC Paderborn 07
4
-2
4
13
1. FC Köln
1. FC Köln
4
-3
4
14
TSG Hoffenheim
TSG Hoffenheim
4
-3
3
15
VfB Stuttgart
VfB Stuttgart
4
-3
3
16
Hamburger SV
Hamburger SV
4
-11
3
17
Union Berlin
Union Berlin
4
-13
1
18
Borussia Mönchengladbach
Borussia Mönchengladbach
4
-10
0
Champions League
UEFA Europa League
Conference League Qualifikation
Relegation Play-Offs
Abstieg
Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen