Es ist drei Uhr nachmittags, noch fünf Stunden bis zum Anpfiff. Auf dem Parkplatz vor dem Estadio Caliente in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana steigt Rauch auf. Männer schieben Holzkohle unter Roste, Frauen rühren Guacamole, eine Mariachi-Band beginnt zu spielen. Es riecht nach Mais, Grillfleisch, Fisch und scharfer Salsa. Kinder rennen zwischen geparkten Pick-ups hindurch, auf einem kleinen Kunstrasenplatz treten sie einen Fussball.
Männer in roten Trikots halten Bierdosen in der Hand. Auf den meisten Nummernschildern steht: California.
Amerika in Mexiko.
Ein gedrungener Mann steht am Heck eines roten Pick-up-Trucks. Er stellt sich als Fausto Vargas vor, ist 45 Jahre alt, trägt ein rotes Trikot der Xolos und eine Baseballmütze. Vargas lebt in San Diego, arbeitet auf dem Bau, kam in Tijuana zur Welt und wuchs dort auf. Wie zwei seiner Cousins, die gerade auf dem Weg von San Diego zum Stadion seien.
Seit Jahren treffen sie sich vor den Spielen des Klubs Tijuana Xoloitzcuintles de Caliente, den hier alle «die Xolos» nennen. «Gewinnen wir, geht die Party bis in die Morgenstunden», sagt Vargas. «Verlieren wir, ist um elf Schluss.» Die Party hat vor Stunden begonnen; die Art des Feierns nennt sich Tailgating. Es ist eine amerikanische Tradition, entstanden vor den Football-Stadien: offener Kofferraum, Grill, Kühlbox, laute Musik. In Tijuana ist daraus eine mexikanische Form geworden. Statt Hotdogs gibt es Carne Asada, statt College-Football mexikanischen Fussball, statt Marching Bands trompeten die Mariachi.
2011 hätten die ersten Fans ihre Grills mitgebracht, erzählt Vargas, damals, als die Xolos in die oberste mexikanische Liga aufstiegen. Daraus sei eine eigene Kultur geworden: importiert aus dem Norden, umgebaut im Süden. Wie kaum ein anderer Klub in Mexiko haben die Xolos das Tailgating zu ihrer Fankultur gemacht: mit Grills, Zelten, Lautsprechern, Frauen, Männern, Kindern und ihren Grosseltern. Manche kommen aus Tijuana, viele aus Kalifornien. Einige aus Las Vegas und sogar aus Phoenix in Arizona. Sie kommen, weil sie hier geboren wurden. Oder weil die Mannschaft für ihre Herkunft steht. Weil der Fussball ihre neue Heimat mit der alten verbindet.
Vier Profiteams innerhalb von 40 Kilometern
Die Region zwischen San Diego und Tijuana hat sich in den letzten Jahren zu einem Fussballmekka verwandelt. Vier Profiteams spielen innerhalb von rund 40 Kilometern: die Männer und Frauen der Xolos in Tijuana, San Diego FC in der MLS und San Diego Wave in der amerikanischen Frauenliga NWSL. Auf Plätzen entlang der Autobahn, in Tälern und hinter Tankstellen rollt fast pausenlos ein Ball. Rund 30 Kilometer liegen zwischen Tijuana und San Diego. Dazwischen liegt San Ysidro, der meistfrequentierte und einer der härtesten Landgrenzübergänge der westlichen Hemisphäre. Er ist noch härter geworden, seit Donald Trump wieder im Weissen Haus regiert.
An dieser Grenze spiegelt sich die Weltmeisterschaft 2026, die gleichzeitig in Mexiko, in den USA und in Kanada stattfindet. Die Schweizer Nationalmannschaft hat ihr WM-Quartier in San Diego bezogen, wohnt im «Fairmont Grand Del Mar» und trainiert an der San Diego Jewish Academy. Ihre Gruppenspiele führen sie südlich von San Francisco, nach Los Angeles und Vancouver. Mittendrin in einer Region, in der sich Politik und Fussball ständig kreuzen.
Auf dem Parkplatz vor dem Stadion ist das überall zu hören. In den Anekdoten über beschwerliche Grenzübertritte. In den Familiengeschichten zwischen zwei Ländern. Fausto Vargas kennt beides: die Stadt, aus der er kommt, und das Land, in dem er heute arbeitet. Er zog 2014 in die USA. Seine Kinder wurden dort geboren, sind amerikanische Staatsbürger und haben über ihren Vater ein Aufenthaltsrecht in Mexiko. Sie besuchen in Tijuana eine zweisprachige Privatschule. Was Vargas sich in Kalifornien nicht leisten könnte.
Die Mariachi-Musik wird lauter, jeder Parkplatz ist jetzt belegt. In Europa, sagt Vargas, habe er einmal ein Spiel in Stuttgart besucht. Ihm seien die vielen Männer aufgefallen, die wenigen Frauen und Kinder, der eingestellte Bierverkauf in der zweiten Halbzeit. Hier sei es anders. Hier kämen Familien. Es gebe keine Kontrollen, und doch bleibe es friedlich. Die Xolos spielen meist freitagabends. Wer aus San Diego kommt, schafft nachts noch die Rückreise. Jene aus Los Angeles bleiben übers Wochenende. Und wer aus Las Vegas anreist, bleibt bis Mittwoch und gibt in Tijuana Geld aus.
«Ich lebe beide Kulturen»
«Tijuana und San Diego?», sagt Sixto Estrada. «Das ist dasselbe.» Der 56-jährige Mann lehnt an der Ladefläche eines Pick-ups. Er trägt wie alle hier das rote Leibchen des lokalen Teams. Seit 16 Jahren fährt der bärtige Glaser an jedes Heimspiel der Xolos. Zur Welt kam Sixto in Tijuana. Sein Vater wohnt noch hier, hat ihm das Haus überschrieben, in dem Sixto Estrada aufwuchs. Er selbst wohnt seit Jahrzehnten in San Diego. «Ich lebe beide Kulturen», sagt er. Drüben das Geld, hier das Essen. Drüben die Arbeit, hier die Familie.
Er hat Hochhäuser in Washington verglast, in San Francisco und quer durchs Land. Heute gart er Meeresfrüchte. «Jeder bereitet etwas anderes zu, alle teilen alles», sagt er. Unter Zelten gibt es Carne Asada, Tortas und Tacos. Wer Hunger oder einfach nur Lust hat, bedient sich. Bier löscht den Durst. Estrada hat einen eigenen Fanblock gegründet, die Barra de Sixto. «Frag jeden hier», sagt er. «Sie kennen mich.» Letztes Jahr hätten die Xolos gegen San Diego gespielt. So etwas habe er noch nie erlebt. «Alle waren glücklich. Egal, welches Trikot du trugst.»
Die Grenze widerspricht ihm jeden Tag. Sie widerspricht mit Schranken, Kameras, Formularen, Uniformen, mit Schlangen, die sich in die Länge ziehen. Estrada gibt zu, es sei schwieriger geworden, die Grenze zu passieren. In der Schlange verbringe man ein paar Stunden mehr.
Schmugglertunnel und Trump-Zwerge
Wer von der Grenze die 15 Minuten ins Stadtzentrum von Tijuana zu Fuss geht, kommt an der Casa del Túnel vorbei. Früher führte aus ihrem Keller ein Tunnel in die USA. Schmuggler nutzten ihn, um Drogen und Menschen in den Norden zu bringen, bis er aufflog. Später machten Künstler daraus ein Kulturzentrum.
Danach führt der Weg an einer Einöde vorbei, an einem stillen Fluss, an Apotheken, die günstig Viagra und Ozempic an amerikanische Kunden verkaufen, weiter an Souvenirläden, in denen Gartenzwerge mit dem Gesicht von Donald Trump stehen. An einer Mauer hat jemand «Fuck ICE» gesprayt. Mit Trump als Präsident hat sich der Ton verschärft. Gefürchtet sind die Razzien der amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE. In Südkalifornien berichten Geschäftsleute, dass Arbeiter aus Angst davor nicht mehr erscheinen und Kunden ausbleiben.
Über die Grenze sprechen viele auf dem Parkplatz vor dem Stadion. An einem Tisch sitzt eine Familie: Vater, Mutter, zwei Kinder. Miguel Alcázar, 39, trägt ein rotes Trikot, seine Frau Sandra steht am Grill. Beide arbeiten bei Costco in Chula Vista im San Diego County.
Ihre fünf Kinder kamen in den USA zur Welt und sind deshalb amerikanische Staatsbürger. «Alle zwei Wochen kommen wir hierher», sagt Alcázar. Obwohl sie manchmal stundenlang an der Grenze stünden. Das Wichtigste sei nicht das Spiel, sondern die Familie und die Kultur, die er den Kindern weitergebe. «Damit sie sehen, was in Mexiko passiert. Damit sie später ihre eigenen Kinder hierherbringen.»
Sein Sohn Miguel Junior (8) ist fussballverrückt. Er spielt als Verteidiger für Audax und Lobos Jassan in Tijuana sowie für South Bay in Chula Vista. Und er trainiert, wo er gerade ist. Sein Lieblingsspieler sei Ronaldo. Bei der WM unterstütze er zuerst Mexiko, dann Portugal, schliesslich Argentinien. Weil er auch Messi mag.
Drei Reihen weiter lehnt Sergio Sánchez an seinem Wagen, das rote Trikot frisch übergezogen, die Augen rot vom Bier. Er hat heute Geburtstag. 40 Jahre alt. In Los Angeles geboren, in Tijuana aufgewachsen, lebt er seit Jahren in San Diego. Wem er die Daumen drücke an der WM? «Beiden. 100 Prozent beiden. Mexiko und den USA.» Er lacht. «Ich bin in den USA geboren. Aber ich bin Mexikaner. Wenn Mexiko zu langsam spielt, feuere ich mich selbst an. Dann bin ich Amerikaner.»
Fausto Vargas sieht es eindeutig: «Ich werde voll und ganz zu Mexiko halten.» Seine Kinder allerdings würden meistens für die USA jubeln. «Aber am Ende geniessen wir es zusammen.» Vargas wird ernst, wenn er auf das Turnier in drei Ländern zu sprechen kommt. «Ich mag das nicht», sagt er. Er hätte es lieber gehabt, wenn die WM nur in Mexiko stattgefunden hätte, so wie 1986. Damals seien mehr Leute ins Land gekommen. Es habe Arbeitsplätze geschaffen. Jetzt würden die meisten Spiele in den USA ausgetragen. «Das bringt uns wenig.»
Die Xolos gewinnen das Spiel knapp mit 1:0. Vargas feiert die Nacht durch.
Auf der anderen Seite der Grenze
Samstagmorgen, halb zehn, Lauderbach Park in Chula Vista, San Diego County. Die Sonne steht bereits hoch. Auf dem Kunstrasen verteilen sich Fussballer in farbigen Leibchen. Gelb, rot, blau, grün. Am Feldrand steht Henry Sanchez, 45 Jahre alt. Der Sanitärinstallateur hält eine Liste in der Hand und ruft die nächsten Teams auf. Sanchez hat etwas geschaffen, das klein aussieht, aber wichtig ist: ein Pick-up-Game, das ohne Verein, Liga, Tabelle oder Schiedsrichter auskommt.
Wer kommt, spielt, von Sanchez in Teams eingeteilt. Eine Partie dauert sechs Minuten oder bis zum ersten Tor. Wer verliert, geht raus. Wer gewinnt, bleibt. Die Nächsten warten schon. Heute sind fast 40 Spieler da, zwischen 15 und 50 Jahre alt. Anfänger, Fortgeschrittene, Jugendliche, Arbeiter, Studierende. Es kostet nichts. Wer kann, gibt Sanchez zwei oder drei Dollar für die Platzbewilligung. «Normalerweise muss man hier in San Diego überall bezahlen, wenn man Fussball spielen will», sagt er. «Was ich anbiete, ist ein Platz, wo die Leute hinkommen, spielen und Spass haben können.»
Er habe einen Vollzeitjob und eine Familie, aber er nehme sich die Zeit, vier- bis fünfmal pro Woche zu spielen. «Fussball ist mein Leben.» Angefangen habe es mit acht bis zwölf Leuten. Er habe Nachrichten verschickt, gefragt, ob jemand Lust habe, sich in einem Park zu treffen. Heute organisiert er über Instagram und über Mundpropaganda. Auf dem Feld fällt eine Spielerin auf. Sie trägt schulterlanges dunkles Haar, aus ihrem freundlichen Gesicht blicken wache Augen.
In einer Pause stellt sie sich als Leilani Tello vor, 19 Jahre alt, in Chula Vista geboren. Sie studiert Kinesiologie an der California State University San Bernardino und spielt dort im Frauenteam. An diesem Morgen ist sie die einzige Frau. Sie läuft, passt, geht in die Zweikämpfe, rennt Gegenspielern davon. Technisch ist sie die Stärkste auf dem Platz. «Für mich ist das wie Therapie», sagt Tello. «Keine Regeln, niemand schreit mich an – einfach Spass haben. Es hilft mir, an nichts zu denken.» An der Universität sei alles strikt. Hier könne sie fussballerisch Dinge ausprobieren, «einfach so».
Sportlich sei sie, seit sie vier Jahre alt war. Gymnastik und Ballett passten nicht. Beim Fussball blieb sie. Ihre Mutter ist in der Nähe von Los Angeles aufgewachsen, ihr Vater kommt aus Tijuana. Spanisch spreche sie nicht mehr so gut, daran müsse sie arbeiten. Ob Fussball ihr helfe, die beiden Kulturen zu verbinden? «Auf jeden Fall. Fussball ist wie Familie für mich.»
Die Gruppe um Henry Sanchez hiess früher «Chula Vista Pickup». Nun hat er sie in «Some Came Running» umbenannt. Aus Protest. Die Stadt Chula Vista, sagt Sanchez, wolle nicht, dass sie gratis spielten. Werktags von 17 bis 21 Uhr sei das Feld an Vereine und Trainer vermietet. Die Öffentlichkeit habe dann keinen Zugang. Sanchez sprach zweimal vor dem Gemeinderat, ein lokaler Fernsehsender berichtete. Er bat um ein paar freie Abende für alle. Geändert hat sich nichts. «Warum soll ich den Namen der Stadt tragen, die uns am Spielen hindert?», fragt Sanchez. «Für sie ist dieser Park ein Profitcenter.»
Dann zeigt er auf die grossen Tore am Feldrand. Sie sind angekettet. Ein seltsames Bild: Fussballtore, die nicht aufs Feld dürfen. In einer Stadt, die Chula Vista heisst, «schöne Aussicht». Die Politiker würden nicht verstehen, dass Fussball die Kinder von der Strasse holt. «Sie versuchen lieber, Profit daraus zu schlagen.» Sanchez will kein Held sein. Er will, dass die Leute nach der Arbeit oder nach der Schule einem Ball hinterhereilen können. Es gebe keine Medaille zu gewinnen. Höchstens ein paar Oohs und Aahs, wenn jemandem etwas gelinge. Wenn einer zu hart spiele, sagten die anderen: «Entspann dich, es ist nur Pick-up.»
Eine Spielerin, zwei Pässe
Leilani Tello will nach dem College nicht aufhören mit dem Fussball. Sie träumt davon, für die Futsal-Nationalmannschaft Mexikos zu spielen. Einen mexikanischen Pass könnte sie bekommen. Futsal sei schneller als Fussball draussen, kleiner, offener, weniger verschlossen. Im Fussball auf dem grossen Feld brauche man viele Kontakte. «Es geht viel darum, wen du kennst.» Dann spricht sie über die Grenze, nicht als Politikerin, sondern als Spielerin. «Sie begrenzt die Möglichkeiten», sagt sie. «Auf beiden Seiten gibt es viel Talent, aber die Grenze trennt uns. Wenn man beide Seiten verbinden könnte, würde das die Leidenschaft und das Niveau steigern.»
Sanchez sagt mit anderen Worten fast dasselbe. Viele Spieler, die nach Chula Vista kämen, wohnten in Tijuana. Andere wohnten hier und spielten Wettbewerbe dort. Jetzt, da San Diego sein eigenes MLS-Team habe, kämen Leute aus Tijuana herüber; zugleich blieben sie Fans der Xolos. Zwei Ligen, zwei Länder, dieselbe Fussballlandschaft. «Die Liebe zum Spiel kennt keine Grenzen», sagt Sanchez.
Der Satz klingt schön, aber falsch. Die reale Grenze trennt Menschen.
Immerhin: Wenn die WM beginnt, werden die einen für Mexiko jubeln, die anderen für die USA. Viele für beide.
