Wer auf Fabian Schärs Instagram-Profil die jüngsten Bilder aus dem Trainingslager in Spanien begutachtet, bekommt einen restlos austrainierten Spitzensportler zu sehen. Der gestählte Körper erzählt allerdings nur die halbe Wahrheit. Der Newcastle-Verteidiger hat einen veritablen medizinischen Marathon hinter sich: erst ein komplizierter Bänderriss im Sprunggelenk, dann eine schwere Infektion im Fuss mit wochenlangen Spitalbesuchen und einem Blutgerinnsel inklusive. Inzwischen haben sich die dunklen Wolken verzogen, der 34-Jährige kommt zeitnah für ein Comeback in der Premier League in Frage.
Fabian Schär, englische Medien schreiben, Sie seien erneut verletzt und hätten ein Testspiel mit gesenktem Haupt beendet.
Fabian Schär: Alles nicht so schlimm! Ich habe vor zwei Wochen eine leichte Muskelverletzung erlitten (im Test gegen Bristol City), sollte aber bald wieder ins Mannschaftstraining zurückkehren können.
Am 7. Januar hingegen erreichten uns unschöne Bilder aus England. Was genau ist damals im Spiel gegen Leeds passiert?
In meinem Sprunggelenk sind mehrere Bänder gerissen. Die Ärzte mussten fünf Bänder rekonstruieren.
Haben Sie beim Zweikampf mit dem Leeds-Stürmer den Ernst der Lage umgehend erfasst? Sie wurden minutenlang auf dem Feld medizinisch versorgt.
Ich wusste sofort, dass es heavy ist.
Zunächst war seitens des Vereins von einer möglichen Rückkehr im April die Rede. Weshalb sind Sie während der kompletten Rückrunde ausgefallen?
Bereits nach rund drei Monaten war ich auf dem Sprung zurück und wollte wieder mit dem Team trainieren. Dann aber trat plötzlich eine schwere Infektion auf, worauf ich notfallmässig operiert worden bin. Diese Geschichte hat mich extrem beschäftigt.
Was war der Grund für diese Situation?
Eine Wunde ist nicht vollständig verheilt und hat sich stark entzündet. Innerhalb von wenigen Stunden schwoll mein Fuss an und war voller Eiter. Weil man eine Blutvergiftung verhindern wollte, war klar: Eine Not-Operation ist unumgänglich.
Das hört sich dramatisch an.
Ich habe während meiner ganzen Karriere nichts Vergleichbares erlebt. Mein Arzt sagte mir, er habe in 20 Jahren noch nie eine solche Konstellation gesehen. Die Infektion passierte elf Wochen nach der Operation, das ist sehr ungewöhnlich.
Haben Sie irreparable Schäden befürchtet?
Es war eine böse Story, die Monate waren extrem schwierig für mich. In dieser Zeit machte ich mir um einige Dinge Sorgen.
Stand die Fortsetzung der Karriere auf dem Spiel?
Es ging um meine Gesundheit und die Karriere. Es war wohl die anspruchsvollste Zeit meiner ganzen Laufbahn. Ich bin schon von einigen Verletzungen betroffen gewesen, meistens gab es aber einen klaren Weg zur Genesung. Unter solchen Umständen ist es einfacher, sich damit abzufinden.
Wie ist es Ihnen gelungen, die tückische Infektion in den Griff zu bekommen?
Rund vier Wochen lang musste ich täglich ins Krankenhaus fahren, um mir Antibiotika zuführen zu lassen. Danach nahm ich regelmässig Tabletten ein. Leider fing ich mir zusätzlich ein Blutgerinnsel ein. Es kam wirklich alles zusammen.
Wie war das Gerinnsel medizinisch erklärbar?
Sie setzten mir am Oberarm einen Katheter, damit die Medikamente nicht jedes Mal in die Vene gespritzt werden mussten. Dort bildete sich das Gerinnsel, weswegen ich wieder sechs Wochen lang neue Medikamente schlucken musste. Mental war das eine riesige Herausforderung.
Wer hat Sie aufgefangen?
Meine Familie, meine Engsten standen mir bei. Letztlich musste ich selber wieder auf die Beine kommen.
Während Sie um Ihre Gesundheit gekämpft haben, ist Ihr Vertrag nach acht Jahren bei Newcastle ausgelaufen. Der Verein hat trotz Ihrer Situation verlängert.
Ich hatte die Option, dass sich der Vertrag bei einer bestimmten Anzahl Spiele verlängert. Mir fehlten nur noch wenige Partien, dann wurde ich gestoppt.
Newcastle United geht mit Ihnen in die neunte Premier-League-Saison. Mit Blick auf das Horror-Halbjahr ein Zeichen der Wertschätzung?
Ich habe mir diese zusätzliche Saison verdient. Was ich in den vergangenen Jahren geleistet habe, sieht der Verein, das Umfeld. Wenn ich fit bin, kann ich weiterhin etwas Wichtiges beitragen. Eine gewisse Erfahrung ist offenbar gewünscht, auch wenn die Strategie eher in Richtung Verjüngung zielt.
Zur Aktualität: Der Rückzug von Coach Eddie Howe hat im Norden Englands wie ein Blitz eingeschlagen. Wie sehr hat er Sie auf dem falschen Fuss erwischt?
Ich habe mit keinem Trainer in meiner Laufbahn länger zusammengearbeitet als mit Eddie. Wir bauten eine stabile Vertrauensbasis auf. Es ist schade, dass er gegangen ist. Er hat auf mich gesetzt. Wir schätzten uns auch ausserhalb des Sports gegenseitig sehr.
Ein Wort zum deutschen Nachfolger Matthias Jaissle?
Er hat viel Power, versprüht viel Energie. Er ist sehr interaktiv mit uns Spielern, sucht das Gespräch und den Austausch mit uns. Er verlangt eine hohe Intensität und lebt sie gleichzeitig vor. Ich habe einen durchweg positiven Eindruck von ihm.
Apropos Veränderungen: Newcastle hat für gegen 270 Millionen Spieler verkauft, das Top-Trio Sandro Tonali (Tottenham), Bruno Guimarães (Arsenal) und Anthony Gordon (Barcelona) ist Geschichte.
So läuft es im Fussball. Teams verändern sich. Das war schon immer so und wird so bleiben. Ich habe grosses Vertrauen in uns.
Mit welcher Ausgangslage starten Sie zur neuen Saison?
Ich bin erst einmal dankbar dafür, wieder vollständig gesund zu sein. Ich weiss, dass ich keine zehn Jahre Fussball mehr vor mir habe. Ich geniesse es, auf dem Platz zu stehen. Ich geniesse es, in der Kabine zu sein und in unser Stadion zu laufen. Am Anfang einer Karriere setzt man sich immer grosse Ziele, spricht von Titeln und Toren. Ich bin an einem Punkt, wo es mir darum geht, das Ganze auch zu geniessen – wenn das gelingt, kommen weitere Erfolge.
Macht man sich angesichts der komplexen letzten Monate vertieftere Gedanken, wie die Zukunft abseits des grünen Rasens verlaufen könnte?
Die Gedanken gab und gibt es. Es war phasenweise nicht mehr sicher, ob ich nochmals zurückkehren kann. Ich musste mich gezwungenermassen damit auseinandersetzen, auch wenn ich es lange nicht wahrhaben mochte. Wobei ich mich auch mit meiner Zukunft beschäftigt hätte, wäre ich nicht verletzt gewesen. Aber wahrscheinlich nicht so intensiv.
Sie haben einen Sportmanagement-Lehrgang abgeschlossen. Haben Sie auf dieser Ebene noch mehr im Sinn?
Die Premier League bietet attraktive Programme an für Spieler, die sich nach der Karriere auf einen Job im Sport-Direktorium oder etwas anderes im Fussballbusiness spezialisieren wollen. Ich spiele mit dem Gedanken, einen solchen Kurs zu belegen.
Wo sehen Sie Ihren Lebensmittelpunkt langfristig? In der Schweiz oder weiterhin im Ausland?
Mittelfristig in der Schweiz. Ich sehe meine Zukunft schon am ehesten in meiner Heimat.
Als Spieler sehen wir Sie in der Super League nicht mehr?
Ich fokussiere mich auf Newcastle. Ich will es noch einmal wissen, das Kapitel ist noch nicht zu Ende. Der Alltag in der härtesten Liga der Welt wird mir alles abverlangen. Dann schauen wir in Ruhe weiter.
