Blick: Roger, wie hoch war eigentlich dein erster Lohn beim Blick?
Benoit: 1169 Franken.
Warum weisst du das so genau?
Ich habe irgendwo noch eine Quittung, glaube ich.
Du bist auch ein Zahlenmensch.
Stimmt.
Vor 57 Jahren hast du beim Blick angefangen.
Das war 1969, kurz vor der Mondlandung. Ich hatte davor bereits für die «Basler Nachrichten» gearbeitet, wo ich die Lehre als Schriftsetzer gemacht hatte und zum schnellsten Todesanzeigen-Setzer Basels emporgestiegen war. Die Todesanzeigen waren im Betrieb nicht beliebt, aber es gab immer ein gutes Trinkgeld. Daneben arbeitete ich bereits für die Sportredaktion, meinen ersten Artikel über ein Fussballspiel schrieb ich mit 12.
Du hast 827 Grand Prix besucht, dazu etwa 130 von Zürich aus abgedeckt und 1000 Testtage an der Rennstrecke verbracht. Wenn man dir zu Beginn gesagt hätte, dass heute ein Buch über dein Leben in der Formel 1 erscheint …
… dann würde das Buch definitiv anders aussehen. Es wäre dreimal so dick, mit sensationellen Bildern der Anfangsjahre und mehr Anekdoten.
Weshalb?
Ich bin ein Perfektionist. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich zu jedem Jahr ein Sichtmäppchen gemacht und viel mehr aufbewahrt.
Dein erster GP 1970 – was ist dir davon geblieben?
Moment, mein erstes Rennen habe ich 1969 gesehen. Das war mit unserem heutigen Verleger Michael Ringier. Wir gingen in London zur Schule und haben tagsüber im Ringier-Büro an der Fleet Street gearbeitet. Brands Hatch war 30 Kilometer von London entfernt. Da haben wir uns das einmal angeschaut. Ihm gefiel es nicht, weil es zu laut war. Ich fands in Ordnung. Stewart hat gewonnen, Siffert wurde Vierter. Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier zwei Jahre später den traurigsten Moment meiner Karriere erleben würde.
1971 starb Jo Siffert in Brands Hatch. Woran erinnerst du dich?
Es war der 24. Oktober, ein Sonntag. Nach dem Crash kam Jackie Stewart an den Boxen zu mir und hat den Kopf geschüttelt. Das hat geheissen
Vorbei.
Vorbei. Siffert war nach seinem Crash in seinem Boliden am Rauch erstickt. Ein grauenhafter Tod.
Die Blick-Reporterlegende Roger Benoit kennt die Formel 1 wie kaum ein anderer. Im neuen Buch «Formel Wahnsinn» schaut er zurück auf über 825 Grand Prix und sein verrücktes Leben. Dabei verrät er einzigartige Anekdoten, unglaubliche Skandale und tragische Geschichten.
Das 272-seitige Buch gibts auf beobachter.ch/shop und in allen Buchhandlungen der Schweiz. ISBN 978-3-03875-643-9. Es kostet 48 Franken und ist ab sofort erhältlich.
Für Blick-Leserinnen und -Leser gibts ein unschlagbares Angebot. Klicke hier drauf und du erhälst das Buch für nur 38 statt 48 Franken.
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Clay Regazzoni, Jo Siffert, Niki Lauda – grosse Fahrer, die du als Menschen kanntest. Wie geht man damit um, wenn jemand stirbt, den man wirklich kannte?
Ich war der Letzte, der mit Siffert gesprochen und auch der, der das letzte Foto von ihm gemacht hat. Kurz zuvor hatte er mir einen Porsche 914 zu einem guten Preis verkauft. Wir haben viel erlebt, obwohl ich ihn gar nicht so lange kannte.
Und Regazzoni?
Bei Regazzoni war ich nach dessen schwerem Unfall drei Wochen bei ihm im Spital in Long Beach. Wenn so jemand schwer verletzt wird oder stirbt, beschäftigt dich das zunächst. In meinen Anfangsjahren sind jedes Jahr zwei, drei Fahrer gestorben. Das härtet dich ab.
Man gewöhnt sich an den Tod?
Das ist mein Naturell. Ich habe ein weiches Herz, aber darum herum ist eine harte, römische Festung. Ich bin mit dem Tod in der Formel 1 aufgewachsen. Seit Senna haben wir in 32 Jahren nur noch einen Toten gehabt (Jules Bianchi 2015, d. Red.). Die Journalisten, die jetzt dabei sind, wissen gar nicht mehr, was das bedeutet.
Du hast Senna, Schumacher, Verstappen erlebt. Wer hat dich als Mensch am meisten fasziniert?
Jedes Jahr ein anderer. Am ehesten war es in jüngerer Vergangenheit Sebastian Vettel. Hamilton macht zu viel Theater. Verstappen ist fahrerisch hoch überlegen, aber von seinem Umfeld geprägt, das sehr politisch ist. Früher gab es noch so einen: Alain Prost, genannt der Professor und ein grosser Intrigant. Fahrerisch genauso gut wie auf der politischen Bühne. Da konnte ihm Rivale Senna nicht das Wasser reichen.
Und Schumacher?
Schumacher war ein Bauer. Er kam aus dem Nichts und konnte mit seinem Erfolg nie richtig umgehen. Er blieb immer unsicher. Er ist vom Erfolg völlig überrannt worden. Zum Glück hatte er Manager Willi Weber, dem er alles zu verdanken hat – und den er am Schluss zum Teufel gejagt hat.
Die F1 ist heute eine durchgestylte Marketing-Maschine. Was ist verloren gegangen?
Die Menschlichkeit ist verloren gegangen. Es ist jetzt ein Business. Das war es immer, aber nicht in diesem Ausmass. Früher haben wir alle zusammen Zeit verbracht, der ganze Zirkus. Heute gehen ja nicht einmal die Fahrer desselben Teams mehr miteinander essen. Es geht nur noch um Geld und um Schönrederei. Ich bin froh, habe ich die goldenen Zeiten erlebt. Das heute sind die Kommerzzeiten. Ich kann mich mit fast niemandem mehr unterhalten, der damals noch dabei war.
Ein konkretes Beispiel, wo heute die Schönrederei anfängt?
Red Bull ist am Zerfallen. Und das traut sich kaum einer zu sagen. Ich weiss nicht, was Verstappen noch da hält. Was den meisten Journalisten heute fehlt: eine Meinung. Das beunruhigt mich immer mehr. Gerade im Sport kannst du doch problemlos eine Meinung haben. Es werden viele mit Samthandschuhen angefasst, Hofberichterstattung haben wir dem damals früher gesagt – gab es auch beim Blick. Peter Sauber hat sich mal bei mir beklagt, sie würden gar nicht wie ein Schweizer Team behandelt. Ich habe ihm gesagt, es sei auch nicht die Idee, sie zu bevorzugen.
Bist du auch mal übers Ziel hinausgeschossen?
Natürlich. Wenn das in fast 60 Jahren nie passiert, ist auch etwas falsch.
Gibt es einen Artikel, den du bereust?
Blick hat vor ein paar Jahren fälschlicherweise den FIA-Rennkommissär Paul Gutjahr wegen mir für tot erklärt. Ich war im Taxi von Dubai nach Abu Dhabi, es war kurz vor Redaktionsschluss Schweizer Zeit und ich bekam von einerm Fotografen, der auch für Blick arbeitet, ein Whatsapp mit der Information. Ich habe in die Redaktion angerufen und die Kurzmeldung diktiert. Tags darauf war klar: eine Fehlinformation. Das ist so peinlich. Das kann man nicht gutmachen. Zum Glück kam es nie auf Online.
Hast du mal eine Folge «Drive to Survive» auf Netflix geschaut?
Ja.
Und?
Es ist überspitzt dargestellt. Wie der Film «Rush» über Niki Lauda und James Hunt. Im Film kriegst du das Gefühl, das seien die grössten Feinde. Dabei hat im echten Leben der eine hat dem anderen gezeigt, wie man die Frauen kriegt und der andere dem einen, wie man richtig Auto fährt. Ich bleibe lieber bei der Wahrheit.
Lauda hat dir fast alles erzählt.
Er war mein bester Freund. 1976, als er mit dem Tod gekämpft hat, war ich die ganze Zeit in Mannheim-Ludwigshafen und habe als einziger Journalist mitgekriegt, wie an einem Freitag ein Pater aus seinem Zimmer gestolpert kam und der Länge nach hinfiel. Der hatte ihm die letzte Ölung geben wollen und ist hochkant rausgeflogen. Ich schrieb das, grosse Schlagzeile natürlich. Und die anderen Medien konnten erst am Montag nachziehen. Heute würde das innert 10 Minuten überall im Internet stehen.
Jetzt schreibt unser Kollege Daniel Leu ein Buch über dich. Wie war das für dich?
Eine Reise in die Vergangenheit. Gewisse Dinge wusste ich zum Beispiel gar nicht mehr. Zum Beispiel, dass ich einmal einen Heiratsantrag gemacht haben soll (schmunzelt). Aber mir ist wichtig: Ich habe das alles einigen wenigen Leuten zu verdanken. Heinz Prüller hat mich am Anfang eingeführt, mich allen vorgestellt. Ab da gehörte ich dazu. Dann sind da Michael Ringier, Frank A. Meyer, der mich immer gefördert hat und unser heutiger CEO Marc Walder. Dank ihnen darf ich über mein Pensionsalter hinaus immer noch die Formel 1 für Blick begleiten.
Du besuchst nicht mehr jeden GP.
Ich bin ja im gesetzteren Alter. Früher hat man jede Gelegenheit wahrgenommen, um zu reisen. Ich habe etwa 20 Jahre in Hotels gewohnt, bin 100-mal um die Welt gereist.
Deine letzten Worte für heute?
Ich mache das, solange es mir noch Spass macht. Solange es die Gesundheit zulässt, werde ich ein scharfes Auge auf diesen Milliardärs-Kindergarten haben. Ich muss ja nichts mehr. Ich kann am Freitag in Monza aufstehen und sagen: Heute fahre ich nicht an die Rennstrecke, sondern über den Gotthard nach Hause. Ohne Verkehr.