Es ist im Eishockey Tradition, dass ein Spieler oder Staff-Mitglied vor einem Match in der Kabine auf besondere Weise die vom Trainer festgelegte «Starting Six» verkündet. Das sind jene Spieler, die in einem Match den ersten Einsatz auf dem Eis bekommen. Bei der Auftaktpartie der laufenden Heim-Weltmeisterschaft gegen die USA übernahm Nati-Headcoach Jan Cadieux (46) diesen Job selbst. In den sozialen Medien war zu sehen, wie emotionsgeladen und feurig er die sechs Spielernamen vortrug. Es wurde zum viralen Hit – und manch einer, der Cadieux aus früheren Zeiten kennt, dürfte seinen Augen nicht getraut haben.
Denn viele haben den heutigen Nati-Trainer als ruhige und zurückgezogene Person kennengelernt. Diesen Ruf hatte Cadieux während seiner 13-jährigen Karriere als Spieler in Lugano, bei Genf-Servette und Fribourg. Sehr zuverlässig sei er gewesen, ein Musterprofi, immer mit vollem Einsatz bei der Sache, aber eben auch sehr introvertiert. «Ich hätte damals ausgeschlossen, dass er eines Tages unsere Nati als Chef anführen könnte», sagt sein früherer Weggefährte Sébastien Reuille (44), der Cadieux in Lugano als Mitspieler kannte. Später erlebte er ihn als Sportchef der Ticino Rockets in der zweitobersten Liga auch bei dessen erster Trainerstation auf Profistufe. Und staunte: «Als Trainer war er nicht mehr die gleiche Person – er war plötzlich ein feuriger Leader.»
«Einfach war es nicht»
Jan Cadieux ist sich bewusst, dass zwei Seiten in ihm stecken: «Sobald ich als Trainer in eine Garderobe komme, bin ich ein anderer Mensch. Das ist der Ort, an dem ich meine Leidenschaft teilen kann, an dem ich mich in dem Sport, den ich liebe, entfalten kann.» Über den Schatten seines Naturells zu springen, um nach seiner Spielerkarriere als Trainer voranzukommen, fiel ihm dabei nicht leicht: «Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es einfach war.» Aber seine Passion half ihm, die eigene Scheu zu überwinden.
«Jan atmet Eishockey nicht nur, er isst und schläft es auch noch», sagt Sébastien Reuille über ihn. So hat Cadieux als akribischer Arbeiter auf all seinen Stationen alles aufgesaugt und auch sich selbst immer wieder aufs Neue reflektiert. Genf-Servette führte er 2023 zum Meistertitel, wurde aber anderthalb Jahre später entlassen. Im Rückblick sagt Cadieux: «Im Misserfolg habe ich mehr gelernt als im Erfolg.»
Hockey liegt ihm im Blut
Das Trainergen und die Hingabe für diesen Sport wurden ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater war der legendäre Paul-André Cadieux (1947–2024), der im Alter von 26 Jahren aus Kanada in die Schweiz gekommen war und hierzulande während 40 Jahren als Spieler, Eishockey-Coach und Funktionär tätig war. Jan Cadieux lebte in der Deutschschweiz, dem Tessin und in der Romandie. Er bezeichnet Deutsch wegen seiner aus Davos stammenden Mama als seine Muttersprache, denkt und träumt aber in Französisch und spricht daheim ausschliesslich Italienisch, da seine Frau Pamela Tessinerin ist. «Ich trage alle Landesteile in meinem Herzen und bin stolzer Schweizer», sagt Jan Cadieux.
Seine Söhne Timothy (16) und Hayden (10) spielen ebenfalls Hockey, der ältere der beiden gilt als vielversprechendes Talent, ist auch schon für Schweizer Junioren-Nationalteams aufgelaufen.
«Zuerst wie benebelt»
Die Familie ist der grosse Rückhalt von Cadieux. Kurz vor dem ersten WM-Spiel gegen die USA griff er deshalb nochmals zum Telefon. «Ich wollte mich einfach bei ihnen bedanken.» Dann ging er raus und coachte die Schweiz vor 10'000 elektrisierten Fans zum 3:1-Sieg. Diese familiäre Unterstützung war für Cadieux in den letzten Wochen zentral, sein vertrauter Hort, in dem er Energie tanken konnte.
Ursprünglich hätte er erst ab dem 1. Juni, als Nachfolger von Patrick Fischer (50) Nati-Trainer werden sollen. Bis Fischer einen Monat vor der WM im Zuge des Urkundenfälschungsskandals entlassen und Cadieux – für die WM eigentlich als Fischers Assistent vorgesehen – vorzeitig zum Chef wurde. Es war eine turbulente Extremsituation, und der schweizerisch-kanadische Doppelbürger war in seinen ersten Tagen und Wochen nicht nur als Trainer gefordert, sondern auch als Krisenmanager. Schwieriger kann der Start in einen neuen Job kaum sein. «Auf eine solche Situation kann dich keiner vorbereiten. Die ersten 48 Stunden war ich wie benebelt», gesteht er.
Statt eines sanften Einstiegs fand er sich mitten im Sturm wieder. Cadieux war permanent mit dem Feuerlöscher unterwegs. Er, der eigentlich so scheue Mensch, meisterte das aber souverän, obschon er nicht diese raumfüllende Aura wie ein Patrick Fischer hat, der rasch alle für sich gewinnt.
«Er wird uns überraschen»
Cadieux gab sich nahbar, sprach offen über seine Gefühle, weil er Fischer ungemein schätzt und ihm viel zu verdanken hat. Daneben gelang es ihm auch, Dampf aus dem Kessel zu nehmen, sodass trotz allen Turbulenzen rechtzeitig die Vorfreude auf die Heim-WM zurückkehren konnte. «Viele werden Jan Cadieux erst jetzt richtig kennenlernen – er wird sie überraschen», hatte Marc Gautschi (43) – als Sportchef während dessen Zeit bei Genf-Servette sein Vorgesetzter – bereits im Dezember gesagt. Damals, als Cadieux den Zuschlag als Nati-Trainer für die Zeit nach der WM erhielt. Er hat schon jetzt gezeigt, dass Gautschi recht hatte.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | Schweiz | 6 | 30 | 18 | |
2 | Finnland | 5 | 19 | 15 | |
3 | Österreich | 5 | -6 | 9 | |
4 | Deutschland | 6 | -2 | 7 | |
5 | Lettland | 5 | -6 | 6 | |
6 | USA | 5 | -3 | 5 | |
7 | Ungarn | 5 | -13 | 3 | |
8 | Großbritannien | 5 | -19 | 0 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | Kanada | 5 | 15 | 14 | |
2 | Tschechische Republik | 5 | 6 | 13 | |
3 | Slowakei | 5 | 8 | 11 | |
4 | Norwegen | 5 | 7 | 10 | |
5 | Schweden | 6 | 9 | 9 | |
6 | Dänemark | 5 | -11 | 3 | |
7 | Slowenien | 6 | -16 | 3 | |
8 | Italien | 5 | -18 | 0 |

