Übrigens – die Sonntagsblick-Kolumne
Thun und Fribourg sind ein Fingerzeig für die Grossen

Welche Parallelen gibt es bei den Märchen von Fribourg und Thun? Die Kolumne von Felix Bingesser.
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Meisterlich: Thun-Präsident Andres Gerber (l.) und Erfolgstrainer Mauro Lustrinelli.
Foto: keystone-sda.ch

In der Schweizer Geschichte gab es immer wieder Aufstände der Landbevölkerung und der Randregionen. Der Stadt-Land-Graben gehört zur Schweiz wie der Röstigraben und die Zauberformel.

In den ersten Maitagen haben sich nun die Freiburger und die Berner Oberländer erhoben. Und in den Titelkämpfen im Eishockey und im Fussball den Metropolen die lange Nase gezeigt.

Mit Fribourg und Thun haben zwei Kleinstädte mit je 40’000 Einwohnern für Sternstunden gesorgt – und zwei Randregionen in den emotionalen Ausnahmezustand versetzt.

Zwei wunderbare Titelgewinne. Unterschiedlich und irgendwie doch verwandt. Hier wie dort mit Geschichten, die ans Herz gehen. Der Glanz eines Pokals und die Bedeutung von Titelgewinnen werden bestimmt durch die Geschichten, die dahinterstehen.

Sprunger-Märchen

Auf der einen Seite die Geschichte der Copains aus der Unterstadt: 1980 schaffen diese verschworenen Rebellen, die vorwiegend aus dem ärmlichen Arbeiterquartier Au stammen, den Aufstieg in die Nationalliga A. Ein Erfolg der kleinen Leute, genährt vom aufrührerischen Geist der sozial Benachteiligten aus der Freiburger Unterstadt. Dieser wird heute weitergetragen in der Person des fabelhaften Julien Sprunger, der eine 24-jährige Vereinstreue mit dem Titelgewinn krönt. Hollywoodreif.

Die Tränen von Sprunger mischen sich mit den Tränen von Mauro Lustrinelli und Andres Gerber. Auch sie blicken auf eine mehr als 20-jährige Geschichte beim FC Thun. Auch sie kennzeichnet eine beispiellose Vereinstreue.

Latours Geist

Der famose Hanspeter Latour hat in Thun einen Geist geschaffen, der den FC Thun nun auf den Wolken schweben lässt. Latours einst formulierte Vision bildet die Basis dieser einzigartigen Erfolgsstory. Dass der Titelgewinn schon seit Wochen feststeht, hat in der Betrachtung vieler etwas vernebelt, was für ein historisches Wunder dem Aufsteiger gelungen ist.

Märchen werden geschrieben, Wunder werden erlebt. Jetzt ist beides gleichzeitig passiert. Natürlich wird in diesen Tagen mit wässrigen Augen auch vieles verklärt und ein wenig überhöht. Fribourg gehört mit einem Budget von 35 Millionen finanziell zu den Schwergewichten der Liga. 

Vom finanziellen Aspekt her ist der Titelgewinn der Thuner um einiges bemerkenswerter. Ihr Budget entspricht einem Bruchteil dessen, was in Bern oder in Basel umgesetzt wird. Seit dem Titelgewinn des FC Aarau im Jahr 1993 gab es nie mehr ein solches Husarenstück.

Hier wie dort aber hat der Meistertitel auch mit Vereinstreue, mit Kontinuität, mit Teamgeist und mit weitsichtiger Führung zu tun. Mit Attributen, die andernorts nicht gerade Hochkonjunktur haben. Ein Blick auf die Tabelle der Super League zeigt auch, dass die vier Teams an der Tabellenspitze auf der Trainerposition in dieser turbulenten und auf Identitätssuche steckenden Liga eine bemerkenswerte Kontinuität haben.

Geschichten könnten nicht kopiert werden

Die Geschichten aus Fribourg und aus Thun kann man nicht kopieren und wiederholen. Vielleicht helfen sie aber als Quelle der Inspiration. Und als Fingerzeig für konzeptlos fuchtelnde und aktionistische Wirrköpfe in Führungsverantwortung bei anderen Klubs.

Meister geworden sind zwei Vereine, die nicht von der Internationalisierung getrieben und von globalen Investoren genährt werden. Beide haben festen Boden unter den Füssen. Und sie haben dem Schweizer Sport einen emotional aufwühlenden und grossartigen Sportfrühling beschert. 

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