«Wehmütig bin ich nicht»
SCB-Legende Lüthi verabschiedet sich nach 28 Jahren

In seinen 28 Jahren als SCB-Boss liess Marc Lüthi bei seinen berüchtigten Donnerwettern schon mal die Wände der Kabine wackeln. Als er mit der SI sein Büro räumt, wird der Mann mit den sechs Meistertiteln ganz nachdenklich.
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Das Victory-Zeichen gabs beim SCB zuletzt nicht mehr so oft zu sehen.
Foto: Nicolas Righetti / Lundi13
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Emanuel Gisi
Schweizer Illustrierte

Eine Kiste. Dann noch eine. Marc Lüthi (64) räumt sein Büro. 28 Jahre, sechs Meistertitel, zwei Cupsiege, eine Hirnblutung, ein Comeback – und jetzt dieses Bild. Der Mann, der den SC Bern fast drei Jahrzehnte lang geprägt hat, füllt Pappkartons.

Ende April hatte Lüthi seinen letzten Arbeitstag als CEO beim SCB.
Foto: Nicolas Righetti / Lundi13

Sandra Rolli (47) steckt den Kopf durch die Tür des engen Büros im Dach der Berner Postfinance Arena. 18 Jahre lang war sie Lüthis Assistentin. Beim ersten Vorstellungsgespräch stellte sie eine Frage, die die meisten sich nicht zu stellen trauen würden. «Muss ich eigentlich etwas von Eishockey verstehen, wenn ich hier anfange? Dann bin ich nämlich die Falsche», sagte sie.

Sie kriegte den Job und kennt ihren Chef nach fast zwei Jahrzehnten wie kaum jemand sonst. «Man merkt irgendwann an der Wucht, mit der er die Türfalle nach unten drückt, wie die Stimmung ist.» Wann der Türgriff das letzte Mal so richtig hart nach unten krachte? «In den letzten Jahren deutlich seltener.» Sie denkt nach, dann lacht sie laut: «Anfang Jahr noch einmal. Warum, verrate ich nicht.» Heute packen sie gemeinsam die Kisten und verladen sie in einen kleinen Transporter. «18 Jahre. So lange war ich noch nie mit einer Frau zusammen», sagt Lüthi. Rolli: «Ich noch nie mit einem Mann.»

Mieter in ihrem Büro: Marc Lüthi und Bala Trachsel sind seit 14 Jahren verheiratet.
Foto: Nicolas Righetti / Lundi13

Die beiden sind längst freundschaftlich verbunden. «Als er es mir gesagt hat, hat mich das zuerst sehr traurig gemacht. Dann habe ich den Kopf noch einmal zur Tür hineingestreckt und ihm laut und deutlich die Meinung gegeigt.» Dann aber realisiert sie: «Er macht es genau richtig. Er hat sich entschieden, dann zieht er es durch.»

Irgendwo in einem der Kartons landet das emotionalste Stück Geschichte. Ein signiertes Foto von Danny Brière. «Riesentyp», sagt Lüthi. Brière kam in der Lockout-Saison 2004/05 nach Bern. Spielte, lieferte, verschwand wieder in die NHL, heute ist er General Manager der Philadelphia Flyers. Ein Jahr nach seiner Rückkehr schickte er Lüthi ein Foto mit persönlicher Dankesbotschaft. Einfach so.

Die letzte Kiste ist gepackt: Lüthi belädt den Umzugstransporter eigenhändig.
Foto: Nicolas Righetti

«Besser stehend sterben…»

Lüthis Büro ist voll mit Erinnerungsstücken. Das Einzige, das keinen Bezug zum Eishockey hat, ist ein Bild der Berner Künstlerin Karin Frank. Auf dessen Rückseite ist handschriftlich ein Satz notiert, der dem mexikanischen Revolutionsführer Emiliano Zapata zugeschrieben wird und der zum Vulkan Lüthi und seiner direkten Art passt: «Besser stehend sterben als auf den Knien leben.» Gleich daneben lehnt ein Bild an der Wand, das ihn als Captain des SCB-Kahns zeigt.

Seinen nächsten Hafen kennt Lüthi bestens. Von der Arena geht es ins Berner Matte-Quartier. Hier hat er sein neues Büro, in den Räumen der Agentur seiner Frau. Bala Trachsel, Gründerin und CEO der Kreativagentur Republica, beschreibt ihren Mann so: «Er nimmt alles nur einmal in die Hände.» Wie es ihm in seinem neuen Leben ergehen wird? «Im Moment nimmt er es ziemlich locker», sagt sie über den Abschied. «Ich bin gespannt, ob das in ein paar Wochen auch noch so ist.» Seit 16 Jahren sind Lüthi und Trachsel ein Paar, seit 14 Jahren verheiratet. «Wir ergänzen uns gut. Er denkt gross, in grossen Linien. Ich bin eher hands-on.»

Assistentin Rolli (l.) hilft beim Büroräumen: Computer und die Pinnwand mit Familienfotos kommen mit.
Foto: Nicolas Righetti / Lundi13

Mit Adrian Verdun hat Lüthi The Hattrick gegründet, eine Beratungs- und Managementfirma. Aber war es das mit dem Eishockey? Lüthi sagt, er werde nie für einen anderen Klub arbeiten. «Das würde nicht gehen.» Und wie fühlt es sich an? «Wehmütig bin ich nicht. Aber heute ist mir schon ein bisschen anders zumute.»

Retter des Traditionsklubs

Schliesslich ist der SCB, wie es ihn heute gibt, sein Werk. Es ist im Januar 1999, als endlich klar ist, dass der Klub nicht sterben muss. Einer der Architekten der Rettung: Marc Lüthi – 38, Betriebsökonom, seit Kurzem Geschäftsführer des hoch verschuldeten Vereins. Von da an geht er vorneweg, bis auf ein Jahr: Ein Hirnschlag setzt ihn Ende 2021 ausser Gefecht, er verabschiedet sich ein erstes Mal – um ein Jahr später als CEO zurückzukehren.

Doppelter Lüthi: Das Bild kriegte er zum Abschied.
Foto: Nicolas Righetti / Lundi13

Corona hat ihn anders getroffen als alles andere. Nicht nur, weil der Schaden so gross war – sondern weil er nichts tun konnte. Der SCB, der sich über ein Netz an Gastrobetrieben finanziert, wurde vom Lockdown hart erwischt. «Man war einfach ausgeliefert», sagt er. «1998 konntest du kämpfen, etwas versuchen.» Nichtstun war für Lüthi nie eine Option, plötzlich war es die einzige. Bis heute hat sich der Klub nicht ganz von den finanziellen und den damit verbundenen sportlichen Rückschlägen erholt. Zuletzt verpasste der stolze SCB die Playoffs. «Uncool», nannte Lüthi das im März. Das letzte sportliche Kapitel einer Ära endete leise in Rapperswil.

Ob er nächsten Herbst in die Arena zurückkommt? «Ich will schon wissen, wie sie es machen», sagt er. Aber jetzt drückt er erst einmal die Türfalle nach unten. Zum letzten Mal.

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