Schon unter normalen Umständen ist es schwierig, zwei Schritte zu machen, ohne angehalten zu werden, aber jetzt ist das nochmals auf einem anderen Niveau!» Julien Sprunger (40) ist es sich seit einem Vierteljahrhundert gewohnt, den HC Fribourg-Gottéron zu repräsentieren, was aber seit dem Gewinn der Meisterschaft abgeht, sprengt alle Dimensionen. Am 30. April konnte «sein» Klub erstmals den Siegerpokal in die Höhe stemmen. Zuerst in Davos nach dem entscheidenden Spiel, danach im Bus auf der Heimfahrt und schliesslich in Freiburg, wo 80 000 Fans die Helden des Eises feierten.
«Wir haben ihn seit dem Titelgewinn nur kurz gesehen. Ich glaube, er hat ein bisschen Schlaf gebraucht, denn die Feierlichkeiten sind noch nicht zu Ende», erzählt seine Frau Valentine zwei Tage danach. Sie ist es sich gewohnt, ihren Ehemann zu teilen. Julien Sprunger ist in Freiburg eine Ikone: 1186 Spiele hat er in seiner Karriere bestritten, immer im Trikot von Fribourg-Gottéron. Seit zehn Jahren führt er die Mannschaft als Captain an. Aber er musste bis zu seinem allerletzten Einsatz warten, um zu triumphieren. Ein Vierteljahrhundert nach seinem allerersten Einsatz in der Eliteklasse.
Ein unglaubliches Ende der Geschichte für einen Mann, der seinem Heimatverein alles gegeben und ihn nie verlassen hat, selbst wenn lukrative Angebote auf dem Tisch lagen. Das war 2009 der Fall: Sprunger war im Jahr zuvor von der Liga zum wertvollsten Spieler gewählt worden, er spielte regelmässig in der Nationalmannschaft, der Sprung in die nordamerikanische Liga NHL war geschafft, der Vertrag mit den New York Rangers unterschrieben.
Doch dann kam der 30. April: An der Heim-WM wurde er im Spiel gegen die USA brutal gegen die Bande gecheckt, blieb reglos liegen und musste auf der Bahre abtransportiert werden. Im Stadion hielten alle den Atem an. Der damals 23-Jährige erlitt schwere Verletzungen an der Halswirbelsäule, musste operiert werden und verpasste fast die ganze nächste Saison. Er stieg wieder beim HC Fribourg-Gottéron ein und hatte danach nie mehr Wechselgelüste. Sein Klub hat ihm diese Treue nun mit dem Titel gedankt.
Julien Sprunger, was ist seit dem Titelgewinn passiert?
Es war sehr intensiv (lacht). Es wurde viel gefeiert, um den Moment zu geniessen. Schön war, dass wir am Anfang ein bisschen unter uns waren: in der Kabine, im Bus, bei der Ankunft vor der Eishalle. Obwohl es sehr voll war, haben wir fast die ganze Nacht in der Kabine mit unseren Verwandten verbracht. Seitdem ist es ein ständiges Bad in der Menge. Wir haben nicht geschlafen, wollten auf einer Terrasse eine Pizza essen – unmöglich. Die Leute kommen, schauen sich den Pokal an, gratulieren uns. Aber es ist schön. Es ist eine echte Gemeinschaft. Man spürt, dass es den ganzen Kanton berührt.
Haben Sie als Kind von so einem Moment geträumt?
Ja, ich habe davon geträumt, ich habe darauf gehofft. Aber solange du es nicht hast, vermeidest du es, daran zu denken, um nicht enttäuscht zu werden. Das habe ich in den Playoffs getan. Und am Ende ist es sogar noch schöner, als ich es mir vorgestellt hatte.
Zum Schluss der Karriere der Pokal – das ist wie Hollywood!
Ehrlich gesagt, das Drehbuch ist verrückt. Du spielst 1186 Spiele, und das letzte bringt dir diesen Titel! Wenn man mir am Anfang gesagt hätte, dass man 24 Jahre lang spielen und all diese Opfer bringen muss, um es zu schaffen, hätte ich das, ohne zu zögern, getan. Es war jeden Tropfen Schweiss und jede Anstrengung wert. Und es ist völlig verrückt, dass sich das nach dieser langen Zeit an einem Abend zugespitzt hat. Das macht alles noch schöner.
In den Tagen zuvor haben wohl alle versucht, Sie zu beruhigen ...
Ja. Man sagte mir, dass ich auch ohne Titel Geschichte schreiben würde. Aber letztendlich betreibst du Sport, um zu gewinnen. Und Freiburg hatte das Etikett des «grossartigen Verlierers» so lange mit sich herumgetragen. Ich habe Nachrichten von überallher erhalten, sogar von Captains anderer Mannschaften, von Jungs, die ich nicht kenne. Ich versuche, allen zu antworten, es sind Hunderte. Aber jetzt muss ich mich ja nicht ausruhen. Das mache ich später.
Die Playoffs waren emotional sehr anstrengend ...
Ja, es hat mich wirklich mitgenommen. Ich begann schon während des Viertelfinals gegen Rapperswil zu grübeln. Wir hatten eine tolle Saison gespielt, ich hatte eine tolle Karriere – aber ich wollte nicht an einem verregneten Montagabend dort enden. Vielleicht war ich da ein bisschen blockiert. Als wir es in den Halbfinal geschafft hatten, fühlte ich mich viel leichter.
Eigentlich wollten Sie schon vor einem Jahr zurücktreten.
Ich hatte ein langes Gespräch mit Trainer Roger Rönnberg, um herauszufinden, ob ich noch dazugehöre und ob es sich lohnt weiterzumachen. Dann gab ich mir noch eine Chance. Die Letzte. Im Nachhinein betrachtet, war es die beste Entscheidung meines Lebens.
Und nun sind Sie im Ruhestand.
Ja, aber meine ersten Tage als Rentner sind nicht die ruhigsten Tage meines Lebens (lacht).
Der Sieg des HC Fribourg-Gottéron ist nicht nur ein sportliches Highlight. «Es ist ein Ereignis und ein Symbol für den ganzen Kanton», erklärt der Historiker Alain-Jacques Tornare. «Das Publikum sang nach dem Sieg ‹Le ranz des vaches›, den Kuhreigen der Hirten aus dem Greyerzerland, der mit seinem ‹Lyôba, lyô-ô-ba› die Hymne des Kantons ist. Es ist nicht der Titel der Stadt Freiburg, sondern der Titel der Freiburger. «Zusammen mit dem Fondue ist der Klub einer der wenigen gemeinsamen Nenner», fährt der Historiker fort.
Der Beweis: Die letzten 102 Spiele der Drachen fanden vor ausverkauftem Haus statt. Wie ist diese Begeisterung zu erklären? «Dass es so lange für den Titelgewinn brauchte, ist ein Grund dafür», sagt Tornare. 1941 hätten Stadtbewohner eigenhändig die erste Eisbahn unterhalb des Augustinerklosters gebaut. «Deshalb wird ein Spieler wie Julien Sprunger so sehr geschätzt. Er steht für diese Pioniere, die den Verein gegründet haben. Julien Sprunger trägt das in die heutige Zeit», so Tornare.
In seinem letzten Spiel erzielte Sprunger seinen 414. Treffer in der Eliteklasse, dazu kommen genau gleich viele Assists. Mit dem nationalen Titel, einem Sieg des Spengler Cups 2024, 828 Punkten und 1186 Spielen in 24 Jahren kann er mit dem Gefühl der erfüllten Pflicht in den Ruhestand gehen. «Meine Mission ist beendet», hatte es der schweizweit geachtete Sportsmann am Abend des Titelgewinns zusammengefasst.

