Welchen Einfluss hatte der Bier-Skandal der Nati bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City auf die Ära Del Curto beim HC Davos? Er hat eine Epoche zumindest mitgeprägt. Der HCD-Leitwolf Reto von Arx und Marcel Jenni (damals bei Färjestad in Schweden) hatten das öffentliche Trinkverbot im Mormonenstaat Utah als Propagandalüge entlarvt, wurden bei ihrer nächtlichen Sumpftour erwischt (im Gegensatz zu einigen anderen Spielern …) und von Nati-Trainer Ralph Krueger nach Hause geschickt.
Mit einem Unentschieden gegen Frankreich und einer Niederlage gegen die Ukraine hatte die Nati die Teilnahme an der Hauptrunde allerdings schon vor der Sumpftour der beiden Stürmer verspielt – war die spektakuläre Strafmassnahme vielleicht nichts weiter als ein PR-Manöver des Verbandes, um von eigenen Fehlern abzulenken? Die Affäre führte jedenfalls zu einer Spaltung zwischen Verband und dem HCD, Reto von Arx erklärte danach seinen Verzicht auf weitere Nati-Aufgebote: «Unter Krueger nicht mehr.»
Arno und die Rebellen als Meister – ein Problem für den Verband
Für den Verband wurde das zeitnah zum Problem: Ein paar Wochen später gewann der HCD den ersten von sechs Titeln im Playoff-Zeitalter. Der HCD wurde mit dem charismatischen Engadiner Arno Del Curto als Trainer und einer Horde von jungen Schweizer Top-Spielern zum Vorzeigemodell, ein Gegenentwurf zum damaligen sportlichen Establishment. Del Curto und seine «Rebellen» gegen alle, vor allem gegen den Verband und Nati-Coach Ralph Krueger.
HCD setzt als einziger Klub voll auf die Lockout-Stars
In Davos kultivierte man dieses Image und ging noch einen Schritt weiter: Als man sich 2004 in der NHL nicht auf einen neuen Gesamtarbeitsvertrag einigen konnte, griff der HCD als einziger Schweizer Klub sofort zu und verpflichtete Joe Thornton (Boston), Rick Nash (Columbus) und Niklas Hagman (Florida) für die gesamte Saison, während die anderen Schweizer Klubs erst mal zuwarteten. Als die NHL-Saison am 16. Februar 2005 abgesagt wurde, verfügte der HCD mit dem NHL-Trio und dem überragenden Tschechen Josef Marha bereits über ein bestens harmonierendes Ausländerquartett. Das Ergebnis? Der zweite Meistertitel der Ära Del Curto im Playoff–Zeitalter. Wieder hatte der HCD der Konkurrenz ein Schnippchen geschlagen – und die Legendenbildung um Arno Del Curto war um ein Kapitel reicher.
Die Wieser-Brüder: Mit dem Kopf durch die Wand
Auf dem Weg zum dritten Titel (2007) musste sich Del Curto im Viertelfinal gegen die ZSC Lions etwas einfallen lassen, als man im Viertelfinal bereits mit dem Rücken zur Wand stand. Also erklärte Del Curto die Wieser-Brüder Marc (damals 19) und Dino (17) zur Flügelzange mit besonderen Aufgaben (mit dem Kopf durch die Wand) und fand so einen Weg, diese Serie in sieben Spielen zu gewinnen. Neben dem harten Kern von Schweizern um die Gebrüder Reto und Jan von Arx, Sandro Rizzi und dem Universalgenie Josef Marha gehörten ab diesem Zeitpunkt auch die Wieser-Brüder zur Standardbesetzung.
Zu diesem Zeitpunkt war Andres Ambühl phasenweise der einzige Davoser, der für die Nationalmannschaft aufgeboten wurde. Del Curto hatte bereits 2005 wissen lassen: «Mittlerweile ist es unseren Spielern egal, ob sie ein Nati-Aufgebot bekommen oder nicht.» Die Ausnahme der Regel war Ambühl. Im Zwist mit dem Verband war der Bauernsohn aus dem Sertig der «Trumpf-Buur» – man konnte Del Curto ja nicht vorwerfen, den Verband und Ralph Krueger systematisch zu unterwandern.
Die Konstante? Arno Del Curto und die Von-Arx-Brüder
Der Krach war erst beigelegt, als Nati-Trainer Ralph Krueger nach den Olympischen Spielen von 2010 in Vancouver entlassen wurde. Ein Jahr zuvor und ein Jahr danach feierte Arno Del Curto mit dem HC Davos die Titel Nummer vier und fünf im Playoff-Zeitalter.
Die Konstante dieser Epoche? Trainer Arno Del Curto und die Von-Arx-Brüder Jan (48) und Reto (49). Sie waren bei allen sechs Titeln dabei, die der HCD in der Playoff-Ära gewinnen sollte.
Das Ende – tiefe Abgründe zwischen besten Freunden
Del Curto selbst war von 1996 bis zum 27. November 2018 der Chef in Davos. 22 Saisons und ein paar Monate. Bis fast zuletzt unumstritten. Aber gegen die Gesetze der Branche konnte auch der Engadiner nichts ausrichten. Das hatte er bereits 2005 zumindest geahnt: «Irgendwann will man auch in Davos ein neues Gesicht sehen, dann jagt man mich mit Hellebarden und Schrotflinten aus dem Dorf». So schlimm war es damals nicht. Aber die Zeit Del Curtos war abgelaufen. Mit den Gebrüdern von Arx hatte er sich bereits zuvor zerstritten, als man sich 2015 nicht einig wurde, ob und wie man gemeinsam weitermachen will.
Auch zwischen den besten Freunden können sich irgendwann tiefe Abgründe auftun. Engadiner und Emmentaler. Engadiner gegen Emmentaler. Das Schlussbouquet dieser Story? Reto von Arx erzielt im Zürcher Hallenstadion am 11. April 2015 im fünften Spiel der Finalserie gegen die ZSC Lions den Treffer, der die Meisterschaft entscheidet. Und Schluss. Auch mit Titeln für den HCD.

