Das Drama von Walter Blaser
Ein Boxer schneidet sich die Kehle auf

Der Aufstieg und Fall des boxenden Verdingbuben Walter Blaser. Die Kolumne von Felix Bingesser.
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Walter Blaser, der Rocky aus dem Haslital, bestritt in den 1970er-Jahren über 30 Profiboxkämpfe.
Foto: RDB
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Felix BingesserReporter Sport

Viele stecken in der Kindheit Schläge ein und teilen später Schläge aus. Das Wort Schicksalsschlag hat für Boxer, im Sinne des Wortes, eine spezielle Bedeutung. Im Ring kämpfen sie gegen ihren Gegner, im Leben gegen sich selbst.

Vor einer Woche wurde an dieser Stelle nach dem Tod von Denis Boitsov an Schicksale aus der Welt des internationalen Boxsports erinnert. Die gibt es auch in der Schweiz, wo der Boxsport nach der Europameisterschaft 1959 in Luzern in den 60er- und 70er-Jahren einen grossen Boom erlebt. Rund um den Auftritt von Muhammad Ali im Zürcher Hallenstadion im Dezember 1971 hält die Nation in Atem.

Es gibt in diesen Jahren auch Schweizer Boxer mit internationaler Ausstrahlung. Die Chervet-Brüder oder Sepp Iten sind Namen dazu. Der Berner Trainer Charly Bühler ist der Nabel der Szene. Dort tauchte Ende der 60er-Jahre auch Walter Blaser auf.

Blaser stammt aus Meiringen. Als er neun Jahre alt ist stirbt sein Vater. Blaser wird Verdingbub. Im selben Jahr verbringt der neunjährige Walter erstmals einen ganzen Sommer allein als Viehhirte auf einer Alp. Er wird menschenscheu und verliert zeitweise seine Sprache.

Als junger Mann geht er nach Bern und entdeckt den Sport. Das Boxen wird zu seiner neuen Sprache. Er ist kein feiner Techniker, aber ein harter Schläger. Irgendwann, hat er als Kind immer wieder gesagt, werde er es allen zeigen.

Eine Niederlage im Hallenstadion als Anfang vom Ende

Blaser feiert Erfolge. Die Schweizer Illustrierte und der Blick berichten gross über den Rocky aus dem Haslital. Über den Verdingbub, der sich nach oben geboxt hat. Es ist die geliebte Tellerwäscherstory. Der Stoff, aus dem die Träume sind.

Aber man ahnt: Das Glück ist auch hier ein flüchtiges. Die traumatische Kindheit holt Blaser, der nie erfahren hat was Zuneigung und Liebe ist, ein. 1975 verliert er im Hallenstadion im Kampf um den EM-Titel gegen den Spanier Ramon Fouz knapp. Es ist der Anfang vom Ende.

Blaser lebt mittlerweile in Genf. Er eröffnet die seidene Bierstube St. Pauli, später auch das Restaurant Chez Blaser. Er kommt immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Es geht um gestohlene Autos, um Schlägereien in seinen Lokalen.

1983 zieht seine Freundin Marie-Luce unter Polizeischutz aus der gemeinsamen Wohnung aus. Blaser schlägt einem Polizisten mit einem Beil auf den Kopf. Und wird verhaftet. Am 14. Juni wird er aus dem Gefängnis entlassen. Er versöhnt sich mit Marie-Luce, sie heiraten. Ein kurzes Glück.

Der krankhaft eifersüchtige Blaser betritt am 4. November 1988 um 19.10 das Genfer Tea-Room, in dem seine Frau arbeitet. Er greift zum Messer und sticht mehrmals auf seine Frau ein. Einen Gast, der dazwischen gehen will, schlägt er nieder. Nach der tödlichen Messerattacke geht Blaser auf die Toilette. Und schneidet sich die Kehle durch. Er stirbt im Alter von 41 Jahren.

1994 wird das Schicksal von Blaser in «Punch» verfilmt. Die Hauptfigur ist das Waisenkind Köbi, das bei einer Pflegefamilie im Berner Oberland aufwächst. «Der Film ist ein Zeitdokument über die Schweizer Boxszene der 60er- und 70er-Jahre und über das Schicksal ehemaliger Verdingkinder» heisst es im Vorspann.

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