Wahlen in Brasilien
Lulas letzter Tanz

Am 4. Oktober wählt Brasilien einen neuen Präsidenten. Spitzenkandidaten sind der Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro, der älteste Sohn seines Vorgängers Jair Bolsonaro. Das Rennen wird zum Showdown zwischen links und rechts.
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Der amtierende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva tritt bei der aktuellen Wahl für eine mögliche vierte Amtszeit an.
Foto: AP Photo/Andre Penner
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Anna Clara KohlerRedaktorin Politik

Lula versucht einen letzten Tanz, Flávio Bolsonaro (45), in die Fussstapfen seines Vaters zu treten: Diese Woche begann in Brasilien der Präsidentschaftswahlkampf.

13 Kandidatinnen und Kandidaten kandidieren um das höchste Amt in Südamerikas grösstem Land. Spitzenkandidaten sind Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (80) aus der linken Arbeiterpartei (PT) und Senator Flávio Bolsonaro von der rechtspopulistischen Liberalen Partei (PL). Er ist der älteste Sohn des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Der erste Wahlgang findet am 4. Oktober statt.

Die Gegenwart der Demokratie Brasiliens ist von Korruption, Ölgeldern und Protesten geprägt. Sechs Ereignisse der letzten Jahrzehnte haben dazu geführt, dass 2026 – wie schon 2022 – die Namen Lula und Bolsonaro auf dem Wahlzettel stehen:

Sturz der Militärdiktatur

Es ist das Jahr 1979, in Brasilien regiert eine Militärdiktatur. Millionen von Arbeitern gehen auf die Strasse. Die Streikenden fordern direkte Wahlen, bessere Sozialleistungen. Allen voran «Lula», wie ihn seine Anhänger nennen, Anfang dreissig, Stahlarbeiter und Gewerkschaftsführer. Auf der Strasse vertritt er die in der brasilianischen Politik extrem unterrepräsentierte Arbeiterklasse.

1980 gründet Lula da Silva die Arbeiterpartei, in den folgenden Jahren verliert die Diktatur schrittweise ihre Macht. Die Geschehnisse während der Herrschaft des Militärs seien aber nie aufgearbeitet worden, erklärte Politikwissenschaftlerin Mayra Goulart gegenüber der «Tagesschau». Und den einstigen Machthabern blieb die Möglichkeit, sich weiterhin politisch zu beteiligen.

Lulas Wahl und seine ersten Amtsperioden

2002 gelingt Lula der Sprung in die Rolle des Staatschefs. Dafür war er Kompromisse mit den Mitte-Parteien eingegangen. In den zwei darauffolgenden Amtsperioden lancierte er mehrere Sozialprojekte. Der Dokumentarfilm «Am Rande der Demokratie» begleitet Lula und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff über Jahre hinweg. Dabei zeigt er am Beispiel der Familie von Regisseurin Petra Costa die jahrzehntelange gesellschaftliche und politische Spaltung des Landes und seiner Gesellschaft.

Mit seinem Projekt zur Familienbeihilfe «Bolsa Família» holte Lula da Silva 20 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer aus der Armut. Die Arbeitslosenquote sank auf einen nie zuvor erreichten Stand. 2006 entdeckte das Unternehmen Petrobras vor der Küste von Rio de Janeiro riesige Ölreserven, die Brasiliens Aufstieg zu einer führenden Ölmacht garantierten. Der Gewinn aus dem «schwarzen Gold» wurde auch zur Finanzierung von Sozialprogrammen genutzt – nutzte aber nicht zuletzt der Korruption.

Das Scheitern von Dilma Rousseff

Lula schied mit 87 Prozent Zustimmung aus dem Amt und präsentierte bei den Wahlen 2010 Dilma Rousseff als Nachfolgerin. Seine damalige Kabinettschefin hatte eine militante Vergangenheit: Während der Militärdiktatur kämpfte sie im Widerstand. 2014 gewann sie trotz gesunkener Popularität die Präsidentschaftswahl zum zweiten Mal, wenn auch knapp. Obwohl ihr keine Korruption nachgewiesen werden konnte, nahm der Unmut gegen Rousseff im Kongress und in der Bevölkerung stetig zu. Ihr wurden unerlaubte Haushaltsmanipulationen vorgeworfen. 2016 trat sie zurück.

Operation «Waschanlage»

Die gegen die Korruption im Land gerichtete Polizei-Operation «Lava Jato» (Waschanlage) begann 2014 mit der Aufdeckung eines weitverzweigten Korruptionsnetzes. Darin verwickelt waren grosse Bauunternehmen, das halbstaatliche Mineralölunternehmen Petrobras und viele Politiker, von denen mehrere im Lauf der Ermittlungen verhaftet wurden. 2018 kam auch Lula da Silva hinter Gitter, war jedoch ein Jahr später wieder frei. Das Urteil gegen ihn wurde 2021 wegen Verfahrensfehlern aufgehoben; 2022 durfte er wieder kandidieren.

Rechtsruck unter Jair Bolsonaro

Die Korruptionsskandale, die mit «Lava Jato» ans Licht kamen, erfassten sämtliche Parteien. Der ehemalige Fallschirmjäger Jair Messias Bolsonaro, langjähriges Mitglied des Kongresses, erwies sich im Vergleich mit der korrupten Elite des Landes als einigermassen sauber und gewann rasch an Popularität.

Eine schwere Wirtschaftskrise und sicherheitspolitische Krisen hatten in vielen Brasilianerinnen und Brasilianern den Wunsch nach einem radikalen Wechsel verstärkt. Eines von Bolsonaros Wahlversprechen war die Lockerung des Waffenrechts. Zugleich diskriminierte er immer wieder offen Frauen, Schwarze und Homosexuelle. Zudem sprach er die mächtigen Evangelikalen Brasiliens an. 2019 gewann er die Präsidentschaftswahlen und blieb bis Ende 2022 im Amt.

Die Frage nach dem Erbe der Rechten

Im September 2025, knapp drei Jahre nach seiner Niederlage in der Präsidentschaftswahl gegen Lula, wurde Bolsonaro wegen eines versuchten Putschs gegen diesen zu 27 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt, die er jedoch im Hausarrest absitzen darf. Seitdem ist die brasilianische Rechte gespalten: «Als Jair Bolsonaro Ende letzten Jahres verhaftet wurde, gab es über viele Monate hinweg einen riesigen Streit innerhalb der Bewegung darüber, wer der Nachfolger werden sollte», so der Politologe Guilherme Casarões gegenüber SRF.

Am Ende fiel die Wahl auf den ältesten Sohn des Ex-Präsidenten. Nun will Flávio Bolsonaro, Senator aus dem Bundesstaat Rio de Janeiro, das Projekt seines Vaters fortführen.

Lula hat die besseren Chancen

Die Linke, der es nicht gelungen ist, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für Lula aufzubauen, stellte ihn ungeachtet seines hohen Alters noch einmal auf. In Brasilien sind maximal zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten erlaubt. Nach einem Unterbruch darf man wieder antreten. 2026 wäre Lulas vierte und sehr wahrscheinlich letzte Amtszeit.

Trotz dessen Jugend werden seinem Konkurrenten Bolsonaro junior nicht ganz so gute Chancen eingeräumt wie Lula. Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Datafolha deutet im ersten Wahlgang auf bessere Chancen für den erfahreneren Kandidaten hin. Erreicht keiner der beiden Anfang Oktober eine Mehrheit der Stimmen, findet Ende des Monats ein zweiter Wahlgang statt.

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