Darum gehts
- Schweizerischer KMU Verein seit Mitte März nach Rücktritten ohne Führung
- Fehlende Leistungen, finanzielle Probleme und Unregelmässigkeitsvorwürfe belasten den Verein
- Nur noch 2000 Franken in Kasse; 200'000 Franken Darlehen aufgebraucht
«Wie konnte ich nur so naiv sein», sagt Unternehmerin Anja S.* aus der Zentralschweiz. Sie machte beim Schweizerischen KMU Verein mit, einem Klub, der behauptet, 2800 Mitglieder und über 60’000 registrierte Unternehmen zu zählen sowie mit 80 Partnerunternehmen zusammenzuarbeiten. Auch Anja S. war mit ihrer kleinen Dienstleistungsfirma Partnerin des Firmennetzwerks.
Für einen Jahresbeitrag von 12’500 Franken wurden ihr umfangreiche Gegenleistungen versprochen, etwa Auftritte an Anlässen und die direkte Vermittlung von Geschäftskontakten. Auch Reto U.* aus Zürich zahlte seinen Partnerbeitrag. Doch die versprochenen Leistungen blieben aus. Reto U. und Anja S. haben sich mit anderen KMU-Unternehmern zusammengeschlossen, um koordiniert gegen den Verein vorzugehen.
Dem Blick liegen Korrespondenzen vor, die auf kaum haltbare Zustände in der Führung und Organisation des Vereins mit Sitz in Naters VS schliessen lassen. So wurden Meetings teilweise kurzfristig abgesagt oder fanden gar nicht statt. E-Mails blieben über Tage unbeantwortet. Vor allem aber wurden die versprochenen Leistungen nicht erfüllt oder auf später verschoben. Zwei Onlinemagazine, die den Partnern zu mehr Sichtbarkeit verhelfen sollten, wurden seit Monaten nicht mehr aktualisiert.
Namhafte Partner geholt
Anfang März eskalierte die Lage. Hintergrund waren Spannungen zwischen dem Präsidium des Vereins und dem Geschäftsführer Fabian Reinarz (50). Dieser ist Initiator des im Juli 2024 gegründeten Vereins, mit dem er die Schweizer KMU-Landschaft aufmischen und ein Gegengewicht zum Gewerbeverband oder dem KMU Verband Schweiz bilden wollte.
Fabian Reinarz ist es gelungen, zahlreiche namhafte Partner an Bord zu holen. So wurden etwa die Coop Rechtsschutzversicherung Mitglied, das Softwareunternehmen Bexio, die Berner Privatbank von Graffenried oder Kamuno, ein KMU-Finanzierungsunternehmen der Urner Kantonalbank. Dies wiederum lockte weitere Partnerfirmen aus dem IT-, Marketing- oder Personalwesen an. Die Zahl der Partner schnellte bis Ende 2025 auf rund 80 hoch.
Um den Verein breiter aufzustellen, verstärkte Reinarz den Vorstand mit einem Rechtsanwalt, einem erfahrenen Manager und einem politischen Aushängeschild, der Solothurner SVP-Kantonsrätin Stephanie Ritschard (53). Als Co-Präsidentin und Ressortleiterin Politik und Wirtschaft sollte sie dem Verein ein Gesicht geben. Die Politikerin brachte sich mit öffentlichen Stellungnahmen zum Zollstreit mit den USA im Namen des Vereins in die Debatte ein.
Ende 2025 eskalierten die Probleme
Ende 2025 kam es erstmals zu Spannungen; es ging um Honorare, Mitgliederbeiträge und teilweise grössere Darlehen. Die finanziellen Mittel waren stets knapp, wie Kontoauszüge zeigen. Für die Beteiligten war das Engagement für den Verein keine Fronarbeit, sondern auch ein Job. Co-Präsidentin Ritschard liess sich ihr 30-Prozent-Engagement mit monatlich 5000 Franken vergüten.
Zum Eklat kam es am 9. März, als Initiant Reinarz das Handtuch warf und seinen Rücktritt bekannt gab. Auf der Netzwerkplattform Linkedin beklagte er sich über eine fehlende Übereinstimmung zwischen definierten Leitplanken, gelebter Verbindlichkeit und operativer Umsetzung. Kurz darauf legten Co-Präsidentin Ritschard und weitere Vorstandsmitglieder ihr Amt nieder.
Seit Mitte März steht der Verein ohne Führung da. In den Rücktrittsschreiben weist Co-Präsidentin Ritschard «jegliche Verantwortung» für das Netzwerk von sich und empfiehlt den Mitgliedern und Partnern, Strafanzeigen einzureichen. Das wiederum löste eine Austrittswelle von Mitgliedern und Partnern aus. Ein Event im Berner Nobelhotel Bellevue musste kurzfristig abgesagt werden. Inzwischen haben nahezu alle Partner gekündigt.
Stephanie Ritschard und Fabian Reinarz erheben gegenseitig schwere Vorwürfe. «Ich bin mit sofortiger Wirkung zurückgetreten, nachdem sich zunehmend gravierende Unklarheiten und Widersprüche ergeben haben», sagt Ritschard zu Blick. «Diese Situation belastet mich derzeit stark – sowohl operativ als auch finanziell.» Sie beklagt ausstehende Vergütungen. Es bestünden «klare Hinweise auf erhebliche Unregelmässigkeiten», die aufgearbeitet werden müssen. Sie erwägt rechtliche Schritte – insbesondere zur «Durchsetzung meiner eigenen Ansprüche sowie zur Klärung der gesamten Vorgänge».
Anwälte eingeschaltet
Fabian Reinarz hat ebenfalls einen Anwalt eingeschaltet, wie er gegenüber Blick erklärt. Er bestätigt interne Differenzen. Hauptgrund für seinen Rücktritt seien jedoch gesundheitliche Probleme gewesen, wie er in einem Statement schreibt. Er habe den Verein praktisch aufgebaut und während zweier Jahre mit sehr hoher Intensität daran gearbeitet. Im Herbst habe er kurz vor einem Burnout gestanden. Reinarz räumt auch ein, dass es zu gesundheitlichen Ausfällen kam. Seiner Co-Präsidentin Ritschard macht er den Vorwurf, zu wenig für den Verein getan zu haben. «Aus meiner Sicht wurde dieses Pensum nicht im vereinbarten Umfang wahrgenommen.»
Den Vorwurf von Versäumnissen weist er von sich. «Aus meiner Sicht gab es meinerseits weder in der Buchführung noch in der Mittelverwendung Unregelmässigkeiten», sagt er. Er habe keine Zeichnungsberechtigung und keine Prokura gehabt und konnte somit keine «eigenmächtigen Zahlungen» auslösen.
Die Vereinskasse ist inzwischen leer. Gemäss Kontoauszügen befanden sich per 16. März noch knapp 2000 Franken in der Kasse. Ein Darlehen über 200’000 Franken, das erst Ende letztes Jahr eingeschossen wurde, ist inzwischen aufgebraucht. Der finanzielle Schaden ist enorm und dürfte sich auf mehrere 100’000 Franken belaufen. Am 9. April soll eine ausserordentliche Generalversammlung durchgeführt werden. Das Mandat dazu hat Fabian Reinarz. Ob der Verein eine Zukunft hat, ist ungewiss.
* Namen bekannt