Akademiker statt Bankpraktiker
Wie sturmsicher ist die Finma-Spitze?

Die Finanzmarktaufsicht ist eine der mächtigsten Behörden der Schweiz – doch bürokratische Abläufe und fehlendes Praxiswissen an der Spitze sind ein Problem.
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Mit Katia Villard wird eine Geldwäschereiexpertin Verwaltungsrätin der Finma.
Foto: zVg

Darum gehts

  • Finma wächst zur mächtigen Behörde, Kompetenz im Verwaltungsrat fraglich
  • Mangel an Bankpraxis im Finma-Verwaltungsrat trotz UBS-Klumpenrisiko
  • Finma-Personalbestand steigt von 320 auf 638 Vollzeitstellen bis Ende 2024
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Beat SchmidFester Mitarbeiter Blick

Die Finma ist auf dem Weg, eine der grössten und mächtigsten Behörden in Bern zu werden. Personalbestand und Tätigkeitsfelder werden laufend ausgebaut. Bei der Gründung zählte die Organisation 320 Mitarbeitende. Ende 2024 waren es bereits 638 Vollzeitstellen – und der Wachhund des Finanzplatzes bleibt gefrässig: Die Ressourcen sollen auch künftig «bedarfsgerecht» ausgebaut werden. Wenn die Politik nicht bremst, dürfte die Zahl der Stellen in wenigen Jahren die Marke von 1000 übersteigen.

Ein Blick auf die obersten Führungsebenen wirft die Frage auf, ob die Finma ihrem Auftrag gerecht wird, einen der wichtigsten Finanzplätze der Welt effizient zu überwachen. An der Spitze des obersten Leitungsgremiums, des Finma-Verwaltungsrats, steht seit 2021 Marlene Amstad (57). Trotz CS-Debakel wurde die Professorin vom Bundesrat für eine weitere Amtszeit bestätigt – sie gehört damit zu den letzten verbliebenen Verantwortungsträgern aus dem Bankencrash von 2023, der den Ruf des Schweizer Finanzplatzes international erschütterte.

Letzte Woche wählte der Bundesrat ein neues Mitglied in das Gremium: die junge Genfer Strafrechtlerin Katia Villard. Die 40-Jährige ist auf Geldwäscherei spezialisiert, seit 2022 ist sie Associate Professorin für Strafrecht an der Universität Genf und seit 2023 Leiterin des Zentrums für Banken- und Finanzmarktrecht. Mit ihrem überschaubaren Rucksack ist sie ein Leichtgewicht.

Villard wird eine von drei Professorinnen im Finma-Verwaltungsrat sein. Den Akademikerinnen stehen fünf Männer mit Praxishintergrund gegenüber. Ein Blick auf die Biografien zeigt allerdings: Erfahrener Bankpraktiker sind dünn gesät. Kein einziges Mitglied hat je in einer Konzernleitung einer systemrelevanten Bank gesessen. Auch sie sind Leichtgewichte.

Das tiefe Verständnis fehlt

Dem Gremium fehlt das vertiefte Verständnis für die Mechanismen einer Grossbank – erst recht in Krisen, wenn faule Kredite die Substanz angreifen, im Handel Milliardenverluste entstehen oder Liquidität innert Stunden abfliesst. Angesichts des «einzigartigen Klumpenrisikos», das die UBS für die Schweiz darstellt – das sind die Worte des Finma-Direktors Stefan Walter (60) –, ist das ein unbegreiflicher Mangel an Kompetenz.

Das war auch schon mal anders: Von 2006 bis 2010 präsidierte Eugen Haltiner (77) die Finanzmarktaufsicht; zuvor war er während Jahren Mitglied der Konzernleitung der UBS und spielte eine zentrale Rolle bei der Fusion der damaligen Bankgesellschaft mit dem Bankverein.

Auch auf Stufe Geschäftsleitung der Finma ist Praxiserfahrung kaum vorhanden. Stefan Walter ist von der Scheitel bis zur Sohle Regulierer – nie sammelte er operative Erfahrung bei einer Bank. Er war bei der US-Notenbank und später viele Jahre bei der Europäischen Zentralbank, wo er die Aufsicht für die systemrelevanten Banken der Eurozone aufbaute und leitete.

Hinzu kommt, dass die Geschäftsleitung seit Monaten nicht ordentlich besetzt ist. Drei Mitglieder führen ihre Funktionen lediglich ad interim aus – darunter der stellvertretende Direktor sowie die Leiter der beiden Schlüsselbereiche Banken und Versicherungen. Formell ist der Verwaltungsrat der Finma für die Besetzung dieser Positionen in der Geschäftsleitung verantwortlich.

Für die Nominierung der Verwaltungsratsmitglieder ist das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) von Karin Keller-Sutter (61) zuständig. Dieses schlägt dem Bundesrat jeweils eine Person zur Wahl vor. Vorgängig kann aber auch der Nominationsausschuss des Finma-Verwaltungsrats Vorschläge zuhanden des EFD erarbeiten.

Schlechter Ruf in der Branche

In der Branche geniesst die Finma nicht den besten Ruf – was angesichts der Aufgabe der Behörde auch nicht erstaunt. Direktor Stefan Walter gilt als strenger Aufseher, der gegenüber der UBS eine harte Linie verfolgt. Diese Haltung wird in weiten Kreisen – auch in der Bankenwelt – durchaus begrüsst. Doch Walters Team will nicht nur bei den Grossen durchgreifen, sondern zeigt ebenso grosse Beflissenheit bei kleineren Instituten.

Das sorgt für Kritik. Der Präsident der Fintech Alliance Schweiz, Michael Brüggler, vertritt kleine Fintech-Startups, die eine sogenannte Banklizenz «light» besitzen oder erwerben wollen. Kürzlich machte er die Behörde direkt verantwortlich dafür, dass die junge Lizenzkategorie bisher nicht abgehoben hat. Laut Brüggler verschleppen die Finma-Beamten die Anmeldeverfahren über Jahre. «Inzwischen haben Antragsteller ihre Gesuche zurückgezogen und Mitarbeitende wieder entlassen.»

In einer Stellungnahme schreibt die Behörde, dass auch bei Fintechs «bestimmte Kriterien erfüllt werden» müssten. Nicht alle Gesuchsteller könnten diese problemlos umsetzen. Die Behörde sei aber stets um Verbesserungen der Abläufe und eine Beschleunigung der Verfahren bemüht. Das könne auch bedeuten, ein «aussichtsloses Verfahren früher zu beenden».

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