eb9c16a1ea81bb_poster.jpg
9:39
Zwischen Angst und Einsamkeit:Die Schweiz hat den Corona-Koller

Zwischen Angst und Einsamkeit
Die Schweiz hat den Corona-Koller

Ein Jahr hinter Masken und voller Einschränkungen: Die Schweiz mag nicht mehr, bleibt aber solidarisch.
Kommentieren
Die Corona-Krise kann auch der Psyche zu schaffen machen.
Foto: Imago
Camille Kündig

Einsame Samstagabende, maskierte Gesichter, Dates im Auto und eine zweite Welle, die sich viel zu lange hinzieht: Das Coronavirus macht uns das Leben schwer – und dabei könnte es vorerst bleiben. Angesichts von Impfverzögerungen und Mutationen ist so bald kein Ende in Sicht.

Das Virus belastet – in erster Linie körperlich, aber auch seelisch. Den SonntagsBlick erreichten in den letzten Tagen Dutzende Berichte von Menschen, denen die endlose Krise mit ihren wechselnden Einschränkungen aufs Gemüt schlägt. Die anfängliche Schockstarre ist einer tiefen Abgeschlagenheit gewichen. Auch in den sozialen Medien häufen sich Klagen erschöpfter Menschen, mitunter ist der Ton gehässig.

Zwar schaffen es offenbar die meisten, ihre Leichtigkeit im Alltag zu behalten. Andere aber hadern. Seit Beginn des neuen Jahres laufen bei Psychologen die Telefonleitungen heiss. Die Plattform sanasearch.ch registrierte im Januar fast 20 Prozent mehr neue Buchungen für Psychotherapie als im September. Die Suchanfragen haben sich gar verdoppelt. Während in der ersten Phase Angststörungen im Vordergrund standen, sind es inzwischen Depressionen.

Viele Menschen sind überfordert, manche schlittern ab. Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern behandeln vermehrt Patienten mit Selbstmordgedanken. «Seit der zweiten Corona-Welle steigt die Anzahl suizidaler Patienten weiter an», sagt Susanne Walitza, Klinikdirektorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Selbst die Sterbehilfeorganisation Exit verzeichnet mehr Anfragen.

Stundenlange Zugfahrten und illegale Partys

Der Corona-Koller greift tief, zerrt an Substanz und Nerven. Jugendliche werden erfinderisch, setzen sich mit Plastik-Sektglas an die Bushaltestelle, fahren stundenlang gemeinsam im Zug hin und her, feiern teils illegale Partys. Der Frust artet aber nicht aus wie in den Niederlanden, wo es tagelang zu Strassenschlachten kam.

Seit Montag darf die Polizei Corona-Sünder zur Kasse bitten. Mit einer Bussenflut ist aber nicht zu rechnen, soziale Verantwortung steht im Vordergrund: Die grosse Mehrheit hält sich an die Massnahmen. Zudem werden Verstösse oft im Dialog gelöst. Strafzettel setzt es primär dort, wo es an Einsicht fehlt. Die Stadtpolizei Zürich büsste nach Einführung der neuen Gesetze weniger als zwanzig Menschen, die Kantonspolizei Freiburg stellte innert der ersten vier Tage gerade mal ein Ticket aus.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.

Die Schweizer verhalten sich brav, sind aber vom Corona-Burnout gefährdet. Was tun, damit uns die andauernde Krise nicht ausbrennt? «Wichtig ist, Zeit zum Relaxen und positive Aktivitäten zu pflegen – mit Freunden spazieren oder Fitnesstraining mit PET-Flaschen daheim», empfiehlt Katja Cattapan, Chefärztin für Psychiatrie und Psychotherapie des Sanatoriums Kilchberg. Und – wir sollten nicht zu streng mit uns sein: «Es ist okay, wenn in dieser Lage nicht alles perfekt läuft, wenn der Job im Homeoffice nervt, die Kinder zu viel Energie haben oder die Beziehung wackelt.»

Das Gute ist: Krisen können stärker machen. «Sie werden zur Chance, wenn wir dadurch erkennen, was uns wirklich wichtig ist im Leben, und daraus lernen.»

Anastasia Kati (41), Geschäftsführerin und CFO, Zürich

«Homeoffice mit Kindern – es ist der Horror. Meine zwei Kleinen sind fünf und sieben Jahre alt. Vor der Pandemie gingen sie nach der Schule ins Karate, in den Tanzkurs oder zu Freunden. Jetzt ist alles abgesagt, und es staut sich viel unverbrauchte Energie. In meinen Video-Meetings hört man sie im Hintergrund streiten. Das ging zwei, drei Monate gut. Jetzt dauert das alles zu lange an. Zur Aufmunterung dürfen wir nur noch Single-Freunde einladen, sonst würden wir die Fünf-Personen-Regel überschreiten. Ich bin müde von der Situation – aber dankbar zugleich, dass wir gesund sind und als Familie zusammenhalten.»

Corona Blues Familie_04.02.2021_08.jpg
Nathalie Taiana

«Homeoffice mit Kindern – es ist der Horror. Meine zwei Kleinen sind fünf und sieben Jahre alt. Vor der Pandemie gingen sie nach der Schule ins Karate, in den Tanzkurs oder zu Freunden. Jetzt ist alles abgesagt, und es staut sich viel unverbrauchte Energie. In meinen Video-Meetings hört man sie im Hintergrund streiten. Das ging zwei, drei Monate gut. Jetzt dauert das alles zu lange an. Zur Aufmunterung dürfen wir nur noch Single-Freunde einladen, sonst würden wir die Fünf-Personen-Regel überschreiten. Ich bin müde von der Situation – aber dankbar zugleich, dass wir gesund sind und als Familie zusammenhalten.»

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen