Kamele und Königspinguine Adieu!
Zoo-Direktor Severin Dressen: «Wir sind keine Arche Noah»

Kamele weg, später auch die Königspinguine! Der Zoo Zürich gibt nur noch bedrohten Tieren ein Zuhause. Direktor Severin Dressen erklärt, wie der Zoo der Zukunft aussieht, warum der Spass trotzdem nicht zu kurz kommt und was Freiheit für Tiere bedeutet.
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Der Kölner Severin Dressen ist seit sechs Jahren Direktor des grössten Zoos der Schweiz.
Foto: Nik Hunger

Darum gehts

  • Zürcher Zoo reduziert bis 2030 Tierbestand, Fokus auf bedrohte Arten.
  • Kamele, Seehunde und Königspinguine verlassen, neue Arten wie Goldtakine kommen.
  • 72 Prozent der Säugetiere im Zoo sind bereits als bedroht eingestuft.
Text Silvana Degonda Fotos Nik Hunger
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Schon mit 13 Jahren wollte Severin Dressen Zoodirektor werden. Seit 2020 lebt er seinen Traum auf dem Zürichberg. Zum Job gehört auch das Abschiednehmen. Bis 2030 will der Zoo seinen Tierbestand auf bedrohte und für die Forschung wichtige Arten ausrichten. Als bekannt wurde, dass Publikumslieblinge wie Kamele, Seehunde und Königspinguine gehen müssen, war der Aufschrei gross. Dafür ziehen neue Bewohner ein: Goldtakine aus dem Himalaya und eine bedrohte Robbenart. Elefanten, Nashörner, Gorillas, Tiger und Giraffen dürfen bleiben.

Was war als Kind Ihr Lieblingstier im Zoo, Herr Dressen?

Ich war immer begeistert von Pinguinen. Ich bin sehr wasseraffin, und das Tauchen und Schwimmen der Tiere hat mich fasziniert.

Nun müssen die Königspinguine den Zoo verlassen. Die Pinguinparade an kalten Tagen ist berühmt und für viele Kinder ein Highlight. Nehmen Sie damit gebrochene Kinderherzen einfach in Kauf?

Das stimmt so nicht ganz! Zum einen werden uns die Königspinguine nicht ad hoc verlassen. Aktuell laufen beispielsweise noch wichtige Forschungsprojekte bei den Königspinguinen. Langfristig werden wir die Haltung aber beenden. Allerdings nicht, weil sie nicht bedroht sind. Das ist zwar aktuell der Fall. Bis wir die Tiere dann tatsächlich abgeben, dürfte – mit Blick auf die Klimaprognosen – aber auch ihre Art bedroht sein.

Warum müssen sie dann gehen?

Wir planen einen riesigen neuen Lebensraum, die Meeresküste. Darin sollen Hunderte Pinguine leben. Antarktische Arten wie die Königspinguine brauchen gekühlte Anlagen. Ein zweieinhalb Hektar grosses Areal ganzjährig auf 4 Grad herunterzukühlen, ist unmöglich. Deshalb können wir sie dort nicht halten.

Gibts dann auch keine Parade mehr?

Auch mit einer anderen Pinguinart ist eine Parade möglich.

Ist so eine Tierparade noch zeitgemäss?

Es gibt gute Argumente dafür und dagegen. Wenn ein Pinguin direkt an einem vorbeiläuft, ist das eindrücklich und berührt. Unsere derzeitige Parade beruht auf Freiwilligkeit. Hat ein Tier keine Lust, läuft es nicht mit. Im neuen Lebensraum kehren wir es um. Die Gäste gehen stattdessen durch den Lebensraum der Pinguine. Ähnlich wie in unserem Masoala-Regenwald taucht man mitten in ihren Lebensraum ein – ohne Barrieren. Die Menschen machen quasi eine Parade für die Pinguine (lacht).

Bis 2030 werden noch viele weitere Arten den Zoo verlassen. Haben Sie keine Verantwortung für Tiere, die Sie einmal aufgenommen haben?

Natürlich! Die Umstellung ist aber keine neue Strategie. Wir kommunizieren seit Jahren, dass wir unseren Tierbestand verändern. Als Zoo sind wir einerseits ein Erlebnisort. Andererseits haben wir vier Hauptaufgaben: Artenschutz, Naturschutz, Forschung und Bildung. Den grössten Beitrag zum Artenschutz leisten wir, wenn wir uns auf bedrohte Arten konzentrieren.

Was heisst das konkret?

Bei den grossen, charismatischen Säugetieren ändert sich wenig, weil die meisten ohnehin bedroht sind. Tiger, Gorilla, Elefant und Co. bleiben. Bei Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen haben wir bereits stark umgestellt. Heute sind rund 72 Prozent der Säugetierarten, die wir halten, bedroht.

Wohin kommen die Tiere, die gehen müssen?

Jede Woche verlassen Tiere den Zoo, etwa weil wir Nachwuchs haben, wir Zuchtgruppen neu zusammensetzen oder Arten wechseln. Das wird in europäischen Erhaltungszuchtprogrammen koordiniert. Für eine Tierart gibt es dann einen Zuchtbuchkoordinator, der weiss, wie die Tiere miteinander verwandt sind. Dieser entscheidet, welcher Zoo welche Individuen hält, und weist uns dann die entsprechenden Zoos zu. Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, wir seien die Arche Noah: Man schickt uns ein Männchen und ein Weibchen jeder Art, und damit sei alles gerettet.

Wäre es nicht sinnvoller, bedrohte Tiere dort zu züchten, wo sie herkommen, damit man sie später auswildern kann?

Das ist an manchen Orten sinnvoll. Aber es funktioniert nicht überall. Es nützt nichts, Tiere auszuwildern, solange die Probleme vor Ort nicht gelöst wurden. Derzeit sind wir an einem Projekt beteiligt, das Waldantilopen in Kenia wieder ansiedelt. Das macht aber erst jetzt Sinn, da wir vor Ort die Umweltzerstörung und die Wilderei in den Griff bekommen haben. Hätten die Antilopen während dieser Zeit nicht in Zoos gelebt, stünden sie jetzt nicht für die Wiederansiedlung zur Verfügung.

«Tiere in modernen Zoos leben viel länger als ihre Artgenossen in der Wildnis!», sagt Dressen.
Foto: copyright by nik hunger, fotograf, zürich

Darf ein Zoo nur noch belehren und nicht mehr unterhalten?

Ganz im Gegenteil! Die Menschen kommen zu uns, um eine gute Zeit zu verbringen. Wir sind die meistbesuchte Freizeiteinrichtung der Schweiz. Aber das eine schliesst das andere nicht aus. Im geplanten Pantanal-Feuchtgebiet, einem Lebensraum für bedrohte Tiere aus Südamerika, werden die Gäste eintauchen können und Tiere aus nächster Nähe erleben.

Was ist mit dem Streichelzoo? Dort leben ja auch nicht bedrohte Tiere.

Eine Nutztierrasse kann per Definition nicht bedroht sein. Aber es gibt seltene Nutztierrassen, die ebenfalls drohen zu verschwinden. Im Zoolino fokussieren wir in Zusammenarbeit mit ProSpecieRara auf genau solche: Schwarzes Alpenschwein, Schweizer Huhn, Bündner Oberländer Schaf oder Pfauenziegen. Die direkte Begegnung ist für Kinder und Erwachsene wertvoll, solange sie freiwillig für das Tier ist.

Manche nennen den Zoo «woke», weil es Glace ohne Palmöl gibt oder Bratwürste mit Erbsenprotein gestreckt werden.

Es geht hier nicht um woke oder nicht woke. Solche Veränderungen unterstützen unsere Naturschutzarbeit. Palmölfreies Glace bieten wir übrigens schon seit 20 Jahren an. Die Hälfte unserer Gerichte ist vegetarisch oder vegan, die andere Hälfte enthält Fleisch. Die Gäste wählen frei. Und wenn wir bei einer Wurst den Fleischanteil mit pflanzlichen Proteinen reduzieren können, ohne dass der Geschmack leidet, ist das auch sinnvoll.

Warum löst der Zoo Emotionen aus?

Tiere berühren uns. Wir schützen nur das, was wir kennen. Wenn es uns gelingt, Menschen für Tiere und Natur zu begeistern, ist unglaublich viel gewonnen. Gleichzeitig entfremdet sich unsere Gesellschaft zunehmend von der Natur, und wir vermenschlichen Tiere oft, was ihnen selten guttut.

Nervt die Kritik manchmal?

Ja und nein. Kritik aus ehrlicher Sorge oder aufrichtigem Interesse nehmen wir ernst. Wir versuchen, transparent zu sein und zu erklären, warum wir etwas tun. Das zeigt, wie sehr den Menschen der Zoo am Herzen liegt. Eine Minderheit will bloss polemisieren oder Frust abladen. Davon muss man sich nicht unnötig belasten lassen.

Im geplanten Ndoki-Wald sollen Gorillas, Okapis und Zwergflusspferde leben. Was erwartet die Besucher?

Ein mehrere Hektar grosser Wald, teils im Freien, teils in einem riesigen Tropenhaus. Wir konzentrieren uns auf bedrohte Arten Zentralafrikas und verknüpfen den Lebensraum mit unserem Naturschutzprojekt in der Republik Kongo. Gorillas sollen auf 25 bis 30 Meter hohe, lebende Bäume klettern können. Kleinere Affenarten werden sich ohne Barrieren im Gästebereich bewegen.

Tierschützer sagen, dass selbst progressive Zoos Tieren nicht die Freiheit bieten können, die sie in der Wildnis hätten.

Man kann ja alles behaupten! Entscheidend sind die wissenschaftlichen Fakten. Tiere in modernen Zoos leben signifikant länger als ihre Artgenossen in der Wildnis. Hunger, Fressfeinde, Krankheiten und Parasiten fallen als zentrale Stressfaktoren weg. Wir romantisieren die Natur oft. Sie ist nicht idyllisch, sondern fordernd und unerbittlich. Unsere Tiere in der Masoala-Halle haben eine höhere Lebensqualität als viele Tiere im bedrohten madagassischen Regenwald.

Aber fehlt den Tieren nicht die Freiheit?

Freiheit ist ein menschliches Konzept. Für Tiere ist Sicherheit oft wichtiger als Bewegungsfreiheit. Unsere Pfauen leben seit Generationen frei auf dem Zoogelände. Sie könnten bis zum Zürichsee spazieren, tun es aber nicht. Wenn Futter, Fortpflanzung, Gefiederpflege und sichere Schlafplätze gewährleistet sind, haben sie keinen Grund, wegzugehen. Sie haben bis heute nicht mal den unteren Zooteil erkundet.

Langeweile kann die Tiere krank machen.

Darum fordern wir sie geistig und körperlich. Leben verschiedene Arten zusammen, interagieren sie, weichen einander aus oder konkurrieren um Futter und Liegeplätze. Bei Grosskatzen simulieren wir die Jagd mit beweglichen Fleischködern an Seilzügen. Bei Elefanten und Giraffen sorgen computergesteuerte Futterstationen dafür, dass das Futter unvorhersehbar auftaucht und sie dadurch immer in Bewegung und auf der Suche sind.

Wie sieht ein Zoo im Jahr 2050 aus?

In einer idealen Welt bräuchte es dann gar keine Zoos mehr. Die Menschheit hätte den Wert intakter Ökosysteme erkannt und alle Lebensräume geschützt. Leider glaube ich, dass wir 2050 weit davon entfernt sein werden. Das Artensterben wird noch schlimmer sein, noch mehr Arten werden nur noch mithilfe von Zoos überleben.

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