Diagnose verändert das Leben von Margrit Simeon aus Pfäffikon ZH
«Ich habe gedacht, dass sich der Arzt täuschen muss»

Sie ging krank zur Arbeit – und erlitt einen Herzinfarkt. Für Margrit Simeon (63) war es der Moment, in dem ihr bisheriges Lebensprinzip an seine Grenzen kam: Immer weitermachen, immer für andere da sein. Wie sie lernte, die Signale ihres Körpers wahrzunehmen.
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Margrit Simeon erlitt vor zehn Jahren einen Herzinfarkt.
Foto: Thomas Meier

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Devin SchürchReporter News

«Ich wusste, ich schaffe das nicht mehr»: Margrit Simeon (63) aus Pfäffikon ZH sitzt in ihrem Büro und erinnert sich an jenen Tag im Juni 2016, der ihr Leben veränderte.

Die damals 53-Jährige geht an diesem Morgen zur Arbeit, obwohl sie sich schon seit Tagen krank fühlte. Grippe, dachte sie zunächst. Krankmelden? Für Simeon war das damals undenkbar. «Ich bin immer gegangen, wenn ich krank gewesen bin. Ich habe mich einfach über meinen Körper hinweggesetzt.» Für Simeon hatte das gravierende Konsequenzen.

«Der Arzt sagte, ich soll alles stehen und liegen lassen»

An diesem Morgen merkt sie: Etwas stimmt nicht. Sie kann kaum noch ihren Rucksack tragen. Selbst der Weg durch die Stadt Zürich fällt ihr schwer. Trotzdem geht sie in ihr Büro an der Universitätsklinik Balgrist, wo sie in der Sozialberatung arbeitet.

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Margrit Simeon hat ihr Leben nach dem Herzinfarkt umgekrempelt.
Foto: Thomas Meier

Im Büro geht es ihr immer schlechter. «Ich habe gemerkt, jetzt geht nichts mehr.» Sie lässt sich von einem Arzt in der Klinik untersuchen.

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Margrit erlitt Herzinfarkt:«Der Arzt kam auf mich zugerannt»

«Der Arzt sagte, ich soll alles stehen und liegen lassen», erinnert sich Simeon. Sie hatte einen Herzinfarkt. «Ich habe gedacht, dass sich der Arzt täuschen muss. Das konnte einfach nicht sein.»

Simeon treibt viel Sport und fühlt sich eigentlich als gesunder Mensch. Was sie nie gelernt hat: auf sich selbst zu achten. Ihr Vater stirbt, als sie 14 Jahre alt ist. Zwei ihrer Geschwister leben mit Behinderungen. Für sie gibt es immer etwas zu tun. Immer jemanden, der sie braucht. Ihr Prinzip: weitermachen.

Sie wird mit dem Krankenwagen in die benachbarte Klinik Hirslanden gebracht und notoperiert. Körperlich bleibt kein bleibender Schaden zurück.

Doch selbst nach der Notoperation denkt Simeon nicht daran, kürzerzutreten. Ihr Büro liegt rund 100 Meter vom Spitalzimmer entfernt. «Ich wollte nach dem Aufwachen in mein Büro gehen und weiterarbeiten.»

Der Wendepunkt

Der Herzinfarkt fühlt sich für sie nicht wie eine zweite Chance an. Sondern er bringt ihr bisheriges Leben ins Wanken. Zunächst kehrt sie zu ihrer Arbeit zurück. Erst arbeitet sie 50 Prozent, später 70 Prozent. Doch nach rund einem Jahr merkt sie: Es geht nicht mehr.

«So kann ich nicht mehr weitermachen, ich brauche eine Pause», sagt sich die damalige Sozialberaterin. Sie kündigt, auch wenn es ihr nicht leichtfällt. «Zum ersten Mal geht es nicht darum, was noch erledigt werden muss. Sondern darum, was ich selbst eigentlich will.» Sie nimmt sich daraufhin eine Auszeit.

«Es ist wie eine Schleuse, die aufgegangen ist»

Eine Bekannte hatte ihr von einer Farm mit Pferden erzählt und ihr empfohlen, dort vorbeizuschauen. Mit Pferden hatte sie bis dahin kaum etwas zu tun. Trotzdem lässt sie sich darauf ein. Auf dem Hof begegnet sie einem Pferd, zu dem sie sofort eine Verbindung spürt.

Später, in einem ruhigen Moment, realisiert sie etwas: «Ich habe mich das erste Mal wieder wohlgefühlt», sagt Simeon. «Es ist wirklich wie eine Schleuse, die aufgegangen ist. Wie wenn das Leben zurückgekommen ist.» Sie beginnt, Reitstunden zu nehmen.

Sechs Wochen Irland – und dann ein Pferd

Rund zwei Jahre nach ihrem Herzinfarkt reist Simeon allein für sechs Wochen nach Irland. Auch dort verbringt sie Zeit in einem Stall mit Pferden, was ihre Bindung zu den Tieren weiter stärkt. Als sie wieder in der Schweiz ist, fällt sie die Entscheidung: Sie will ein eigenes Pferd – und entscheidet sich für den Freiberger-Ardenner-Mix Lenny.

Heute ist Lenny für Simeon weit mehr als ein Hobby. Das Pferd reagiert auf ihre Bewegungen, ihre Spannung, ihr Tempo. Es lässt sich nicht in einen vollen Tagesplan pressen.

Bei einem Pferd kann Simeon nicht einfach funktionieren. Sie muss beobachten, warten und reagieren. «Er bringt mich in die Verlangsamung. Ich bin einfach im Hier und Jetzt.»

«Mit anderen Betroffenen zu reden, hat enorm geholfen»

Auch der Austausch mit anderen Betroffenen hilft ihr, das Erlebte zu verarbeiten. Besonders wichtig ist für sie die Peer-Plattform der Schweizerischen Herzstiftung. Diese stellt den Kontakt zwischen Betroffenen her. Das hat ihr viel Stabilität gegeben.

«Es ist etwas ganz anderes, mit Leuten zu reden, denen das Gleiche passiert ist», so die 63-Jährige. «Ihre Ansichten haben mir enorm geholfen, Dinge jetzt anders zu sehen.»

Heute arbeitet Simeon wieder – sie ist hauptsächlich in der Stressberatung tätig. Sie beschäftigt sich mit Stressregulation und damit, wie Menschen die Signale ihres Körpers früher wahrnehmen können.

Also genau mit dem, was sie selbst lange nicht konnte. Heute weiss sie: «Es geht darum, dass ich selbst mein Leben gestalte.»

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