Darum gehts
Miriam Parisi aus Zürich schaut sich im Spiegel an. Die Italienerin ist 1,58 Meter gross und wiegt über 106 Kilogramm. Sie fängt an zu weinen. Und fragt sich: «Wie konnte es nur so weit kommen?» Es ist Herbst 2023. Ihr Selbstvertrauen: komplett weg. Schon zuvor hatte sie aufgehört, in ihrer Jazzband zu singen und in Clubs und Bars aufzutreten. «Ich schämte mich, mit diesem Körper auf der Bühne zu stehen», sagt die mittlerweile 27-Jährige rückblickend. «Alle Diäten brachten nichts.»
Parisi, die als Nanny im Kanton Zürich arbeitet, sucht Hilfe. Und kontaktiert das Spital Limmattal. «Die Ärzte brachten die Option Magenbypass-OP ins Spiel. Ich war sofort überzeugt.» Spezialisten untersuchen Herz, Lungen, Blut. Sie trifft eine Psychologin, eine Chirurgin, eine Ernährungsberaterin. Und unterzieht sich einer Magenspiegelung. Doch bis zur ersehnten Operation im Juni 2024 vergehen sieben schwierige Monate.
Parisi nimmt weiter zu. Wenige Wochen vor der OP wiegt sie 111 Kilogramm. Als sie das den Blick-Reportern beim Besuch im August erzählt, sitzt sie auf dem Sofa ihrer Wohnung. Sie trägt ein schwarzes Kleid. Eine schlanke Frau. Kaum vorstellbar, dass sie einst weit über 100 Kilo wog.
Grosseltern nennen sie «Dickste der Familie»
Es war aber so. Die OP im Jahr 2024 markiert nicht nur das Ende eines Leidenswegs von sieben Monaten. Sondern von 20 Jahren.
Parisi ist noch ein Kind, als aus Worten erstmals Waffen werden, die verwunden. «Meine Grosseltern sagten immer, ich sei die Dickste der Familie.» Parisi lebt in der Stadt Brindisi in Apulien, ihrem Geburtsort. Sie ist fünf. «Es gab auch andere dicke Mädchen im Kindergarten und in der Primarschule. Ich war aber das dickste – leider hatten meine Grosseltern recht.» Mitschüler mobben die kleine Miriam.
Den anderen Kindern wirft sie heute nichts vor. Sondern ihrem Papa und ihrer Mama. «Meine Eltern haben mich nie gelehrt, gesund zu essen!» Zum Zmittag und Znacht futtert die Familie endlos Kohlenhydrate. Pasta, frittierte Pizza. «Selbst der Salat triefte vor Öl», sagt Parisi. Mit zehn, elf Jahren ist sie 50 Kilo schwer. Als 18-Jährige wiegt sie 85, mit 21 bereits 100 Kilo.
Kurz darauf wandert Parisi in die Schweiz aus. Und wird auch hier wegen ihres Übergewichts diskriminiert. «Ich musste mir anhören, es sei nicht gut für die Kindererziehung, als Nanny dick und unsportlich zu sein sowie ungesund zu essen.» Und: «Eine übergewichtige Nanny sei kein Vorbild für Kinder.»
«Wie 100 Nadelstiche in den Bauch»
Die Worte reissen alte Wunden aus Süditalien auf. Parisi leidet. Und nimmt weiter zu. Die Kehrtwende: der Eingriff im Spital Limmattal. Was die Ärzte bei Parisi machen, erklärt ihre behandelnde Ärztin Diana Mattiello (48) gegenüber Blick so: «Bei einer Magenbypass-OP nehmen wir nichts raus, sondern verändern die Anatomie.» Laut Mattiello wird der Magen stark verkleinert und ein Teil des Dünndarms umgangen. Der abgetrennte Teil des Magens bleibt im Körper, die Nahrung gelangt künftig durch den kleinen, etwa kiwigrossen Magen in den verkürzten Dünndarm.
Der Eingriff ist nicht ohne Risiko: Neben den allgemeinen Operationsrisiken – wie Blutungen oder Infektionen – kann der Magenbypass zahlreiche Spätfolgen mit sich bringen. Etwa: Vitamin- und Mineralstoffmangel oder auch Dumpings. Dabei kann es nach fett- oder zuckerreichen Speisen zu Kreislaufproblemen, Übelkeit und Durchfall kommen.
Zurück zu Parisi: Die OP ist zwar ein Erfolg, geht aber nicht spurlos an ihr vorbei. Die Italienerin nimmt sofort ab: In den ersten sechs Wochen nach der OP verliert sie 10 Kilo, leidet aber unter horrenden Schmerzen. «Wie 100 Nadeln, die in den Bauch hineingestochen und herausgezogen werden – immer und immer wieder», beschreibt sie die Qualen. Wochenlang liegt sie nur im Bett. Ihre Tante pflegt sie zu Hause.
Langsam steht die junge Frau wieder auf. Sie hat kaum Hunger. Die wenige Nahrung, die sie zu sich nimmt, schmerzt. «Ass ich in den ersten sechs Monaten sitzend, fühlte es sich an, als wäre das Essen blockiert.» Die Lösung: «Nach jedem Bissen aufstehen und ein paar Schritte gehen.» Wochen und Monate vergehen – die Schmerzen beim Essen gehen zurück.
Aber: Parisi ernährt sich seit der OP komplett anders: Reis, Couscous, Quinoa, Dörrfrüchte stehen auf dem Menüplan. Zudem muss sie Multivitamin-Tabletten einnehmen, um einem möglichen Mangel vorzubeugen.
Was von der Essliste gestrichen werden musste: viele feine Speisen. Frittierte Dinge: unmöglich. Scharfe Sachen: unmöglich. «Ich vermisse scharfes Essen.» Zucker und Alkohol: nein. Eine ganze Pizza schafft sie nicht mehr. «Nur knapp zwei Stücke – ohne Rand.»
«Heute sind es 62 Kilo»
Irgendwann kommt der Appetit zurück. Parisi isst nicht sehr viel, die Kilos purzeln aber nicht mehr. «Vom Sommer 2025 bis Sommer 2026 passierte fast nichts.» Sie bleibt diesen Juli bei 67 bis 68 Kilo stehen. Und hilft mit der Abnehmspritze nach. Auch diese können helfen, bringen jedoch eine Vielzahl von Nebenwirkungen und gesundheitlichen Risiken mit sich. Häufig etwa Magen-Darm-Probleme. Selten, aber lebensgefährlich: eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse.
Im Fall von Parisi zahlt die Krankenkasse nicht. Sie muss selbst in die Tasche greifen: 180 Franken für vier Dosen. Pro Woche spritzt sie sich eine. «Die Spritze zügelt den Appetit», sagt sie. «Ich nehme sie seit einem Monat – und habe vier Kilo verloren.»
Parisi steigt beim Blick-Besuch auf die Waage. 64 Kilo. Eine Woche später meldet sie mit Freude: «Heute sind es 62 Kilo.»
Bis zu ihrem Wunschgewicht von 55 Kilo sind es noch 7 Kilo. Gesicht und Oberkörper gefallen ihr jetzt gut, sagt sie. «Grundsätzlich liebe ich meine Figur, ich möchte bloss den unteren Teil meines Körpers verbessern. Auch mit Turnübungen.» Sie sagt: «Mit bisschen dünneren Oberschenkeln würde ich mich wohler fühlen.»
«Fühle mich wunderschön»
Parisi hat seit der OP 50 Kilo verloren. Trotzdem hat sie kaum überschüssige Haut. «Nur ein bisschen an Oberarmen und Brüsten.» Am Bauch nichts. «Meine Ärztin war erstaunt wegen meiner Haut, als sie mich letztens nackt sah.» Aber: «Ich bin jung, mache Zumba, fahre Velo.»
Auch toll: Kilos runter, Selbstvertrauen rauf. «Ich vertraue meinem Körper und mir selbst», sagt Miriam Parisi. Seit November 2025 singt sie wieder in der Jazzband. «Ich schäme mich nicht mehr, auf die Bühne zu gehen.» Im Gegenteil: Sie könne es kaum erwarten, aufzutreten.
Kurz: «Ich fühle mich wunderschön!»