Darum gehts
- Nächtlicher Baulärm raubt den Anwohnern in Bassersdorf ZH den Schlaf
- Die SBB bieten Hotelübernachtungen an, doch Familien kritisieren die Lösung
- Die SBB versprechen kurzfristig Ruhe, doch Ende November folgen weitere Nachtarbeiten
Das Quartier «Im Bächli» in Bassersdorf ZH ist sich einiges an Lärm gewohnt. Auf den nahe gelegenen Gleisen rattern Züge vorbei. Es gibt diverse verkehrsreiche Strassen. Vom Fluglärm, den der nahe Flughafen zuweilen produziert, ganz zu schweigen.
Doch der Lärm, mit dem sich die Bewohner jetzt herumschlagen müssen, raubt ihnen nicht nur den letzten Nerv, sondern auch den Schlaf. Im Rahmen des Grossprojektes «Mehrspur Zürich–Winterthur» entsteht ab Bassersdorf der neun Kilometer lange Brüttenertunnel. Das Projekt soll 2037 abgeschlossen sein.
Um den eng getakteten Bahnverkehr nicht zu beeinträchtigen, findet ein Teil der Bauarbeiten mitten in der Nacht statt. Zum Leidwesen der Anwohner: Sie berichten gegenüber Blick von Lärm und Erschütterungen.
Alle Leute, die Blick bei einem Augenschein vor Ort antrifft, wissen über den nächtlichen Baustellenlärm Bescheid. Fast alle bestätigen, dass dies aktuell ein «riesiges Problem» sei.
«Ich wollte schon in der Badewanne schlafen!»
Die Anwohnerin Claire Gotham (49) leidet besonders unter dem nächtlichen Lärm: «Wir fühlen uns wie Zombies. Wir sind müde und erschöpft.» Die Arbeiten dauerten die ganze Nacht, erzählt sie. Zeitweise zittere ihr Bett in den frühen Morgenstunden wegen der Vibrationen der Baustelle. «Ich habe mir auch schon überlegt, in der Badewanne zu schlafen. Im Badezimmer gibt es wenigstens keine Fenster», erzählt sie.
Besonders hart für sie: «Mein Kind leidet. Es hat geweint und gesagt: ‹Mami, ich habe Angst, ins Bett zu gehen, weil ich sowieso nicht schlafen kann.›»
Hotelangebot für Betroffene
Margret Wolf (82) hat mehr Glück. Sie wohne nicht unmittelbar bei der Baustelle: «Ich höre fast nichts. Aber ich kenne verschiedene Leute, die sehr darunter leiden.» So habe sie kürzlich mit Betroffenen sprechen können: «Diese wohnen sehr nahe an der Baustelle. Sie halten den Lärm fast nicht mehr aus.»
Wolf erzählt, dass sich die Bekannten bei den SBB beschwert hätten. Daraufhin sei ihnen angeboten worden, während besonders lauter Bauphasen für einige Tage ins Hotel zu ziehen. Das Angebot hätten sie jedoch nicht angenommen.
Hotels sind für Familien keine Lösung
Dieses Angebot bestätigt auch John Corbett (53): «Die SBB übernehmen bis zu 150 Franken pro Nacht für ein Einzelzimmer und 200 Franken für ein Doppelzimmer.» Koste das Zimmer mehr, müsse man die Differenz selbst berappen.
Für Familien sei diese Lösung aber unpraktikabel: «Die meisten Familien hier haben mehrere Kinder. Ein Doppelzimmer reicht da nicht aus.» Er selbst ist Vater von zwei Kleinkindern.
Noch komplizierter wäre das Hotel für Familien mit schulpflichtigen Kindern: «Man kann doch nicht für eine Nacht ins Hotel gehen und morgens um fünf Uhr nach Hause gehen, damit die Kinder pünktlich in die Schule kommen.»
Die von den SBB finanzierte Hotel-Möglichkeit sorgt nicht nur deshalb für Aufregung: Wie Blick weiss, können sie bisher nur ausgewählte Anwohner nutzen. Nur die vordersten paar Wohnhäuser hatten einen entsprechenden Brief in der Post.
«Gilt die Nachtruhe für die SBB nicht?»
Martin G.* (90) wohnt rund 500 Meter von der Baustelle entfernt. Auch er hört den Lärm jede Nacht. «Es ist jeweils so laut, dass man das Gefühl hat, sie bauen bei mir im Garten.»
Seit rund zwei Wochen erwache er deswegen jede Nacht. Eine Lösung für das Problem hat er nicht: «Man muss es aushalten.» Er sehe zwar die Bedeutung des Bauvorhabens, gleichzeitig sei der nächtliche Baustellenlärm sehr schlimm für die Anwohner. «Ich frage mich, weshalb die öffentlichen Regeln wie die Nachtruhe nicht auch für die SBB gelten.»
Die SBB erklären sich
Auf Nachfrage zeigen die SBB Verständnis für die Sorgen der Anwohner: «Die SBB verstehen die Belastung der Anwohnenden und nimmt ihre Rückmeldungen sehr ernst», schreibt Mediensprecherin Carmen Hefti.
Nachtarbeiten fänden nur statt, wenn sie aus Sicherheitsgründen unumgänglich seien. Und: Sie verspricht kurzfristig eine Verbesserung der Situation: «In der kommenden Woche können die SBB auf die Arbeiten in der Nacht verzichten und alle Arbeiten tagsüber ausführen.» Erst Ende November käme es wieder zu nächtlichen Tätigkeiten.
«Noch zehn Jahre Lärm»
Ein kleiner Trost für die geplagten Anwohner. John Corbett sorgt sich beim Blick in die Zukunft: «Das wird jetzt noch zehn Jahre dauern. Ich glaube, das war erst der Anfang.»
Wenn die SBB den Anwohnern etwas Gutes tun wollten, könnten sie den Betroffenen ja ein GA schenken, schlägt er vor.
* Name bekannt